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Neue Solidarität
Nr. 21, 26. Mai 2010

„Für die Finanzhäuser ist alles nur ein Spiel“

An Lyndon LaRouches Vortrag bei seinem Internetforum am 8. Mai schloß sich wie üblich eine längere Diskussion an, in der LaRouche zahlreiche Fragen beantwortete; wir dokumentieren diese Debatte in Auszügen.

Frage (eines Redakteurs eines großen amerikanischen Magazins): Herr LaRouche, ich weiß nicht, ob es Sie freut oder ärgert, aber Sie waren ein heißes Gesprächsthema auf einer Dinnerparty, an der ich gestern abend teilnahm. Einer der Gäste dieser Dinnerparty war jemand, der Ihnen wahrscheinlich bekannt ist, ein gewisser Niall Ferguson. Er würde Ihnen diese Frage natürlich nicht selbst stellen. Aber ich habe mich entschlossen, die Frage in seinem Namen zu stellen. Und er wird wissen, daß sie von mir kommt, denn ich saß direkt neben ihm.

Wir sprachen über viele Dinge, u.a. über Glass-Steagall. Sie und ich sind über viele Dinge nicht einer Meinung, aber in dieser Frage schon. Ich stellte ihm gegenüber fest, daß es sehr gute Chancen gebe, Glass-Steagall wieder gesetzlich zu verankern, und daß ich das für ausgezeichnet hielte. Außerdem wies ich ihn darauf hin, daß das US-Bankensystem in den knapp 70 Jahren, wo Glass-Steagall gültig war, nie eine Krise aufgrund von Spekulation erlebt hat.

Er ließ mich auf seine Weise auflaufen und sagte mir, daß ich unrecht hätte. Er war überrascht und befremdet, daß ich eine Position einnähme, die auch Sie verträten. Ich müßte doch wissen, selbst wenn Sie es abstreiten, daß die Beibehaltung von Glass-Steagall absolut nichts am Verhalten jener Leute geänderte hätte, die bei Bear Stearns, Lehman Brothers und AIG das Sagen haben. Es hätte nichts bewirkt, um die von diesen Finanzhäusern verursachte Krise zu verhindern, und sei deshalb völlig irrelevant. Was sagen Sie dazu?

LaRouche: Diese Finanzhäuser sind Parasiten und hätten nie existieren dürfen. Sie haben keinerlei nützliche Funktion in der Gesellschaft, sondern üben vielmehr einen negativen Einfluß aus. Man sollte keiner dieser Institutionen eine Träne nachweinen. Ob sie nun leben oder sterben: Es wäre uns lieber, daß sie sterben.

Das Problem hierbei ist, daß einige meinen, das alles sei bloß ein Spiel - wie auf den Sportplätzen von Eaton oder ähnlichen Einrichtungen. Viele haben kein Gefühl für die Realität mehr. Ihnen ist die Realität völlig egal. Sie wollen nur ihr Spiel spielen, und sie wollen unbedingt gewinnen, was immer die Spielregeln sind. Die Menschheit kümmert sie einen Dreck. Man kann sie nur verstehen, wenn man weiß, daß ihnen die Menschheit völlig egal ist. Alles, was sie wollen, ist ihr Spiel, d.h. ihr Unternehmensspiel, zu gewinnen. Häufig hört man sie davon reden, daß in ihrer Politik Länder mit Unternehmen gleichgesetzt werden. Die anderen hätten ihr Unternehmen, und sie selbst hätten das ihrige. Wichtig sei nur, welches Unternehmen gewönne, und welche Taktik zum Sieg führte - selbst mit Hilfe von Mord, wenn es nicht anders ginge.

Für sie ist alles Spiel. Der beste Ausdruck hiervon war ein wirklicher Schwachkopf: John von Neumann, der Mitautor eines Buchs über Spieltheorie und Ökonomie gewesen ist. Dieser Mann war wirklich ein pathologischer Fall - ein Fachidiot im wahrsten Sinne des Wortes. Im übrigen wurde er wegen Unfähigkeit und auch wegen Korruption von der Universität Göttingen verwiesen. Auch Norbert Wiener, der von Neumann damals intellektuell am nächsten stand, mußte Göttingen wegen Unfähigkeit verlassen. Beide Kreaturen - und ich benutze „Kreaturen“ mit Bedacht, um auf diese Weise andere Debatten zu vermeiden - waren die Produkte der Russellschen Lehre. Als Russell-Ideologen waren sie die extremsten Vertreter vollkommen absurder Beiträge zur Mathematik und Naturwissenschaft, die die Welt etwa seit Anfang des letzten Jahrhunderts gekannt hat. Das meiste, was es heute an Inkompetenz gibt, läßt sich auf sie zurückführen.

Rußland ist, wenn man so will, eines der besten Beispiele hierfür. Die Sowjetunion hatte alle ihre bekannten Probleme. Stalin war jedoch während des Zweiten Weltkriegs und danach sehr  einer Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten zugeneigt. Vor dem Tod Roosevelts hatte die Sowjetunion keinerlei Absicht eines strategischen Konflikts mit den USA verfolgt. Ganz im Gegenteil. Das Stalin-Regime strebte in Rußland nach dem Krieg einen an Roosevelt orientierten Wirtschaftsaufschwung an.

Dann starb Roosevelt. Truman, der Teil der Wallstreet-Gang war, wurde Präsident und überantwortete die Welt den Briten, d.h. Winston Churchill.

Roosevelt hatte den Vereinten Nationen in der Nachkriegszeit eine wichtige Aufgabe zugedacht. Nach Roosevelts Vorstellung sollten die Vereinten Nationen die unterdrückten Völker der Welt befreien und ihnen ermöglichen, sich als unabhängige Nationalstaaten neu zu gründen. Diese befreiten Nationen sollten für ihre Entwicklung amerikanische Wirtschaftshilfe erhalten, um ganz unabhängig zu werden und sich viele fehlende Eigenschaften als funktionierende Nationalstaaten aneignen zu können.

Truman veränderte alles. Am Ende des Krieges waren die USA die größte und produktivste Macht unter allen Nationen dieses Planeten. Das meiste davon war natürlich in der Rüstungsindustrie konzentriert. Während des Krieges gab es erhebliche Einschränkungen, um den Krieg führen zu können. Damit retteten wir die Welt. Wenn die Nazis beispielsweise einige hundert Pfund an Logistik hatten, hatten wir Tonnen. Wir haben den Krieg nicht durch großartige Strategien auf dem Schlachtfeld gewonnen, obgleich es wie im Falle MacArthurs und auch in Europa einige große Strategen gab, sondern wir gewannen den Krieg, in dem wir den Feind mit unserer Produktivkraft überwältigten. Sie hätten das Material sehen müssen, das wir tonnenweise an den Küsten des Südpazifiks zurückließen. Wir haben alle mit unserer Produktionsleistung überflügelt.

Roosevelts Absicht war, mit Hilfe dieser jetzt von Rüstungsaufgaben befreiten Produktionskapazitäten und entsprechenden Krediten die Nachkriegswelt wiederaufzubauen sowie die Unabhängigkeit aller bisherigen Kolonien zu erreichen. Wenn wir den Produktivkräften, die wir in der Zeit vor dem Kriegseintritt und während des Krieges aufgebaut hatten, freien Lauf gelassen und sie für zivile Zwecke eingesetzt hätten, hätten wir die Welt zum besseren verändern und alle Imperien vollständig eliminieren können.

In dem Moment, wo Roosevelt starb, änderte sich diese Politik. Truman machte mit Churchill gemeinsame Sache. Die USA hatten beispielsweise Indochina befreit, indem wir Ho Tschi Minh unterstützten. Als Truman Präsident wurde, kam der britische Vertreter an und erteilte der Regierung Befehle: „Ihr werdet sofort alle japanischen Kriegsgefangenen freilassen und ihnen ihre Waffen zurückgeben. Sie sollen die Region zurückerobern, bis sich die französische Armee neu formiert hat und die Besatzungstruppen zurückkehren können.“ Soweit die Geschichte.

Das gleiche geschah in Indonesien und anderswo. Entweder gab es eine Wiederauferstehung der alten Form des britischen Imperialismus, oder die unterdrückten Staaten erhielten eine Art Pseudofreiheit.

Auf diese Weise wurden auch all jene produktiven Kapazitäten zerstört, die zum Aufbau dieser Länder vorgesehen waren. Außerdem erklärten wir der Sowjetunion den Krieg, und zwar offiziell im September 1946, als Bertrand Russell seinen Vorschlag für einen präventiven Nuklearschlag gegen die Sowjetunion veröffentlichte.

Von da an ging es mit unseren zivilen Produktionskapazitäten abwärts. Später, während des Indochinakriegs, wirkte sich das sogar auf unsere Rüstungsproduktion aus.

So sollten wir auch die heutigen Probleme betrachten. Unsere Aufgabe ist es, uns für eine amerikanische Politik einzusetzen, wie sie Franklin Roosevelt vertrat, und diese in die für heute passende Form zu bringen. Das bedeutet, entsprechende Kapazitäten zuerst in unserem eigenen Land, aber auch in anderen Ländern zu schaffen, um die grundlegende Wirtschaftsinfrastruktur wiederaufzubauen, auf der die Entwicklung von Industrie und Landwirtschaft basiert. Auch die Energieversorgung muß ausgebaut werden. Wir brauchen Kernkraft in Hülle und Fülle! Jeder, der keine Kernkraft will, jeder, der den Emissionshandel fordert, ist ein Feind der Zivilisation.

Die Produktivkräfte der Arbeit müssen verstärkt werden. An erster Stelle steht dabei die Infrastruktur - die öffentliche Infrastruktur insbesondere. Die Entwicklung der Infrastruktur wird dann den Aufbau der Industrie nach sich ziehen. Die Industrie entwickelt sich auf Grundlage des Marktes, der durch den Aufbau der Infrastruktur entsteht.

Wir brauchen ein Handelsbankensystem, mit dessen Hilfe die Vereinigten Staaten Kredite an geeignete Kreditnehmer vergeben können, um jene Industrien zu entwickeln, deren Markt entweder die Infrastruktur oder der Aufbau jener Industrien ist, für die die Infrastruktur den Markt schafft.

Die heute in vielerlei Hinsicht völlig unqualifizierten Arbeitskräfte müssen in einen Prozeß der Ausbildung gebracht werden, um aus ihnen Fachkräfte zu machen. Nach einer Generation werden wir auf diese Weise wieder eine Nation werden. In zwei Generationen werden wir wieder eine Macht sein, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Wir werden nicht nur auf diesem Planeten eine Macht sein, sondern am Ende dieses Jahrhunderts auch eine Macht auf anderen Planeten. Und Sky [Shields vom Wissenschaftsteam der LaRouche-Jugendbewegung] wird mir dabei helfen!

Wie ich bereits vorher mit Blick auf das Wissenschaftsprogramm betont habe, müssen wir der Menschheit eine solche Perspektive vermitteln. Unser Ansatz ist nicht, Dinge zu tun, die Geld bringen. Unser Ansatz ist, wie man in die Lage kommt, zu verstehen, was es bedeutet, unsere Bevölkerung und unsere Ressourcen zu entwickeln, die wir brauchen, um die Galaxis zu besiedeln. Auf diese Weise kann man sicherstellen, daß unser Leben heute auch noch in den kommenden tausend oder Millionen oder Milliarden Jahren eine Bedeutung hat.

Eine solche moralische Motivation muß unseren Blick auf diese Dinge leiten. Bei allem, was dies nicht leistet, ist irgend etwas faul. Alles, was uns das gibt, ist gut. Das bedeutet ganz viel Wissenschaft, ja Revolutionen in der Wissenschaft. Und ich liebe Revolutionen in der Wissenschaft. Sie sind besser als alle anderen Revolutionen.

 

Frage (eines Politikberaters): Wie Sie sicher wissen, bin ich Demokrat, obgleich ich auch für die Republikaner gearbeitet habe. Ich finde es wirklich interessant, was derzeit in Washington vor sich geht, und möchte, daß Sie etwas dazu sagen.

Mit als erstes hatte Barack Obama während seines Wahlkampfs versprochen, in Washington die Überparteilichkeit wiederherzustellen. Ich spreche dies besonders mit Blick auf das an, was sich derzeit in der Arena der Finanzreform abspielt. Denn es ist deutlich, daß Demokraten und Republikaner hier zusammenfinden, wo sie bisher außer ihres Widerstands gegen die Wall Street nicht viel gemein hatten. Bestes Beispiel ist der Cantwell-McCain-Gesetzeszusatz. Man sieht es aber auch bei Dick Shelby und den Demokraten, die eine Art Kontrollmechanismus für das Derivate-Monstrum zusammenzubringen versuchen. Während des Kampfes um die Gesundheitsreform sah man ebenso unerwartete Übereinstimmungen zwischen bestimmten Kreisen. Mir scheint, das ist weit mehr als einfache überparteiliche Zusammenarbeit, sondern daraus könnte sich eine ganz neue Richtung einer wählerorientierten Politik in den Vereinigten Staaten entwickeln. Da ich darin nicht ganz sicher bin, würde ich gerne Ihre Meinung dazu hären.

LaRouche: Das ist eine nette Fachfrage, in der ich mich auskenne.

Die Art, wie sich das Verhalten der Masse organisiert, hat der berühmte Dichter Percy Bysshe Shelley ganz deutlich am Ende seiner Verteidigung der Poesie dargestellt. Was Shelley dort als Prinzip erkannt hat, ist das gleiche Prinzip der Dynamik, das in den 1690er Jahren von Gottfried Wilhelm Leibniz wieder in das europäische Denken zurückgebracht worden war.

Gewöhnlich wird der Begriff Dynamik heute von Dummköpfen benutzt, die es nicht besser wissen. Er wird als Synonym für Beweglichkeit oder ähnliches verwendet. Doch Dynamik bedeutet bei Leibniz das gleiche wie das altgriechische Konzept dynamis, das von den Pythagoräern stammt.

Es kurz darzustellen, ist ein wenig heikel und kompliziert. Es gibt zwei Aspekte des menschlichen Denkens, die sich vom Denken der Tiere und auch von dem von Liberalen unterscheiden. Menschliches Denken findet einerseits auf der Ebene des Gehirns statt, wobei man eine erweiterte, reflexive Sicht des Gehirns als Schaltstelle des Zentralnervensystems braucht, um auch all die anderen Nervenfunktionen, inklusive Enzyme usw., zu verstehen. Im Menschen gibt es darüber hinaus eine sehr wenig bekannte Eigenschaft, die eigentlich Kreativität heißt, die aber nichts mit dem zu tun hat, was die meisten Leute Kreativität nennen. Kreativität verbinden die meisten mit lügen: Ich wurde erwischt und muß nun Rede und Antwort stehen. Mit einer Lüge habe ich mich aus der Affäre gezogen. Ich habe dem Richter was vorgemacht und wurde freigesprochen. Das nennt man Kreativität.

Was eigentlich dahinter steckt, ist aber, daß der menschliche Geist, unser Selbstverständnis als physisches Wesen, nicht ganz real ist. Auf seine Funktion kann man sich bis zu einem bestimmten Punkt verlassen, aber er erklärt nicht alles. Beispielsweise zeigen uns unsere Sinnesorgane nicht die Realität. Unsere Sinnesorgane sind wie wissenschaftliche Instrumente, die wir zur Beobachtung eines Experiments entwickeln. Wenn man nach einem bestimmten Faktor sucht, der festgestellt werden kann, bedient man sich einer Kombination solcher Nachweisfaktoren, um zu verstehen, was dort vorgeht. Anders gesagt, die Sinneswahrnehmung zeigt uns nie die Realität. Sie zeigt uns eine Wirkung oder eine Reihe von Wirkungen der Ursache.

Der menschliche Geist versucht auf zwei Wegen, damit umzugehen. Einer ist der Standpunkt des Gehirns. Nimmt man das gesamte Nervensystem mit seinen hirnzentrierten Funktionen, erhält man einen Komplex reflexiver oder besser sinnesbezogener Wahrnehmungen, die sich einander gegenüberstehen. Daraus leitet sich ein persönliches Identitätsgefühl ab. Anders gesagt, man integriert diese Sinneserfahrungen zu einer Art eigenen Identität - im Gegensatz zu dem, was völlig außerhalb von einem zu liegen scheint. Wenn man „Ich“ sagt, meint man es meistens auch.

Bei schöpferischen Geistesprozessen geht es um etwas anderes. Der Geist funktioniert hier auf einer höheren Ebene, auf der er nicht der Sinneswahrnehmung als solcher unterworfen ist. Hier spielt sich die eigentliche menschliche Kreativität ab. Solche Menschen sind spezifisch kreativ, d.h. sie haben eine unverwechselbar kreative Persönlichkeit. Alle Menschen können eigentlich kreativ sein, aber es gibt auch das Phänomen der schöpferischen Persönlichkeit, die sich betrachtet, was das Gehirn sieht. So lassen sich unterschiedliche Weltsysteme miteinander vergleichen, und daraus entwickelt sich das Gefühl, was kreatives Denken für den Menschen bedeuten könnte. Dieses Empfinden ist in der heutigen Gesellschaft nur sehr schwach entwickelt. Man findet nur recht selten jemanden - meistens irgendwelche Sonderlinge -, die das schneller als andere verstehen. Generell sind die Menschen in der Gesellschaft aber nicht gewohnt, kreativ zu sein. Sie nennen alles möglich kreativ, nur nicht Kreativität, von deren Existenz sie gar nichts wissen.

Einige von uns wissen allerdings durchaus, was Kreativität ist, und erst auf dieser Ebene erlebt man die Art Dynamik, auf die sich Leibniz in den 1690er Jahren und die Shelley Anfang des 19. Jahrhunderts in der Verteidigung der Poesie bezogen. Der wahre Geist, den es wirklich gibt, liegt nicht auf der Ebene der Hirnfunktionen; er ist von einer höheren Funktion, denn das Gehirn selbst ist ein Sinnesobjekt. Es gibt also diese höhere Funktion.

Man ist nun aber Teil eines sozialen Prozesses in der Gesellschaft. Und man stellt fest, daß es darin bestimmte Impulse gibt, die veränderbar sind, die sich scheinbar als Stimmungen in der Bevölkerung breit machen, wie es Shelley am Ende seiner Verteidigung der Poesie darstellt. Rosa Luxemburg hat dies auch das „Massenstreik-Phänomen“ genannt. Unter bestimmten Bedingungen entwickelt sich in der Bevölkerung eine Stimmung, wobei die Menschen scheinbar etwas wahrnehmen und von etwas kontrolliert werden, was sie selbst gar nicht klar verstehen. Manchmal verstehen es die größten Dichter, die größten Musiker und Komponisten oder die größten Wissenschaftler. Menschen wie Albert Einstein haben diese kreative Eigenschaft, die den meisten anderen Menschen fremd bleibt, weil sie die Fähigkeit dazu nicht entwickelt haben. Sie steckt zwar in ihnen, alle Menschen haben das Potential dafür. Sie drückt sich auch in Leuten aus, die Kreativität als Phänomen gar nicht wahrnehmen. Es ist für sie eine Wahrnehmung. Genau das bezeichnet Shelley als das Geheimnis von Massenbewegungen.

Was man in den letzten zwei Wochen in Deutschland, aber auch in den Vereinigten Staaten beobachten konnte, war eine Veränderung der politischen Dynamik, auf die ich einige von Ihnen bereits im August letzten Jahres hingewiesen hatte. Sie war als Phänomen schon bei den Protesten gegen die Regierung Obama sichtbar, jenen Massenprotesten von Bürgern gegen ihre eigenen Volksvertreter. Das ist Dynamik! In den letzten zwei Wochen hat sich die Dynamik erneut gewandelt. Etwas hat die Kontrolle über das Denken der Menschen übernommen, ohne daß sie verstehen, was mit ihnen passiert. Ihre Weltanschauung hat sich plötzlich grundlegend verändert.

So ist jetzt eine Massenbewegung für eine Glass-Steagall-Reform entstanden. Das Glass-Steagall-Prinzip hat in den letzten zwei Wochen plötzlich die Bevölkerung in Deutschland und auch in den Vereinigten Staaten erfaßt. Das ist eine internationale Reaktion auf die Wahrnehmung, daß die ganze Welt in einer Katastrophe enden wird, wenn nicht etwas geschieht. Es macht sich das Gefühl breit, man müsse sich vor dem Waldbrand in Sicherheit bringen, der einen einzuschließen droht. Wie die Tiere riecht man, daß etwas in der Luft liegt, daß das Feuer auf einen zukommt. Tiere beginnen bereits zu fliehen, bevor sie überhaupt das Feuer wahrnehmen. Auch bei einem Erdbeben, das man mit den normalen Sinnen nicht bemerkt, empfindet man instinktiv, daß etwas im Anmarsch ist. Erst später stellt man fest, daß man das einsetzende Erdbeben fühlte, bevor sich ein deutliches Wahrnehmungssignal einstellte.

Um das Massenverhalten von Menschen zu verstehen, ist das Verständnis von Dynamik am allerwichtigsten, das genau so funktioniert. Es funktioniert so, wie es auch Platon verstand, als er sich darüber mit dem armen, alten dummen Parmenides auseinandersetzte. Es ist damit das umgekehrte Parmenides-Prinzip, und weil Platon dies verstand, konnte er über Parmenides als alberne Figur nur lachen.

Der Stimmungswandel, der sich gleichzeitig zumindest in Deutschland und den Vereinigten Staaten in den letzten zwei Wochen eingestellt hat, ist eine Bestätigung von Platons Auffassung über das Parmenides-Paradox.

Ist es nicht großartig, was da geschieht?

 

Frage (eines LPAC-Mitglieds): Ich spreche immer wieder mit Leuten, die jetzt gegen den Derivatehandel und den Deregulierungswahn sind, obwohl die gleichen Leute vor 10 oder 15 Jahren dafür waren, weil sie damit gut Geld machen konnten. Ich bin mir nicht sicher, ob sich deren Verständnis des Problems wirklich geändert hat, oder ob sie aus reinem Eigeninteresse reagieren. Meine Frage ist: Macht das wirklich einen Unterschied, und wenn ja, wie können wir das Denken der Menschen ändern?

LaRouche: Die Antwort darauf ist die gleiche, wie ich sie eben in der Parmenides-Frage gegeben habe. Der Mensch besitzt eine Fähigkeit, wie Shelley sagte, „Ideen über den Menschen und die Natur mitzuteilen und zu empfangen“ - was bei normalen Menschen bei weitem ihre Einsicht in das übersteigt, was tatsächlich geschieht. Aber sie spüren es und reagieren darauf. Das ist so, als wenn man kein Ohr hätte, zu hören: Sie hören, als gäbe es kein Ohr zum Hören. Doch der Geist funktioniert genau so.

Wenn man es mit dem Massenverhalten zum Beispiel in der Musik oder der Kunst zu tun hat, entspricht all das dem Massenverhalten, welches auf den Menschen durch ein Organ einwirkt, das man nicht durch Sinneswahrnehmung nachweisen kann. In der Kunst vermutet und spürt man die Gründe dafür, warum man auf Kunst und ihre Darbietung auf eine bestimmte Weise reagiert. Aber man sieht dies selbst nie wirklich, oder nur in dem sehr seltenen Fall, wenn man ganz auf diese Art zu denken eingestimmt ist.

Die besten Psychoanalytiker, und es gab davon einige wenige, arbeiten auf diese Weise. Sie greifen das auf, was sie „Einsicht“ nennen, ein Begriff, der auch von Wolfgang Köhler, einem Schüler Max Plancks, benutzt wurde.

Es gibt somit zwei Ebenen, die sehr wichtig sind, daß man sie versteht. Darin liegt auch die Funktion der Kunst. Die klassische Kunst - andere Kunstformen sind Unsinn - hat sich in der klassischen künstlerischen Komposition vervollkommnet, wie in der klassischen Musik, der großen klassischen Malerei oder auch in der Architektur, Prinzipien, die nicht nur physisch wirksam sind, sondern noch andere, subtilere, aber dennoch reale Funktionen haben.

Genau dort liegt natürlich auch meine gesamte Hingabe, die ich in meinem Leben verfolge: Menschen dazu zu bringen, in sich ein ganz offenes Empfindungsvermögen zu entwickeln, was normalerweise schon in der Kindheit beginnt. Einige Kinder neigen zu so einer Art Einsicht. Der Mensch verfügt über ein solche Organ; es sind nicht die Ohren oder Augen, man kann es nicht fühlen oder berühren, aber es ist da. Es wird deutlicher hervortreten, wenn wir eines Tages besser verstehen, warum unsere Sinneseindrücke nicht real sind, sondern nur die von der Realität geworfenen Schatten.

Der menschliche Geist hat somit eine höhere Funktion als die, die dem Nervensystem als solchem zukommt, sondern er kann solche Ideen empfinden und mitteilen, für die es keine physikalisch meßbare Begründung gibt. Dennoch können einige von uns sie erkennen. Das ist meine Arbeitsgrundlage, von der sich ausgehe. Ich bin davon abhängig, um Hinweise für die Richtung zu bekommen, wo ich nach Antworten oder nur nach Namen von Problemen suchen soll. Wenn man nicht über diese Fähigkeit verfügt, kann man beispielsweise kein wirklicher Naturwissenschaftler sein.

Man muß sich von etwas leiten lassen, was wie ein merkwürdiger Instinkt erscheint. Er ist nie festgelegt, sondern stets von den Erfahrungen in seiner Entwicklung beeinflußt. Er ist abhängig von der sozialen Umgebung, in der man lebt. An bestimmten Punkten spürt man nicht ein Vermögen wie von einem Organ, sondern eine Resonanz. Man spürt eine Resonanz. Genau das haben die größten Dichter, die größten Komponisten und die größten Maler immer verstanden. Das Wort „Einsicht“ wird häufig ungenau benutzt, aber Einsicht ist der wichtigste Aspekt in der Beziehung zwischen Menschen. Wie ich bereits gesagt habe: Die besten Psychoanalytiker müssen Einsicht haben, denn ohne sie taugen sie nichts. Ohne Einsicht können sie nicht riechen, was man nicht sehen, berühren oder hören kann. Denn die praktische Psychoanalyse beruht darauf, das zu erkennen, was ansonsten nicht zugänglich ist.

Dann macht man sich daran, das Erkannte zu bestätigen. Kann man es beweisen? Denn man kann den Wahrheitsgehalt nicht behaupten, bis man ihn bestätigt hat. Doch das wichtigste dabei ist der Zugang zu dem Akt der Einsicht, der einen zu der Erkenntnis führt, welche Befunde überprüft werden müssen, um festzustellen, ob es sich um einen Geist oder eine Fantasie handelt oder nicht.

Wir machen unsere jungen Leute für diese Fragen sensibel, besonders indem wir gleichzeitig musikalische Ausbildung, klassisches Drama in erheblichem Maße und die verschiedenen Aspekte der Naturwissenschaft miteinander kombinieren, so daß unsere neuen Mitglieder in der Bewegung den Kreuzeffekt all dieser unterschiedlichen Erfahrungen erleben, welche weit über jede einzelne Erfahrung hinausgehen.

Ein Durchschnittsmensch, der nicht weiß, was Wissenschaft ist, meint, Wissenschaft sei Mathematik. Jemand, der Wissenschaft versteht und dies durch seine Kreativität zeigt, beweist Einsicht. Das physikalische Experiment dient dazu, zu zeigen, daß diese Einsicht gültig ist. Wenn man zu Einsichten kommt, diese überprüft und reifen läßt, und Einsicht wie ein anderes Sinnesorgan verwendet, findet man heraus, daß diese Art Sinnesorgan zuverlässig ist. Man weiß, daß es nicht vollkommen ist, man also noch getäuscht werden kann, aber man versteht, wie es grundlegend funktioniert.

Weil wir unseren jungen Leuten eine so intensive gegenseitige Befruchtung mit Ideen dieser Art geben, sind sie für diese Art Problem eher aufgeschlossen. Denn sie wechseln ständig hin und her zwischen Chorarbeit und Musikproben, dann wieder zu Poesie und Drama, dann zu Naturwissenschaften usw. Das alles ruft Einsichten wach. Jene jungen Leute, die es schaffen, in unserer Organisation zu bleiben, die also nicht nur einen kurzen Flirt suchen, zeigen eine Tendenz zu solchen Einsichten, die mit diesem Phänomen verbunden sind.

All das ist aber auch als Faktor, der das Massenverhalten bestimmt, in der gesamten Gesellschaft vorhanden, selbst wenn die Menschen, die unter dieser Kontrolle stehen, gar nicht wissen, wie ihnen geschieht. Genau das beschreibt Shelley in den letzten Absätzen seiner Verteidigung der Poesie.

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