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Von Helga Zepp-LaRouche
Helga Zepp-LaRouche eröffnete das Online-Krisenforum des Schiller-Instituts am 1. September 2026 mit den folgenden Bemerkungen. (Der Text wurde leicht bearbeitet, Zwischenüberschriften hinzugefügt.) Das gesamte Forum finden Sie im Youtube-Kanal des Schiller-Instituts.
Guten Tag liebe Zuschauer, liebe Teilnehmer an diesem Seminar. Wir haben uns entschlossen, dieses Format zu wählen, um hoffentlich auf breiter Ebene eine Diskussion in Deutschland anzufachen, weil die meisten Menschen spüren – instinktiv und einige auch durch entsprechende Informationen unterfüttert –, daß Deutschland sich in einer beispiellosen Krise befindet. Trotz Kubakrise und anderer Krisen es gab in der gesamten Zeit seit 1945 nichts, was der jetzigen Lage vergleichbar wäre, und meine tiefste Überzeugung ist – und das sollten wir heute auch diskutieren: Wenn sich keine Änderung erreichen läßt, dann steht relativ kurzfristig die Existenz Deutschlands als Nation auf dem Spiel. Und das nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht – die Wirtschaft befindet sich in einem freien Fall –, sondern durchaus auch militärisch. Wir sind in Gefahr, in einen neuen Krieg verwickelt zu werden. Das heißt, unser Land ist in einer tödlichen Gefahr.
Ein Ausweg aus dieser Lage ist absolut möglich. Er wäre sogar relativ einfach, und die weiteren Vorträge heute werden sich mit Aspekten dieses Ausweges beschäftigen. Aber damit die Politik die Richtung ändern kann, brauchen wir unbedingt eine umfassende öffentliche Debatte, die es zur Zeit nicht gibt. Diese Debatte muß in alle Institutionen hineingetragen werden, und sie muß vor allem die Menschen erreichen, die im Augenblick noch gar keine Ahnung haben, wie existentiell gefährlich die Lage ist.
Es gibt ja eine Opposition, aber diese Opposition beschränkt sich auf eine Diskussion in den alternativen Medien, und auch dort ist die Diskussion um Alternativen und Lösungen so gut wie nicht vorhanden. Es sind eher „Meckerclubs“ und Beschwerdevereine, aber wo ein Ausweg liegt, das fehlt. Und als Folge davon ist ein großer Teil der Bevölkerung in einem sehr bedrückten Zustand. Die Leute sind depressiv. Man hört immer wieder: „Man kann ja doch nichts machen.“
Im Grunde ist dies das Resultat davon, daß wir von den Mainstream-Medien faktisch einer Vorkriegspropaganda ausgesetzt sind. Im Krieg ist es normal, daß Kriegspropaganda die Nachrichten beherrscht. Aber wir haben fast schon eine ähnliche Situation, wo man ganz klar feststellen kann, daß ein kognitiver Krieg gegen die Bevölkerung geführt wird, die die NATO-Narrative einfach schlucken soll. Dazu gehört, würde ich sagen, ein russophober Militarismus, eine Dämonisierung Rußlands. Heute wurde angeblich der Beweis gefunden, daß die Drohnen in Leipzig tatsächlich von Rußland lanciert wurden. Da will ich erst noch mal auf die Beweise warten! Und natürlich wird jetzt auch China mehr und mehr dämonisiert. Über die Globale Mehrheit, den Globalen Süden, die immerhin 85 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen, hört man so gut wie nichts. Wichtige Entwicklungen dort werden vollkommen ausgeblockt.
Ich will vielleicht mal einige Beispiele für diese Lage nennen. Das beste Beispiel für diese kognitive Kriegsführung ist im Augenblick, daß in Amerika eine offene Debatte geführt wird über den Einsatz von taktischen Atomwaffen in regionalen Konflikten, die Rußland und China involvieren – aber davon hört man in Deutschland in den Massenmedien nichts.
Am 18. August berichtete die Washington Times, daß der sogenannte
Kriegsstaatssekretär – der Verteidigungsminister in Amerika heißt ja jetzt
Kriegsminister, also heißt der Staatssekretär auch Kriegsstaatssekretär –
Elbridge Colby gegenüber dieser Zeitung berichtet hat, das Pentagon überprüfe
im Augenblick die Richtlinien zum Einsatz von taktischen Nuklearwaffen, um „dem
Präsidenten rationale nukleare Optionen an die Hand zu geben“. Mit anderen
Worten, wie der Präsident, das ist in dem Fall Präsident Trump, eventuell
„rational“ entscheiden könne, taktische Nuklearwaffen einzusetzen.
Schon bei dieser Vorstellung sollte es einem übel werden, denn die Vorstellung, daß ein Präsident, der so erratisch ist – um es mal milde auszudrücken –, diese Entscheidung fällen soll, die kann einem schon den Schlaf rauben.
Man muß dazu wissen, daß die USA niemals auf eine Erstschlagdoktrin verzichtet haben. Biden hatte das seinerzeit im Wahlkampf versprochen, hat es dann aber nie gemacht. Die USA behalten sich also das Recht auf einen Erstschlag mit Atomwaffen vor, und dazu gibt es auch viele öffentliche Erklärungen. Eine ganz signifikante war im November 2024, als Vizeadmiral Thomas Buchanan bei einer Konferenz in Washington davon gesprochen hat, die USA könnten einen taktischen Atomkrieg gegen Rußland oder China gewinnen, sie müßten nur darauf achten, daß sie anschließend noch genügend Atomwaffen übrig haben, um danach die Dominanz in der Welt zu behalten. Das wurde also ganz öffentlich dort ausgesprochen.
In der letzten Woche hat der ehemalige Fox TV-Moderator Tucker Carlson – der auch jetzt, nachdem er nicht mehr bei Fox TV arbeitet, sondern einen eigenen Kanal hat, Millionen von Zuschauern hat – dringend gewarnt, daß es im Weißen Haus und im Pentagon eine weit fortgeschrittene Debatte über den Einsatz taktischer Atomwaffen gibt. Und er schloß die Berichterstattung, indem er sagte, das sei eigentlich ein akuter Grund, Präsident Trump durch ein „Impeachment“ (Absetzungsverfahren) aus dem Amt zu entfernen.
Auch die ehemalige Trump-Anhängerin Marjorie Taylor Greene, frühere Kongreßabgeordnete und jetzt führende Person in dem abgespaltenen Teil von Trumps MAGA-Basis, aber auch der ehemalige Kabinettschef von Außenminister Colin Powell, Colonel Lawrence Wilkerson, und viele andere haben inzwischen öffentlich davon gesprochen, daß über diese Möglichkeit eines Einsatzes von Atomwaffen diskutiert wird, daß das im Pentagon eine Debatte ist.
Man sollte doch annehmen, daß ein solches existentielles Thema, das notwendigerweise Deutschlands Existenz berührt – weil kein taktischer Atomkrieg begrenzt bleiben wird, das ist eine vollkommen falsche Vorstellung: Man sollte meinen, daß ein solches Thema massenhaft Kommentare in der Politik und Medien in Deutschland und Europa erzeugen würde. Aber ich habe extra nochmal nachgesehen: Nur vielleicht ein, zwei Zeitungen – die Berliner Zeitung, die Stuttgarter Zeitung – haben das quasi im Nebensatz erwähnt.
Was nötig wäre, wäre eine klare Stellungnahme des Bundeskanzlers, der Minister, anderer Parteivertreter, der Medien, daß wir mit dieser Politik absolut nichts zu tun haben wollen! Daß, wenn das nicht anders zu lösen ist, ein Austritt aus der NATO die einzige Folge ist, und daß wir nicht Teil sein wollen von einem Selbstmordkommando, wo im Ernstfall Deutschland aufhört zu existieren!
Das ist keine akademische Frage, weder im Fall des Kriegs in der Ukraine noch in Südwestasien. Denn in beiden Fällen besteht die Gefahr einer Ausweitung und im schlimmsten Fall des Einsatzes von Atomwaffen, etwa von Israel oder Amerika gegen den Iran – das wurde ganz offen diskutiert – oder auch, daß die Lage in der Ukraine aus dem Ruder läuft und es dann eskaliert und zum Einsatz von Nuklearwaffen kommt.
Die akuteste Bedrohung in Bezug auf die Ukraine kommt aus Großbritannien, das mit seiner Lieferung von Raketen und Drohnen mit einer Reichweite tief ins Territorium von Rußland viele rote Linien überschritten hat, worauf Rußland schon gesagt hat, sie werden eine symmetrische Antwort auf alle diese Angriffe finden.
In Bezug auf den Krieg gegen Iran, der ein wirklicher Angriffskrieg war – ein unprovozierter Angriffskrieg, denn für die USA bestand keine Bedrohung –, haben wir jetzt eine Situation, wo nach sechs Monaten Krieg keines der Kriegsziele erreicht wurde. Weder ist die Regierung in Teheran ausgewechselt, noch hat Teheran sein Nuklearprogramm aufgeben müssen. Im Gegenteil, die moderaten Kräfte sind jetzt durch mehr Hardliner ersetzt. Die Straße von Hormus, die vorher vollkommen frei war, ist jetzt besetzt.
Das hat zu einem enormen Prestigeverlust der stärksten Militärmacht USA zusammen mit einer ebenfalls starken Militärmacht Israel geführt. Sie konnten sich gegen eine Mittelmacht nicht durchsetzen, und dadurch ist die gesamte Sicherheitsarchitektur in Südwestasien in Scherben.
Und jetzt haben wir eine Situation, wo die USA kaum noch Reserven an Raketen oder Raketenabwehrsystemen haben, während sich die iranische Wirtschaft und auch ihre Militärproduktion als sehr widerstandsfähig erwiesen haben.
Dazu kommt jetzt, daß die Lage in Amerika immer chaotischer wird, weil viele Kräfte im Militär laut heutiger Washington Post die Fortsetzung des Krieges ablehnen. Heute ist die Nachricht gekommen, daß der Armeeminister, also der Chef der US-Armee, Dan Driscoll zurückgetreten ist, wegen Spannungen mit Pete Hegseth, dem Kriegsminister.
Jetzt setzen die USA aufgrund eben dieser Tatsache, daß sie militärisch nicht gegen den Iran vorgehen können, auf die „Operation Economic Outcast“, also quasi totale Wirtschaftskriegsführung gegen den Iran und gegen alle Länder, die da nicht mitmachen.
Als er gefragt wurde, warum die USA das nicht sofort gemacht haben, sondern noch ein paar Tage gewartet haben, antwortete Finanzminister Scott Bessent: „Ich will doch nicht, daß die Weltwirtschaft kollabiert.“ Also ist es ihm vollkommen klar, daß das zum Kollaps führen könnte. Das hat ihn aber nicht gehindert, noch mal eins draufzusetzen und zu sagen, die USA seien bereit, „finanzielle Gewalt“ anzuwenden, auch gegen Staaten, die sich nicht diesem Sanktionsregime beugen.
Aber das tun die natürlich nicht. China hat schon abgelehnt, sich zu beteiligen, Rußland und Indien auch. Beim G-20-Gipfel, der gerade jetzt in North Carolina stattfindet, macht Bessent massiven Druck. Aber das funktioniert nicht, weil gleichzeitig eine ganze Serie von Gipfeln von Staaten des Globalen Südens stattfinden: das Treffen der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit in Bischkek, das heute endet und wo eine sogenannte Bischkek-Erklärung abgegeben wurde, die hochinteressant ist; dann ab heute das Wladiwostok-Wirtschaftsforum im Fernen Osten Rußlands, dann am 14. und 15. September die BRICS-Jahrestagung in Neu-Delhi.
Es gibt im Augenblick in den BRICS und bei den SCO eine Diskussion unter Ökonomen, daß diese Staaten als Reaktion auf die Drohung von Bessent eine eigene digitale Verrechnungseinheit für ihren Handel untereinander einführen sollen. Es gibt den Vorschlag, zunächst einen goldgedeckte Stablecoin einzuführen, was dann ergänzt würde durch einen Korb von in der SCO produzierten Waren.
Es ist also möglich, daß diese Länder als Reaktion auf Bessents Drohungen und den Sanktionskrieg irgendwann – vielleicht schon sehr bald – sagen: Wir machen unsere eigene Währung. Und dann haben wir den Salat, zumindest vom Standpunkt der auf den Dollar fixierten Länder.
Die Bischkek-Erklärung enthält eine eindeutige Solidarisierung mit dem Iran, und angesichts dieser Lage ist es höchste Zeit für Deutschland, eine neue Lagebeurteilung vorzunehmen und wirklich ernsthaft zu überlegen: Wie sollen wir uns in dieser tektonischen strategischen Veränderung positionieren?
Ganz kurz ein Rückblick: Wo ist die Sache schief gelaufen, daß wir zu dieser Lage kommen konnten? 1989, vor 37 Jahren, gab es den Fall der Mauer. Am 31. Januar 1990 hat Hans-Dietrich Genscher in seiner berühmten Rede in Tutzing fest ausgesagt: Es gibt keine Ostausweitung der NATO. Dasselbe wurde dann im Januar, Februar nochmal versprochen vom damaligen amerikanischen Außenminister James Baker gegenüber Gorbatschow und Schewardnadse. Viele Leute haben das als Sternstunde der Menschheit betrachtet – die Wiedervereinigung.
Unsere Bewegung hat damals einen Plan gehabt, das sogenannte „Produktive Dreieck“, wie man den Warschauer Pakt und die Comecon-Staaten durch westliche Technologie hätte modernisieren und damit den Übergang hätte regeln können. Wir haben das 1991, als sich die Sowjetunion aufgelöst hat, zur Eurasischen Landbrücke ausgeweitet, und das ist im wesentlichen das, was wir heute mit Chinas Seidenstraßen-Initiative, der Belt and Road Initiative sehen.
Das wurde damals abgelehnt, weil sich in Amerika die Neocons um die Wolfowitz-Doktrin gruppierten. Die Wolfowitz-Doktrin besagte, daß Amerika nie erlauben wird, daß ein Land oder eine Gruppe von Ländern jemals an Amerika wirtschaftlich und militärisch vorbeizieht, mächtiger werden darf.
Das führte dann in den folgenden Jahren zu sechs NATO-Ausweitungen, entgegen der Versprechungen, die gegeben waren, und Rußland hat in der Zeit viele Male Warnungen ausgesprochen, was sie als rote Linien betrachten. Vor allem sei es absolut inakzeptabel, daß die Ukraine jemals in die NATO kommt.
Dann kam, wir erinnern uns noch, 2014 der Maidan-Coup, die gebrochenen Versprechen von Minsk II. Im Dezember 2021 hat Putin dann nochmals den USA und der NATO ein Ultimatum gestellt und verlangt, daß bindende Garantien gegeben werden für die fundamentalen Sicherheitsinteressen Rußlands. Das wurde einfach ignoriert. So kam es zu der sogenannten „Militärischen Sonderoperation“.
2023 wurde dann Deutschland durch die Explosion von NordStream-Pipelines vom billigen russischem Gas abgeschnitten und mußte in der Folgezeit teures LNG-Gas in Amerika kaufen.
Als Konsequenz davon – als ein ganz wichtiges Element in einer Vielzahl von Elementen – ist die deutsche Wirtschaft nicht mehr wettbewerbsfähig. Alleine 2025 gab es einen Verlust von 177.000 industriellen Arbeitsplätzen. Die sogenannte normale Staatsverschuldung Ende 2025 lag bei 2,4 Billionen. Das ist natürlich im Verhältnis zu den 40 Billionen, die die USA gerade überschritten haben, immer noch „milde“ – in Anführungszeichen.
Aber die Schuldenquote von 63 Prozent betrifft nur den Kernhaushalt. Dazu muß man jetzt in neuester Zeit noch die Schulden aus den sogenannten Sondervermögen zählen, die vom IFO-Wirtschaftsinstitut als „Etat-Trickserei“ bezeichnet worden ist, weil das natürlich auch Schulden sind. Zusätzlich zu der Kernverschuldung haben wir eine Schattenverschuldung von 900 Milliarden. Einige Quellen sprechen von einer effektiven Schuldenquote von 90 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, und die Gesamtverschuldung, also Kern- und Schattenverschuldung, liegt danach bei 3,5 Billionen, mit steigender Tendenz.
Abb. 1: Schuldenfinanzierung des Bundeshaushalts 2016 bis 2026
Die Zinsquote lag 2025 bei 7 Prozent, wird aber, wenn das jetzt ungebremst weitergeht, für 2030 auf 18,1 Prozent projiziert. Das heißt, im Jahr 2030 wird jeder fünfte Steuer-Euro für Zinszahlungen ausgegeben.
Jetzt sehen Sie sich bitte mal die folgenden drei Grafiken an. Zuerst haben wir die Schuldenfinanzierung des Bundeshaushalts 2016 bis 2026 (Abbildung 1). Da sieht man eben, daß der Anteil dieser Schattenverschuldung seit 2024 rapide angestiegen ist.
Wenn man jetzt die steigende Zinslast am Bundeshaushalt betrachtet
(Abbildung
Jetzt haben wir also eine Situation, wo wir nochmals eine dramatische Preissteigerung haben durch den Irankrieg. Wenn die Straße von Hormus geschlossen bleibt, droht innerhalb kurzer Zeit, also noch diesen Herbst, ein Absturz und eine globale Depression.
Man könnte diese Analyse noch um vieles vertiefen, aber ich möchte jetzt doch ganz kurz sagen: Es gibt eine Alternative, die ganz, ganz einfach zu ergreifen wäre. Deutschland ist eine Exportnation, die seit der industriellen Revolution, seit Bismarck, immer dieselbe Situation hatte: Wir haben wenig Rohstoffe, aber durch eine hohe Rate von wissenschaftlichem und technologischem Fortschritt und eine hohe Exportrate konnten wir einen sehr hohen Lebensstandard erreichen.
Jetzt sind unsere Exportmärkte natürlich in massive Schwierigkeiten geraten, aber wir haben eine neue strategische Situation: Der Globale Süden – wie gesagt 85 Prozent der Menschheit – ist im Augenblick dabei, 500 Jahre Kolonialzeit zu beenden, d.h., nicht mehr nur rohstoffliefernde Staaten zu sein. Vor allem durch die Kooperation mit China, das ja in den letzten 40 Jahren einen gigantischen Aufstieg vollzogen hat, und durch die Seidenstraßen-Initiative sind die Länder des Globalen Südens in der Lage, das Ziel, sehr bald zu Mittelklasse-Einkommensstaaten zu werden, in absehbarer Zeit erreichen zu können. Und in dieser Neuordnung ist es absolut unerläßlich, daß Deutschland mit diesem Globalen Süden in einen aktiven Kooperationsprozeß eintritt.
Afrika wird in 24 Jahren, im Jahr 2050, 2,5 Milliarden Menschen haben. Das ist eine Milliarde mehr als jetzt. Das heißt, wir müssen Bedingungen dafür schaffen, daß diese Menschen in ihrer Heimat bleiben können, was im übrigen eine ganz klare Forderung von Papst Leo XIV. ist, wie er wiederholt in Spanien betont hat. Wir müssen diesen Menschen in Afrika beim Aufbau ihrer Länder helfen, damit dort in den nächsten 25 Jahren eine Milliarde Arbeitsplätze geschaffen werden können. Das heißt, wir brauchen integrierte Infrastruktur: Straßen, Eisenbahnen, Wasserwege, Elektrifizierung für 600 Millionen Menschen, die jetzt noch keinen Zugang zur Elektrizität haben.
Dazu gibt es einige bahnbrechende Projekte, die die Lage dramatisch verändern würden. Das sind zum Beispiel das Transaqua-Programm und die Inga-Dämme, die Wasser aus dem Kongo benutzen würden, um zwölf Anrainerstaaten zu industrialisieren. Ein Beispiel ist der Grand Ethiopian Renaissance Dam (GERD), ein Projekt, das sehr erfolgreich eine Kooperation zwischen China, Äthiopien, Italien und Frankreich demonstriert hat. Afrika muß also industrialisiert werden.
Dann hat sich gerade, wenn man den Nahen Osten betrachtet, als Reaktion auf den Irankrieg die Mekka-Allianz gebildet, das ist ein neues Bündnis zwischen Pakistan, Türkei und Saudi-Arabien. Wir haben seit einiger Zeit den „Erweiterten Oasenplan“ vorgeschlagen: daß man die gesamte Region von Südwestasien, von Indien bis zum Mittelmeer, vom Kaukasus bis zum Golf, was alles Wüste ist, mit chinesischer Technologie in Wälder und Landwirtschaft verwandelt.
China hat da in den letzten Jahren enorme Durchbrüche gemacht. Sie haben zwei Regionen von der Größe Deutschlands aus Wüste in Grünland verwandelt, und sie haben auf unseren Konferenzen schon gesagt, daß China die Technologie hat, das gleiche in Südwestasien zu machen.
Wenn man das mit der Verlängerung der bestehenden Entwicklungskorridore verbindet, dann kann Südwestasien wieder der Knotenpunkt werden zur Verbindung von Asien, Afrika und Europa, so wie es zur Zeit der alten Seidenstraße war.
Und jetzt haben viele Staaten schon gesagt, sie wollen da auch teilnehmen, u.a. Bangladesch, insgesamt 21 afrikanische und islamische Staaten wollen ebenfalls bald Teil dieser Mekka-Allianz werden. Das heißt, auch der Nahe Osten kann wieder aufgebaut werden.
Es gibt also ganz konkrete Perspektiven, aber das erfordert ein Umdenken. Wir brauchen im Nahen Osten eine neue Sicherheitsarchitektur, aber wir brauchen sie auch auf globaler Ebene, anknüpfend an den Westfälischen Frieden und die Idee, daß man die Interessen aller anderen berücksichtigen muß, wie das im Westfälischen Frieden der Fall war – daß wir zu einem Konzept der unteilbaren Sicherheit kommen müssen, man also nicht die Sicherheitsinteressen eines Landes vollkommen ignorieren kann. Denn die Geschichte beweist, daß das immer der Einstieg war für den nächsten Krieg.
Und nicht zuletzt brauchen wir dringend eine kulturelle Renaissance in Deutschland und in ganz Europa. Denn die Asiaten, die im Augenblick enorme Wachstumsraten haben, sind deshalb in einem viel besseren Zustand, eben weil sie ihre zum Teil jahrtausendealte Kultur wiederbelebt haben und darauf aufbauend eine Perspektive für eine optimistische Zukunft entwickeln.
Aber wir in Deutschland haben unsere wunderbare Klassik in die Mottenkiste
getan, und wir müssen diese Klassik von Nikolaus von Kues, Leibniz, Bach bis
Beethoven, Schiller, Einstein in Wissenschaft und Kultur wiederbeleben. Und
das, denke ich, würde Deutschland fit machen, um bei dieser neuen Weltordnung
zu kooperieren.
Soviel erst mal zur Einleitung.
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