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* * * Internetforum mit Helga Zepp-LaRouche * * *
Neue Solidarität
Nr. 37, 16. September 2021

Nach dem Rückzug aus Afghanistan:
Eine Chance, die wir nicht verpassen dürfen

Von Alexander Hartmann

Wenn die Welt des 20. Jahrestages der Anschläge des 11. September 2001 gedenkt, die zum Krieg in Afghanistan und zur Schaffung eines Überwachungsstaates führten, muß der Blick darauf gerichtet sein, welcher Weg nun, nach dem unrühmlichen Ende der westlichen Militäraktionen in Afghanistan, einzuschlagen ist. Zu diesem Zweck veranstaltet das Schiller-Institut in New York City am 11. September – nach Redaktionsschluß dieser Ausgabe unserer Zeitung – eine internationale Online-Veranstaltung mit dem Titel „Der Weg voran nach Afghanistan, dem 11. September, und dem Überwachungsstaat“. Am Vorabend der Veranstaltung gibt der New Yorker Chor des Schiller-Instituts ein „9/11-Gedenkkonzert“ unter dem Motto „Das Agnus Dei aus Beethovens Missa Solemnis – Friede für uns und die Welt“, das live aus Manhattan übertragen wird.

Diese Veranstaltungen (deren Mitschnitte auf der Internetseite des Schiller-Instituts veröffentlicht werden) verkörpern die Entschlossenheit, alle Initiativen zu unterstützen, die in diesem Moment erforderlich sind, um den Wiederaufbau in Afghanistan in Gang zu bringen und die Welt aus der Zerstörung in eine neue Ära der Zusammenarbeit zu führen.

Aber damit sich die Welt in eine positive Richtung bewegt, sind auch die Bürger aufgerufen, klar auszusprechen, was getan werden muß. In diesem Geiste veröffentlichte die Präsidentin des Schiller-Instituts, Helga Zepp-LaRouche, am 5. September die Erklärung „Ist der ,Westen‘ lernfähig? Was Afghanistan jetzt braucht“, um in aller Welt Unterstützer für ihre Initiativen zu gewinnen und weitere Erklärungen und Initiativen in diesem Sinne zu veranlassen (siehe Neue Solidarität 36/2021).

In ihrem Internetforum vom 8. September erläuterte Helga Zepp-LaRouche die Gründe für diese Intervention. Trotz all der „lächerlichen Angriffe“ in den westlichen Medien auf Präsident Biden und dessen Entscheidung zum Rückzug der US-Truppen aus Afghanistan sei es einfach eine Tatsache, „daß die Taliban dort sind. Ich denke, die Russen und die Chinesen nehmen die Haltung ein, daß sie erst einmal sehen wollen, ob die Taten der Taliban ihren Versprechen folgen.“

Die Menschen im Westen müßten verstehen, „daß es nur zwei mögliche Wege gibt: Wenn man jetzt versucht, die Taliban zu stürzen, wie es General Milley oder Senator Lindsey Graham aus den Vereinigten Staaten, Tony Blair und Theresa May und viele andere verlangen, dann endet man im Bürgerkrieg.“ Eine Fortsetzung des Bürgerkriegs würde jedoch „unglaublich schreckliches Leid über die afghanische Bevölkerung bringen“ und könne die Region, die immer der „Kampfschauplatz des ,Großen Spiels‘ des Britischen Empire war“, erneut in Instabilität stürzen. „Es ist einfach völlig verrückt, so etwas zu forcieren.“

Sie verwies in diesem Zusammenhang auf die gigantische humanitäre Krise in Afghanistan: „Nach Angaben von David Beasley vom Welternährungsprogramm sind dort 18 Millionen Menschen von Ernährungsunsicherheit betroffen; 4 Millionen laufen Gefahr, im kommenden Winter an Hunger zu sterben; es gibt eine Pandemie. Die Situation erfordert wirklich eine radikale Veränderung.“

Aber es gebe eine Alternative, denn die Nachbarländer Afghanistans – die zentralasiatischen Länder sowie Pakistan, Iran, Indien, Rußland und China – verfolgen einen völlig anderen Ansatz: „Sie sagen, es muß eine wirtschaftliche Entwicklung geben. Die Taliban haben sehr deutlich gemacht, daß sie chinesische Investitionen in Afghanistan im Zusammenhang mit der Neuen Seidenstraße willkommen heißen.“ Alle anderen beteiligten Länder seien entschlossen, die Chancen für wirtschaftlichen Wiederaufbau im Rahmen der eurasischen Wirtschaftsintegration der Gürtel- und Straßen-Initiative zu nutzen.

Tatsächlich erklärte das chinesische Außenministerium, das von Pakistan einberufene Treffen am 8. September, an dem neben China fünf weitere Nachbarländer Afghanistans teilnahmen, markiere den Beginn der weiteren Zusammenarbeit. Der Sprecher des Ministeriums, Zhao Lijian, sagte, das Treffen bedeute „die Einrichtung eines Koordinations- und Kooperationsmechanismus durch die Nachbarländer... Dieser Mechanismus geht Hand in Hand mit anderen bestehenden multilateralen Mechanismen im Zusammenhang mit der Afghanistan-Frage, sie können sich gegenseitig ergänzen und Synergien bilden... Die Hoffnung, die zweite Konferenz auszurichten, wurde bereits geäußert.“

Vor Ort hat die institutionelle Unterstützung bereits begonnen. Am 6. September flog das erste von drei Flugzeugen mit Tonnen medizinischer Hilfsgüter der Weltgesundheitsorganisation nach Masar-e Scharif. Der UN-Logistikdienst, der vom Welternährungsprogramm betrieben wird, twitterte Fotos des Flugzeugs und der Fracht, um auf das Engagement hinzuweisen. Am 9. September twitterte Ärzte ohne Grenzen, daß sie die fünf Krankenhäuser, die sie in Afghanistan betreiben, offen halten konnten. China kündigte an, daß es 3 Mio. Dosen COVID-19-Impfstoff sowie Lebensmittel, Medikamente und andere Hilfsgüter im Wert von 30 Mio. Dollar schicken wird. Der internationale Flughafen von Kabul ist jetzt voll funktionsfähig, am 9. September startete eine Maschine mit hundert Personen, darunter mehrere US-Amerikaner, und landete sicher in Katar.

Die notwendige Neuausrichtung, die sich aus der Situation in Afghanistan ergibt, erfordert ein Umdenken bei allen Institutionen. Dies wurde auf dem jährlichen Treffen der Staatsoberhäupter der BRICS-Gruppe (Brasilien, Rußland, Indien, China, Südafrika) am 9. September deutlich, das per Internetschaltung stattfand und von Indien ausgerichtet wurde. Alle Präsidenten der beteiligten Nationen sprachen, und dabei stand Afghanistan ganz oben auf der Tagesordnung

Rußlands Präsident Wladimir Putin betonte, der Abzug der Amerikaner und ihrer Verbündeten aus Afghanistan habe „eine neue Krisensituation verursacht... Natürlich setzen sich Rußland und seine Partner bei den BRICS-Mitgliedern für den lang ersehnten Frieden und Stabilität auf afghanischem Boden ein.“ Die Partnerschaft der BRICS-Staaten sei in vielen schwierigen Situationen gefragt. „In der Tat wächst die Autorität unserer Vereinigung, und ihre Rolle in internationalen Angelegenheiten nimmt zu; das ist deutlich spürbar.“

Die NATO: Besiegt von 65.000 Taliban

Wie Zepp-LaRouche erklärte, steht dies „in krassem Gegensatz zu der hysterischen Politik von Blair, einem der Architekten der gesamten Interventionspolitik, den man lieber für die Folgen seiner Politik zur Rechenschaft ziehen sollte, statt zuzulassen, daß er auf neue Kriege drängt. Ähnlich fordert Theresa May absurderweise, man sollte eine neue Koalition ohne die Vereinigten Staaten bilden, um den Krieg fortzusetzen.“

Angesichts des Scheiterns dieser Politik eines 20jährigen Krieges in Afghanistan und damit auch der anderen Interventionskriege, aber vor allem jetzt in Afghanistan, müßten die Menschen darüber nachdenken, „was für eine gigantische Jahrtausend-Niederlage das für die NATO ist! Die mächtigste Armee der Welt, die Vereinigten Staaten, plus die NATO waren dort, und sie wurden von wem besiegt? Von 65.000 Taliban-Kämpfern. Wenn das keine vernichtende Niederlage ist! Vergessen Sie den Rückzug aus Kabul. Worüber wir nachdenken müssen, ist die Tatsache, daß die US-Armee und die NATO von ganzen 65.000 Taliban-Kämpfern besiegt wurden! Bevor irgendwelche idiotischen Politiker eine Fortsetzung dieses Krieges fordern, sollten sie darüber nachdenken! Aber offensichtlich haben diese Politiker die Fähigkeit dazu verloren.“

Sie beschrieb auch die Alternative: „Der einzige andere Ansatz ist der, den ich vorschlage. Wir haben schon vor langer Zeit im Zusammenhang mit der Neuen Seidenstraße und der Eurasischen Landbrücke, deren integraler Bestandteil Afghanistan sein muß, vorgeschlagen, daß jetzt ernsthafte Anstrengungen zum wirtschaftlichen Wiederaufbau der afghanischen Wirtschaft unternommen werden müssen. Wir haben Programme dazu geschrieben: zum Beispiel ein Infrastrukturprogramm, das den CPEC-Korridor – den chinesisch-pakistanischen Wirtschaftskorridor – nach Kabul und nach Zentralasien ausdehnt, andere Infrastrukturprojekte, aber vor allem ein wirklich modernes Gesundheitssystem, denn die Pandemie ist ein großes Problem, ebenso wie der Hunger.“

Dazu müsse der Finanzkrieg beendet werden: „Die Federal Reserve hält 9 Mrd. Dollar an afghanischen Guthaben zurück; sie sollte sie sofort freigeben… Wenn man Afghanistan die Mittel vorenthält, treibt man die Taliban natürlich dazu, den Schlafmohnanbau wieder aufzunehmen, und das wäre verheerend, weil es dem Drogenhandel Aufschwung verleihen würde. Das würde viele Menschen in Rußland, in Europa, in China und in Afghanistan selbst in den Tod reißen. Deshalb muß der Westen ein Programm auflegen, das den afghanischen Bauern hilft, den Opiumanbau durch eine moderne landwirtschaftliche Produktion zu ersetzen.“

Dies sei durchaus möglich und sei schon einmal erreicht worden, im Jahr 2000, „als Pino Arlacchi, der italienische Wissenschaftler und Politiker, Leiter des Anti-Drogen-Programms der Vereinten Nationen war; er war damals stellvertretender Generalsekretär. Und es gelang ihm, mit den Taliban ein Abkommen auszuhandeln, unter dem sie die Opiumproduktion ausmerzten.“

Sie schlage daher vor, „daß die westlichen Länder, die Europäische Union und die Vereinigten Staaten, sich darauf einigen, Pino Arlacchi erneut als Verhandlungsführer für ein solches Abkommen zu benennen, um die Opiumproduktion zu stoppen und die Schaffung und den Aufbau des Gesundheitssystems zu koordinieren. Er wäre die perfekte Wahl, weil er offensichtlich das Vertrauen der Taliban gewonnen hat, um ein solches Abkommen zu erreichen… Arlacchi mit dieser Aufgabe zu betrauen, wäre auch ein Signal, daß der Westen bereit ist, mit Rußland, mit China, mit den Nachbarländern Afghanistans bei einem solchen Wiederaufbauprogramm zusammenzuarbeiten. Und ich denke, daß jeder, der Frieden will, jeder, der das Leiden der Bevölkerung in Afghanistan beenden will, einem solchen Vorschlag zustimmen und ihn unterstützen sollte.“