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Von Marcia Merry Baker
Der Konflikt am Persischen Golf hat schon jetzt verheerende Folgen für die globale Energie- und Nahrungsmittelversorgung.
Im dritten Monat des amerikanisch-israelischen Krieges gegen den Iran und Transjordanien werden die globalen wirtschaftlichen Schocks immer massiver. Die noch vorhandenen Reserven an Treibstoff, Düngemitteln, Chemikalien und anderen lebenswichtigen Dingen gehen in vielen Teilen der Welt zur Neige. Die letzten Öl- und Gasladungen, die sich bei Kriegsausbruch zufällig auf See befanden, wurden inzwischen ausgeliefert. Vorräte an Lebensmitteln gehen zur Neige. Die Frühjahrsaussaat mußte ohne ausreichenden Dünger erfolgen, teilweise sogar ganz eingestellt werden.
Schlimmer noch: Die Blockade der Straße von Hormus entwickelt sich rasch zu einem „globalen Embargo“. So verhängten beispielsweise die Vereinigten Staaten am 24. April Sanktionen gegen die Hengli Petrochemical Refinery, eine riesige Anlage an der Küste von Dalian im Nordosten Chinas, weil sie Öl aus dem Iran erhalten hatte. Die Vereinigten Staaten errichten auch ein regelrechtes Terrorregime in der Karibik. In der Ostsee und Nordsee hat sich eine Gruppe von 14 Ländern gebildet, die unter dem Vorwand russischer Bedrohungen in die Schiffahrt eingreifen will. Die Schiffahrt im Schwarzen Meer bleibt gefährlich. Die Vereinigten Staaten und Japan erheben Ansprüche auf das Südchinesische Meer.
Bei der offenen Debatte des UN-Sicherheitsrats am 27. April zum Thema „Sicherheit und Schutz der Wasserstraßen im maritimen Bereich“ mit Dutzenden von Nationen forderte der US-Botschafter Mike Waltz im Geiste eines globalen Embargos die anderen Länder auf, sich der von den USA geführten „Koalition für Navigationsfreiheit“ anzuschließen, was praktisch bedeutet, sich an weiteren geopolitischen Wirtschaftskriegen zu beteiligen. Bei einem Plan der USA, „Maritime Freedom Construct“, der am 28. April vertraulich an andere Regierungen verteilt wurde, stehen die Straße von Hormus und der Golf von Oman im Mittelpunkt, aber die Grundidee ist eine einseitige weltweite Kontrolle.
Diese Schocks kommen zu den zahlreichen bereits bestehenden wirtschaftlichen Krisen und Herausforderungen hinzu. Die ins Auge springende Ausnahme ist China, das Vorkehrungen für den Notfall getroffen hat. Im Westen hat die jahrzehntelange „grüne“ technikfeindliche Politik die wirtschaftliche Produktivität untergraben. Gleichzeitig steckt das wankende, räuberische Casino-Finanzsystem nun in einer Zusammenbruchsphase, was sich in der Kryptowährung-Manie und explosionsartig zunehmender Verschuldung zeigt.
Die Weltlage macht auf dramatische Weise deutlich, daß die wirtschaftliche Produktion, selbst wenn alle Kriege und Blockaden plötzlich enden – was das kurzfristige Ziel sein sollte –, nicht einfach wieder „angeknipst“ werden kann. Wir brauchen jetzt Notfallplanung, Überlegung und Kreativität für eine neue Architektur der internationalen Beziehungen, die auf wirtschaftlichem Nutzen und Sicherheit für alle basiert.
Im folgenden geben wir eine Übersicht über die wirtschaftlichen Auswirkungen des Irankriegs, die sich täglich verschärfen.
Die Erzeugung von Grundnahrungsmitteln – Weizen, Mais, Reis – kann als Maßstab für die Nahrungsmittelversorgung im allgemeinen angesehen werden. Die jüngsten Prognosen gehen davon aus, daß die weltweite Menge wegen der kombinierten Folgen des Mangels an Dünger, Treibstoff und anderen notwendigen Gütern im nächsten Erntezyklus zurückgehen wird. Im monatlichen World Market Report des Londoner International Grains Council (IGC), der am 23. April erschien, wird für die Erntesaison 2026-27 von „Gesamtgetreide“ (Weizen, Mais und einige andere) ein weltweiter Rückgang von 2% prognostiziert. In dem IGC-Bericht heißt es, zurückhaltend formuliert:
„Sorgen um die Erschwinglichkeit von Düngemitteln und Entscheidungen über deren Ausbringung haben die Unsicherheiten hinsichtlich der Ernteaussichten für 2026-2027 verstärkt, auch in Teilen der südlichen Hemisphäre, wo der künftige Bedarf möglicherweise nicht gedeckt werden kann.“1
Weniger Dünger heißt weniger Nahrung. Die Preise steigen und die Vorräte an allen für das Pflanzenwachstum essentiellen Chemikalien schrumpfen: Stickstoff, Phosphor, Kalium und Schwefel. In den letzten Jahren wurden weltweit etwa 115 Millionen Tonnen verschiedener Stickstoffdünger ausgebracht, gegenwärtig sind es deutlich weniger. Etwa 25% der Stickstoffdünger waren direkt und indirekt vom Transit durch die Straße von Hormus abhängig, die nun blockiert ist.
China, mit rund 27 Mio.t der größte Verbraucher von Stickstoffdünger, ergreift strenge Notmaßnahmen. Peking hat seit März alle größeren Düngemittelexporte eingeschränkt, um die heimische Versorgung zu sichern.
Der zweitgrößte Verbraucher von Stickstoffdünger, Indien mit 21 Mio.t, steht unter starkem Druck, weil normalerweise 20-30% seines Harnstoffs aus der Golfregion stammen. Das Land setzt auf eine Kombination aus Importen – die 90% teurer sind als vor dem Krieg – und eine maximale einheimische Produktion. Die ist jedoch eingeschränkt, da die Erdgasimporte unter 70% des Vorkriegsvolumens liegen. Die Harnstoffproduktion ist um Zehntausende Tonnen zurückgegangen. Indiens Düngemittelreserven federn den Schock noch ab, werden aber bald aufgebraucht sein.
In den Vereinigten Staaten, mit 12 Mio.t jährlich an dritter Stelle, kämpfen die Landwirte mit unzumutbaren Preissteigerungen und regionalen Engpässen. So hat der Gouverneur des Staates Montana am 17. April den Notstand ausgerufen, um die Vorschriften für den Güterkraftverkehr zu lockern und so den Transport des knappen Düngers auf die Felder zu beschleunigen.
Die Lage in vielen Ländern ist dramatisch. Und einige der führenden Getreideexportländer stehen vor extremen Problemen. In Argentinien, einer der zehn größten Weizenexporteure der Welt, sind die Harnstoffpreise in den letzten zwei Monaten um 100% gestiegen, von 500 auf 1000 Dollar pro Tonne. Jetzt ist es Zeit für die Weizenaussaat, aber viele Landwirte erwägen, sie ganz ausfallen zu lassen. In den letzten Jahren hat Argentinien die Hälfte seines Düngers – aller Art – importiert, darunter 60% des Harnstoffs (granuliert) aus drei Golfstaaten und Turkmenistan. Brasilien, eine globale Agrarmacht, befindet sich in einer schweren Düngemittelkrise. Da man die heimische Produktion in den letzten Jahren stagnieren ließ, ist das Land zu 85-90% von Importen abhängig. Die Regierung arbeitet daran, dies zu ändern, aber das braucht Zeit.
In Afrika, wo viele Länder zu mehr als 85% von Düngemittelimporten abhängig sind, haben Kleinbauern keine Alternativen, da die Preise in die Höhe schnellen und die Lieferungen ausbleiben. Sie stehen in diesem Jahr vor einer Nahrungsmittelkrise. Die FAO schätzt, daß die Ernte an Reis, Mais und Weizen in Subsahara-Afrika bei einer Reduzierung des Düngemitteleinsatzes um 10% um bis zu 25% schrumpfen wird, was verheerende Folgen für die Menschen hat.
Äthiopien, das sich um die Ausweitung bewässerter Anbauflächen bemüht hat, ist in einer extremen Dünger-Versorgungskrise. Da in den letzten Jahren bis zu 90% des Düngers von Produzenten aus den Golfstaaten kamen, sind die Preise um fast 70% gestiegen, und während der Anbausaison (Februar bis Mai, normalerweise regnerisch) kam es zu Engpässen. Eine positive Zukunftsperspektive bietet eine geplante neue Großanlage für die Produktion von Harnstoffdünger, den die Dangote Group, die in Nigeria schon eine vergleichbare Anlage betreibt, im äthiopischen Gode bauen will.
In Südostasien trifft die Krise des Mangels und Preisanstiegs von Düngemitteln viele Länder hart, was sich auf die Ernten – und Exporte – von Ananas bis Palmöl auswirkt.
Die Errungenschaften von Indonesien in der Landwirtschaft stehen auf dem Spiel. Jakarta verkündete im vergangenen Jahr die nationale Selbstversorgung mit Reis, ein großer Erfolg für das Land mit der viertgrößten Bevölkerung der Welt. Doch was wird aus der nächsten Ernte? Die Landwirtschaftsbehörden in Jakarta sind zuversichtlich, über ausreichende Düngemittelreserven für die nächste Anbausaison zu verfügen, streben aber zu Recht eine rasche Lösung der weltweiten Turbulenzen an.
In den letzten Jahren wurden 20-30% des Erdöls, Rohöls und Flüssiggases der Welt durch die Straße von Hormus transportiert, die nun blockiert ist. Es kommt zu einer Welle von Preissteigerungen und Engpässen bei verschiedenen Endprodukten, von Erdöl bis hin zu Flugbenzin – etwa 9% des weltweit verbrauchten flüssigen Kraftstoffs, wie Benzin, Diesel, LPG (Flüssiggas für Kochen, Heizen und Fahrzeuge), Erdgas usw.
Die Auswirkungen sind überall gravierend, aber besonders dramatisch in der Europäischen Union, die vorher schon ihre Öl- und Gasimporte aus Rußland gedrosselt und viele Kohle- und Kernkraftwerke unter verschiedenen falschen ökologischen und anderen Vorwänden stillgelegt hat. Seit dem 28. Februar sind die Kosten für die Stromerzeugung aus Erdgas in der EU um mehr als 50% gestiegen.
Viele asiatische Länder haben ab März Anordnungen für mehr Homeoffice-Arbeit erlassen. An einigen Orten wurde sogar die Wochenarbeitszeit von fünf auf vier Tage verkürzt, um den Kraftstoffverbrauch im Verkehr zu senken. Auch tägliche Obergrenzen für den Kraftstoffverbrauch sind mittlerweile üblich. Slowenien hat Ende März als erstes EU-Land Benzin für Einzelverbraucher auf 50 Liter am Tag rationiert.
In den USA ist der Durchschnittspreis für Diesel seit dem 28. Februar um etwa 45% gestiegen, was das auf Lastwagen angewiesene Transportsystem und die Landwirte stark belastet. Der Benzinpreis ist in den letzten zwei Monaten um etwa 35% gestiegen. Einigen Tankstellen geht der Kraftstoff aus. Raffinerien, die entweder für die Herstellung von Diesel oder von Benzin eingerichtet sind, können nicht zum anderen wechseln. Nach China sind die USA der zweitgrößte Ölimporteur der Welt, sie werden von Kanada, Mexiko, Saudi-Arabien und einigen anderen Ländern beliefert.
In Indien, dem drittgrößten Ölimporteur, befördern Lkw fast 70% der Fracht. Die Regierung hat die Lkw-Fahrer bisher vor Preiserhöhungen geschützt, doch dies könnte angesichts der in diesem Monat anstehenden Wahlen ein Ende finden; unterdessen gibt es unter den Lkw-Fahrern informelle Rationierungen. Schätzungsweise 10% der Lkw sind außer Betrieb, und die Zahl könnte schnell steigen.
In Europa veranstalten Lkw-Fahrer in Irland, Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Italien Protestdemonstrationen gegen die hohen Dieselpreise, die innerhalb von zwei Monaten um mehr als 33% gestiegen sind.
In ganz Afrika hat die Sperrung des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus extreme Auswirkungen auf die Preise und die Versorgung mit Diesel und anderen Produkten. In Südafrika, das 70% seines Kraftstoffs importiert, kommt es zu weitreichenden Ausfällen an Tankstellen sowie Preiserhöhungen.
Fluggesellschaften in aller Welt ergreifen wegen der Knappheit an Kerosin drastische Maßnahmen, wie die Streichung von Tausenden Flügen, Zuschläge und Erhöhungen der Ticketpreise und weitere Maßnahmen. In Australien und Asien kam es bereits ab März zu Kürzungen; nun haben auch europäische Fluggesellschaften erhebliche Einschnitte angekündigt. So hat die Lufthansa-Gruppe 20.000 Flüge gestrichen, von denen sechs ihrer wichtigsten europäischen Drehkreuze betroffen sind; die Maßnahme beginnt im Mai und wird den ganzen Sommer fortgesetzt. Die US-Fluggesellschaft United Airlines kündigte für die Sommermonate Preiserhöhungen von 15%-20% an.
Ethiopian Airlines, die größte Fluggesellschaft Afrikas, hat angesichts der Kerosinkrise bislang verschiedene Maßnahmen ergriffen, um Flugausfälle zu minimieren, darunter Zwischenlandungen zum Auftanken, die Nutzung von Reserven und andere Strategien.
Auch durch die Flugausfälle aufgrund von Luftraumsperrungen in mehreren vom Krieg betroffenen südwestasiatischen Ländern wird Treibstoff gespart.
Die Industrie weltweit leidet unter den Lieferengpässen bei Öl, Gas und Petrochemikalien durch die Blockade der Straße von Hormus. Die Aluminiumverhüttung und andere energieintensive Verarbeitungsprozesse sind besonders stark betroffen, ebenso wie beispielsweise die Glasherstellung, die stark auf den Einsatz von Erdgas angewiesen ist, um die Glasöfen kontinuierlich zu betreiben. So hat die Einschränkung des Betriebs in nur zwei Monaten von Indien bis Südamerika bereits zu Engpässen bei Glasbehältern aller Art geführt, von Arzneimittelfläschchen bis hin zu Bierflaschen.
Zusätzlich zum Energieschock führt der plötzliche Mangel an chemischen Rohstoffen wie Naphtha zu einer Welle von Produktionsausfällen bei anderen Gütern, von Kunststoffen über Farben bis hin zu Reinigungsmitteln. Schätzungen zufolge bezog der gesamte petrochemische Sektor Asiens mehr als die Hälfte seiner Naphtha-Importe aus den Golfstaaten.
Die Aluminiumverhüttung in den Golfstaaten – die sich dort in den letzten Jahrzehnten wegen der günstigen Energiepreise angesiedelt hat – machte früher 10% der weltweiten Produktion aus, ist nun aber drastisch eingeschränkt. So hat Aluminium Bahrain seine Produktion um fast 20% gedrosselt. Schätzungen zufolge wird es in diesem Jahr ein internationales Versorgungsdefizit von bis zu vier Millionen Tonnen Aluminium geben.
China ist der weltweit größte Importeur von petrochemischen Rohstoffen, wobei etwa die Hälfte seiner Importe aus den Golfstaaten stammt. Regierung und Unternehmen müssen nun Notpläne erstellen.
Auch Indien war zu über 45% von Importen petrochemischer Zwischenprodukte abhängig, wobei ein Großteil aus den Golfstaaten stammte, die nun blockiert sind.
Für die 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union, die schon vorher unter wirtschaftlicher Stagnation oder Rückgang litten, bringt der amerikanisch-israelische Krieg am Golf schwerwiegende Verwerfungen. Es ist informativ, einen kurzen Blick auf diesen negativen Hintergrund zu werfen, in dem die neuen wirtschaftlichen Schocks auftreten. So lag die Stromerzeugung in der gesamten EU im Jahr 2015 bei etwa 2.800-2.900 TWh und sank in einem Jahrzehnt bis 2024/2025 auf etwa 2.700-2.770 TWh.
Im Dreijahreszeitraum 2023-2025 schrumpfte die Produktion der deutschen Industrie um 7-8%; Italien verlor 4-5% seiner Industrieproduktion; Frankreich verzeichnete einen Rückgang um 1-2%. Der Wegfall zuverlässiger Stromversorgung – außer in Frankreich – und die geopolitisch bedingte Hinwendung zu hochpreisigem Gas und Öl wegen der Rußland-Sanktionen sind ein Hauptfaktor für den wirtschaftlichen Niedergang. Die Investitionen im europäischen Chemiesektor gingen 2025 um über 80% zurück, Werksschließungen verdoppelten sich und die Kapazitäten schrumpften deutlich. Die Stahlerzeugung in der EU liegt heute 10-15% unter dem Niveau vor 2022.
Deutschland. Einst der „Motor“ der EU-Wirtschaft, befindet sich Deutschland nun in einem extremen Niedergang. Im einst legendären, florierenden Automobilsektor finden massive Entlassungen statt. 2025 wurden 50.000 Arbeitsplätze abgebaut. Und in diesem Jahr hat allein Volkswagen bisher bereits 50.000 Stellenstreichungen angekündigt. In der Chemiebranche hat der Weltmarktführer BASF einen dauerhaften Personalabbau an seinem Heimatstandort Ludwigshafen angekündigt, Tausende von Arbeitsplätzen werden gestrichen und Produktion wird nach China und in die USA verlagert.
Diese wenigen Zahlen sind bezeichnend für den Abbau in allen Fertigungssektoren Europas, von der Elektronik bis zur Glasherstellung, die seit einiger Zeit schrumpfen, weil sich die Energiepreise und andere Bedingungen verschlechtert haben – zum großen Teil aufgrund der Sabotage der Nord-Stream-Pipelines im September 2022. Neben der BASF verlagern viele namhafte Unternehmen wie Bayer Teile ihrer Geschäftstätigkeit nach China und in andere Länder.
Vor diesem Hintergrund kann Europa die Auswirkungen der Blockade der Straße von Hormus nicht mehr „abfedern“.
Unter dem Vorwand geopolitischer Zwänge trommeln die Trump-Regierung und viele Europäer für eine Umstellung der Wirtschaft auf Rüstungsproduktion und behaupten zudem, dies werde die Produktionskapazitäten stärken. Präsident Trump fordert für 2027 ein Militärbudget von 1,5 Billionen Dollar, fast 50% mehr, und betont, die Regierung in Washington sei für die Aufrüstung zuständig, während andere Haushaltsaufgaben auf die Bundesstaaten abgewälzt werden sollen, wie z.B. die Gesundheitsversorgung für ältere und arme Menschen (Medicare und Medicaid) oder die Kinderbetreuung. Er fordert eine schnelle Produktion neuer Schlachtschiffe der sogenannten „Trump-Klasse“ für eine „Goldene Flotte“ sowie einen Raketenabwehrschild „Golden Dome“ über den Vereinigten Staaten.
Parallel dazu stellt die Kriegsfraktion in Europa ähnliche Forderungen. In Deutschland hat Bundeskanzler Friedrich Merz gefordert, die staatliche Rente auf eine „Grundversorgung“ zu reduzieren – die nicht zur Aufrechterhaltung des Lebensstandards reicht –, um die Wiederaufrüstungsziele zu finanzieren. Die Unternehmen reihen sich ein. Volkswagen will im ehemaligen Automobilwerk in Osnabrück Militärfahrzeuge bauen und bemüht sich um einen Vertrag mit Israel zur Lieferung von Komponenten für dessen Raketenabwehr „Iron Dome“.
Daß die Vorstellung, diese Umstellung würde die Produktivität der Wirtschaft erhöhen, eine große Illusion ist, wird völlig ignoriert.
Kürzungen bei der humanitären Hilfe. Die transatlantischen Regierungen beschließen drastische Kürzungen bei der Nahrungsmittelhilfe und Gesundheitshilfe im Ausland, während weltweit Millionen von Menschen in Not geraten. Ein extremer Fall ist Trumps Haushaltsentwurf für 2027, der dem Krieg Vorrang einräumt. In den letzten Jahrzehnten war der Finanzierungsanteil der USA beim Welternährungsprogramm und anderen Hilfskanälen beträchtlich, nun soll er fast vollständig gestrichen werden. Trump will das Programm „Food for Peace“, das 1954 unter Präsident Eisenhower ins Leben gerufen wurde, einstellen und das Programm „McGovern-Dole Food for Education“ (2002) um 240 Millionen Dollar kürzen.
Diese Kürzungen der Hilfe kommen zu den anderen hinzu, die bereits im Haushaltsjahr 2026 umgesetzt werden. Washington kürzt die Beiträge an humanitäre Hilfsorganisationen der UN – z.B. die Weltgesundheitsorganisation – sowie direkte Spenden für Katastrophenhilfe, Lebensmittel, Wasser, Düngemittel und andere Hilfsgüter. Auch wenn frühere US-Regierungen berüchtigt dafür waren, Hilfsprogramme als Deckmantel für Subversion und Destabilisierung anderer Länder zu nutzen, haben die gespendeten Güter – Lebensmittel, Düngemittel, Medikamente, Ausrüstung – an vielen Orten wirklich geholfen, und wenn sie nun fehlen, bedeutet das Leid und Tod. Das Weiße Haus behauptet, Entwicklungshilfe verstoße gegen „amerikanische Werte“.
Der amerikanisch-israelische Krieg gegen den Iran hat schon jetzt 0,5-0,8% des globalen BIP vernichtet und weltweit mehr als 32 Millionen Menschen wieder in Armut gestürzt, warnte der Administrator des UN-Entwicklungsprogramms (UNDP), Alexander De Croo, am 23. April. „Was aufzubauen Jahrzehnte dauerte, wird in acht Wochen Krieg zerstört“, sagte der ehemalige belgische Ministerpräsident gegenüber Reuters.
De Croo hob besonders den Düngemittelmangel hervor, der durch die Unterbrechung des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus inmitten der Aussaat-Saison noch verschärft wurde. Die Folgen dieser Krise seien jetzt noch nicht in vollem Umfang zu spüren. „Die Ernährungsunsicherheit wird in wenigen Monaten ihren Höhepunkt erreichen, und man kann nicht viel dagegen tun“, sagte er.
Die landwirtschaftliche Produktivität ist bereits gesunken, und die Ernteerträge im Verlauf dieses Jahres werden die Schäden widerspiegeln. Auch die Überweisungen der in Südwestasien tätigen Arbeitskräfte aus der Asien-Pazifik-Region an ihre Familien zuhause, 100 Milliarden Dollar jährlich, versiegen. Der Schaden sei kurzfristig irreversibel, „selbst wenn der Krieg morgen aufhören würde, sind diese Auswirkungen bereits eingetreten“, sagte De Croo.
Ein Memorandum des UN-Entwicklungsprogramms UNDP vom 13. April kommt zu dem Schluß, daß Länder am Golf, in Asien, in Subsahara-Afrika und arme, kleine Inselstaaten am stärksten gefährdet sind. Allein der Iran hat im ersten Monat des Konflikts schätzungsweise anderthalb Jahre an Fortschritten in der menschlichen Entwicklung eingebüßt. Und die humanitären Organisationen sind überfordert. De Croo sagte: „Wir werden bestimmten Menschen sagen müssen...: Wir können euch nicht helfen.“
Weitere Hilfsorganisationen der UN und des privaten Sektors dokumentieren das Ausmaß der Not. Am 24. April veröffentlichte ein Bündnis von UN-Organisationen den Global Report on Food Crises2 mit Details zu weltweiten akuten Hungersnöten. Darin heißt es laut UN News: „266 Millionen Menschen in 47 Ländern waren im Jahr 2025 von akuter Ernährungsunsicherheit in hohem Maße betroffen… Zwei Drittel aller Menschen, die in hohem Maße von akutem Hunger betroffen waren, entfallen auf zehn Länder: Afghanistan, Bangladesch, der Jemen, die Demokratische Republik Kongo, Myanmar, Nigeria, Pakistan, der Südsudan, der Sudan und die Arabische Republik Syrien.“ 2025 wurde in Gaza und Teilen des Sudans offiziell eine Hungersnot konstatiert.
Der Bericht stellt fest, daß auf der unmittelbaren, regionalen Ebene „Konflikte nach wie vor der Hauptgrund sind und für mehr als die Hälfte aller Menschen, die unter schwerem Hunger leiden, verantwortlich sind“.
Trotz der geopolitischen Pattsituation arbeiten Experten verschiedener Fachrichtungen an Plänen für Nothilfe und für langfristigen Wiederaufbau. Am dringendsten ist ein Evakuierungsplan der Internationalen Seeschiffahrtsorganisation (IMO) für die 20.000 Seeleute, die auf den 2000 im Persischen Golf festgehaltenen Schiffen festsitzen. Ihnen mangelt es an Nahrung, Wasser und sanitären Einrichtungen.
Darüber hinaus hat die IMO einen neutralen Seekorridor festgelegt, der jederzeit aktiviert werden kann, um den Transit durch die Straße von Hormus wiederherzustellen. Er ist seit 1968 in Betrieb und wird von Oman und dem Iran gemeinsam betrieben. IMO-Generalsekretär Arsenio Dominguez hat den UN-Sicherheitsrat am 27. April darüber informiert.3
Um die Krise in der Nahrungsmittelproduktion abzumildern, hält die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) in Rom „eine auf dem Anbaukalender basierende Priorisierung der Länder bereit, je nachdem, wann und wie viel Dünger sie benötigen“. Dies berichtete der Chefökonom der FAO, Maximo Torrero, am 13. April.
Gleichzeitig warnte der Direktor der Abteilung für Agrar- und Ernährungswirtschaft der FAO, David Laborde: „Wir sind in einer Input-Krise; wir wollen nicht, daß daraus eine Katastrophe wird. Der Ausgang hängt von den Maßnahmen ab, die wir ergreifen.“ Er appellierte insbesondere an Länder, in dieser Notlage die Umstellung von Erzeugung auf Biokraftstoffe zu „überdenken“. Der Trend, Nahrungsmittelpflanzen statt dessen für Kraftstoffe zu nutzen, setzt sich jedoch fort, weil viele Länder keine Alternative sehen.
Am 27. März kündigten die Vereinten Nationen die Einrichtung einer Arbeitsgruppe an, um den Warenfluß zu erleichtern,4 weil „es dringend notwendig ist, im Nahen Osten und darüber hinaus, einschließlich in Afrika und Asien, die auf Düngemittelimporte angewiesen sind, eine massive humanitäre Krise zu verhindern“. So heißt es in einer Erklärung des Leiters der neuen Arbeitsgruppe, Jorge Moreira da Silva, stellvertretender UN-Generalsekretär und Exekutivdirektor der UN Operations Project Services. Zu den beteiligten Organisationen gehören die IMP, die UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD) und andere.
Am 21. April erklärte Moreira da Silva, die Gruppe habe alle Vorkehrungen getroffen, damit sein Team nach einer politischen Einigung sofort über eine „One-Stop-Plattform“ zur Genehmigung und Überwachung des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus verfügt und „innerhalb von sieben Tagen die Mitarbeiter vor Ort bereitstellen kann, um eine solche Erleichterung zu gewährleisten“.5
Er forderte „politischen Willen“ und warnte: „Eine Unterbrechung des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus kann 45 Millionen Menschen zusätzlich in Hunger und Hungersnot treiben.“
Anmerkungen
1. „IGC: Global grain output projected to fall in 2026-27”, Website world-grain.com, 23.04.2026.
2. „Two-thirds of global hunger concentrated in 10 conflict-hit countries”, UN News, 24.04.2026.
3. „UN Security Council High-Level Open Debate – The safety and protection of waterways in the maritime domain”,
Website der Inernational Maritime Organization.
4. „Statement on plans to facilitate the movement of goods for humanitarian purposes through the Strait of Hormuz”,
UNOPS Website.
5. „Strait of Hormuz: With hunger looming, life-saving fertilizer shipments cannot wait, head of UN task force says”,
UN News, 21.04.2026.
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