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Neue Solidarität
Nr. 28, 13. Juli 2017

Eine Würdigung Sylvia Olden Lees

Frühere Schüler und Freunde von Sylvia Olden Lee erinnerten in einem Konzert in New York an das Leben und Wirken der bekannten Gesangslehrerin, die am 29. Juni 100 Jahre alt geworden wäre.

Die Foundation for the Revival of Classical Culture (Stiftung für die Wiederbelebung der klassischen Kultur) in New York veranstaltete am 29. Juni gemeinsam mit dem Schiller-Institut und dem Harlem Opera Theater ein Konzert in der New Yorker Carnegie Hall zum Gedenken an die große Gesangslehrerin und Begleiterin Sylvia Olden Lee, die an diesem Tag 100 Jahre alt geworden wäre. Das Konzert mit vielen bekannten Künstlern vor 2000 Zuhörern wurde ein großer Erfolg, worüber wir demnächst noch ausführlicher berichten werden.

In einer Presseerklärung der Stiftung einige Tage vor dem Konzert heißt es: „Die Stiftung für die Wiederbelebung der klassischen Kultur freut sich, bekannt geben zu können, daß das Büro des Bürgermeisters der Stadt New York eine Proklamation erlassen wird, die den 29. Juni zum ,Sylvia-Olden-Lee-Tag’ erklärt. Sylvia Olden Lee war eine großartige Künstlerin und eine Pionierin der Metropolitan Opera. Als bekennende ,Enkelin eines Sklaven’ spielte Sylvia eine entscheidende Rolle dabei, daß afroamerikanische Künstler erstmals Zugang zur Bühne der Metropolitan erhielten. Sie lebte viele Jahre lang in New York. Ihre Errungenschaften leben fort im Werk des Harlem Opera Theater und vieler musikalischer Einrichtungen und Persönlichkeiten. Sie ist eine wirkliche ,unerkannte Heldin’, die Anerkennung verdient.“

Die Bezeichnung „unerkannte Heldinnen“ ist in Amerika seit Erscheinen des gleichnamigen Buches und Filmes (engl. Hidden Figures) über die ersten afroamerikanischen Mitarbeiterinnen der NASA sprichwörtlich geworden (siehe Neue Solidarität 9/17).

Die Proklamation des Bürgermeisters wurde bei dem Gedächtniskonzert am 29. Juni in der Carnegie Hall verlesen. Weitere Würdigungen und Grußbotschaften kamen von vielen Seiten, darunter den Künstlern Jessye Norman, George Shirley, Bobby McFerrin und vielen anderen. (Zwei dieser Erklärungen, von der Vorsitzenden des Schiller-Instituts Helga Zepp-LaRouche und von Eugene Thamon Simpson, finden Sie weiter unten.) An dem Konzert, zu dem rund 2000 Hörer kamen, wirkten zahlreiche frühere Schüler und Freunde Sylvia Olden Lees mit, darunter Simon Estes, Gregory Hopkins, Osceola Davis, Everett Suttle, Indira Mahajan, Rosa D’Imperio, Kevin Short, Elvira Green, Patrice P. Eaton, Robert Sims und Richard Alston sowie der New Yorker Chor des Schiller-Instituts und andere Chöre.

Sylvia Lee gab in den 90er Jahren gemeinsam mit ihrem Freund William Warfield in stundenlangen Sitzungen ihr Wissen an Mitglieder der Chöre des Schiller-Instituts weiter, dessen Vorstandsmitglied sie war, und sie bereiste im Rahmen ihres Projekts SYLVIA („Saving Young Lyric Voices in Advance“ – „Junge lyrische Stimmen vorbeugend retten“) Europa und die Vereinigten Staaten, um ein breiteres Publikum für die klassische Musik zu gewinnen.

Sie arbeitete eng mit Lyndon LaRouche und Helga Zepp-LaRouche zusammen und war begeistert über deren Projekt, in den klassischen Musikaufführungen zur „Verdi-Stimmung“ (c’=256 Hz) zurückzukehren, wo der Kammerton a’ bei etwa 427-432 Hz liegt, merklich tiefer als heutzutage auf den modernen Opernbühnen, wo er meist zwischen 440 und 450 Hz liegt.

Das erfolgreiche Konzert erfüllte weitestgehend alle Anforderungen an eine wahrhaft klassische Aufführung. Richtiger Stimmsitz, die Verdi-Stimmung und die monatelangen Proben des (nichtprofessionellen) Chores in dieser Stimmung trugen dazu wesentlich bei.

Die einheitliche Gesamtwirkung des Konzertes, sozusagen sein „Orgelpunkt“, lag jedoch in der lebendigen Demonstration von Sylvia Lees wichtigster Lehre an alle, die mit ihr an der korrekten, schönsten Stimmprojektion arbeiteten: „Denkt an den Text!“ Dabei war „Text“ für sie gleichbedeutend mit „Idee“. Bei sämtlichen Varianten vielfältiger musikalischer Darbietungen – Spirituals, Opernarien und -ensembles, deutsche Kunstlieder, Chorwerke, sogar ein Klavierstück von Schubert – stand dahinter der entscheidende Gedanke, daß jede dieser Kompositionen als notwendige Illustration der Facetten von Lees musikalischer Mission auf dem Programm stehen mußte. Das ist das höchste, was man von einem solchen Abend erhoffen kann, und das wurde erreicht.

Bewegend war die Ansprache von Sylvias enger Freundin und Mitarbeiterin Elvira Green, die Sylvia Olden Lee in den Herzen aller auferstehen ließ, auch denen vieler Zuhörer, die sie niemals persönlich kannten. Das Konzert hat die 2000 Zuhörer für immer verändert.     ds

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Grußwort der Gründerin und Präsidentin des Schiller-Instituts, Helga Zepp-LaRouche

Sylvia Olden Lee war eine der absolut herausragenden Künstlerinnen, die in der Lage sind, das Wesen eines Musikstücks herauszukristallisieren, die wahre Idee, die nur jenen Menschen zugänglich ist, die die Absicht des Poeten und des Komponisten erfassen. In ihrem Leben vermittelte sie vielen Schülern und anderen Menschen, die sie inspirierte, das Wissen, wie der Künstler, der Sänger oder der Instrumentalist bescheiden hinter die Komposition zurücktritt, aber gleichzeitig auch seine oder ihre eigene Individualität in die Aufführung einbringt, um sie sowohl einzigartig als auch absolut wahr zu machen.

Dabei war sie stets spielerisch, polemisch, voller Humor, tiefgründig und von entwaffnender Offenheit, und indem sie alle diese Eigenschaften zeigte, befreite sie ihre Schüler und das Publikum aus ihren normalerweise unerhabenem Zustand und erhob sie auf die höhere Ebene der wahren Kunst. Sie war wie nur wenige in der Lage, ihre Umgebung direkt am kreativen Prozeß teilhaben zu lassen, in der gewissenhaften Arbeit an jener Art der Vervollkommnung, die man braucht, um wirkliche Kunst – und nicht bloß schöne Töne – hervorzubringen.

Die Nachmittage und Abende, an denen sie an einem unserer Musikabende oder Meisterklassen in Virginia teilnahm, zusammen mit William Warfield, Robert McFerrin und anderen klassischen Künstlern, gehören für meinen Ehemann Lyndon LaRouche und mich selbst zu den schönsten Erinnerungen. Sylvia und Bill waren viele Jahre lang Vorstandsmitglieder des Schiller-Instituts und leisteten unschätzbare Beiträge zu seiner Arbeit.

Wenn man sich an Sylvia erinnert, dann wünscht man sich plötzlich, sie wäre noch unter uns, weil die Menschheit das, was sie lehrte, so dringend braucht.

Helga Zepp-LaRouche

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Eine Hundertjahrfeier des Lebens von Sylvia Olden Lee

Von Eugene Thamon Simpson, Ed.D.

Jede Hundertjahrfeier des Lebens von Sylvia Olden Lee muß ein Rückblick auf ihre Herkunft, ihre Ausbildung, ihr Werk, ihren Einfluß und die Leben derer sein, die sie berührte. Auch wenn sie den Ausdruck „geboren als Enkelin von Sklaven“ liebte, wurde Sylvia Olden am 29. Juni 1917 in eine privilegierte Familie in Meridian/Mississippi geboren. Ihr Vater, James Olden, ein Prediger, und ihre Mutter Sylvia Ward waren beide Absolventen der Fisk University, in der ihr Vater als Tenor, zusammen mit Roland Hayes, im Fisk Quartett sang, und ihre Mutter war eine so herausragende Sängerin, daß ihr 1913 ein Vertrag angeboten wurde, in der Metropolitan Opera zu singen – wenn sie bereit wäre, sich als Weiße auszugeben.

Die kleine Silvia erwies sich als Wunderkind, begleitete ihre Eltern schon mit acht Jahren und spielte schon mit zehn Jahren in Konzerten. Ihre frühe Reife zog schon bald die Aufmerksamkeit höchster Stellen auf sich, und sie wurde eingeladen, bei Präsident Roosevelts erster Amtseinführung im weißen Haus zu spielen, wohin sie 1942 von Frau Roosevelt erneut eingeladen wurde. Nach zwei Jahren an der Howard University erhielt Fräulein Olden ein volles Stipendium des Oberlin Conservatory, wo sie 1938 einen Abschluß mit Auszeichnung im Hauptfach Klavier machte. Ihre musikalischen und linguistischen Fähigkeiten wurden weiterentwickelt durch ein Fulbright-Stipendium zum Studium an der Santa Cecilia Academia in Rom, durch sieben Jahre in Deutschland, in denen sie deutsche Lieder und Opern studierte und sich erarbeitete, und sieben Jahre in Schweden, wo sie unterrichtete und gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Geiger und Dirigenten Everett Lee, auftrat.

Bevor sie 1956 nach Europa ging, lehrte Sylvia am Talladega College, an der Dillard University und der Howard University; sie bereiste zusammen mit dem Sänger Paul Robeson die südlichen Bundesstaaten und sie begleitete Sänger in den Gesangsstudios von Elisabeth Schumann, Eva Gautier, Konrad Bos, Rosalie Miller, Fritz Lehmann und viele andere. Sie war Korrepetitorin für Sänger der New York City Opera, des Tanglewood Festival, und 1954 wurde sie als Kathryn-Tourney-Long-Stipendiatin erste Afroamerikanerin unter den Lehrkräften der Metropolitan Opera.  Ihrer Intervention bei Max Rudolph und Rudolph Bing ist es zu verdanken, daß Marian Anderson als erste Angehörige ihrer Rasse auf der Bühne der Metropolitan Opera auftreten konnte. Dies öffnete die Tür für Robert McFerrin, Leontyne Prince und alle, die ihnen nachfolgten. 1970 kehrte Frau Lee nach Philadelphia zurück, um sich als Gesangslehrerin dem Lehrkörper des Curtis Institute anzuschließen, eine Position, die sie bis 1990 innehatte. Sie korrepetierte Sänger der Metropolitan Opera für die Premiere von Porgy and Bess, für die russische Produktion der gleichen Oper und für die „Spirituals in Concert“ der Carnegie Hall mit James Levine.

Sylvias Einfluß ist am besten zu bemessen an den Künstlern, mit denen sie zusammengearbeitet hat. Eine stark gekürzte Liste würde Dutzende aufstrebender Künstler in den höheren Bildungseinrichtungen, an der Metropolitan Opera, der New York City Opera und am Curtis Institute umfassen, sowie eine ganze Schar von Stars, darunter Kathleen Battle, Jessye Norman, Marian Anderson, Robert McFerrin, Grace Bumbry und Simon Estes. Während ihre Arbeit zum großen Teil darin bestand, zu korrepetieren und das übliche Repertoire klassischer Opern und Lieder zu spielen, führte sie ihre lange Zusammenarbeit mit dem Schiller-Institut an viele Colleges und Universitäten, um dort Meisterklassen über das afroamerikanische Spiritual zu halten, alleine und zusammen mit William Warfield. Ein Jahr vor ihrem Tod am 10. April 2004 verlieh ihr das Oberlin Conservatory einen Ehrendoktor der Musik.

Ich werde niemals die Furchtlosigkeit und musikalische Kompetenz vergessen, die sie beim Hall Johnson Centennial Festival demonstrierte, das ich 1988 an der Rowan University (damals Glassboro State College) veranstaltete. Es war ein dreitägiger Rückblick auf das Leben und Werk von Hall Johnson, der Stars wie Jester Hairston, William Warfield, Leonard De Paur, D. Antoinette Handy, drei Chorkonzerte und fünf Solo-Aufführungen von Hall Johnsons Musik umfaßte. Einen Tag vor dem Beginn des Festivals sagte John Motley, der John Morrison – damals Tenor an der Riverside Church – und Dr. Blanche Foreman – eine meiner früheren Schülerinnen, die damals am Vassar College lehrte – begleiten sollte, aus persönlichen Gründen ab. Morrison sollte Hall Johnsons eigene Kunstlieder aufführen, Foreman bekannte Spirituals. Ohne mit der Wimper zu zucken, sprang Sylvia ein, die schon die Aufführungen von Gregory Hopkins und Barbara Daver begleiten sollte, und mit nur einer einzigen Probe begleitete sie John Morrisons Auftritt zur Bewunderung und zum enthusiastischen Applaus des Publikums. Ich selbst begleitete Dr. Foremans Auftritt, der das Publikum ebenfalls begeisterte. Beide Aufführungen sind in einem Album von 4 CDs, „The Best of the Hall Johnson Centennial Festival“, erhalten. Ich werde ihr immer dankbar sein für ihre Hilfe, das Festival zu retten, und für ihren Beitrag zu der Aufführung dieser nur selten gehörten und bis dahin nicht aufgenommenen Werke.

Vielen Dank, Sylvia. Du lebst weiter in unserer Erinnerung und in diesen Aufnahmen.