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Neue Solidarität
Nr. 13-14, 26. März 2026

Von Próspera in Honduras zu Gaza

Das oligarchische Modell einer „Schönen neuen Welt“

Von Karel Vereycken

Am 3. Januar 2026 unternahmen die Vereinigten Staaten Militärschläge gegen Venezuela und entführten Präsident Nicolás Maduro und seine Frau Cilia Flores, die von den US-Streitkräften nach New York City geflogen wurden, um sich dort wegen Drogenhandels und Drogenterrorismus zu verantworten.

© CC/Presidencia de El Salvador
Juan Orlando Hernández, ehemaliger Präsident von Honduras und verurteilten Drogenhändler, wurde von Präsident Trump begnadigt.

Einen Monat zuvor hatte Präsident Trump den ehemaligen Präsidenten von Hondu­ras und verurteilten Drogenhändler Juan Orlando Hernández begnadigt. Laut einer Erklärung des US-Justizministeriums vom 26. Juni 2024 hatte Hernández dabei geholfen, „die Einfuhr von fast unvorstellbaren 400 Tonnen Kokain” in die USA zu ermöglichen. „Milliarden von Einzeldosen wurden in die Vereinigten Staaten geschickt.” Der US-Staatsanwalt für den Südlichen Distrikt von New York, Damian Williams, erklärt seinerzeit dazu: „Jetzt, nach Jahren des zerstörerischen Drogenhandels von unvorstellbarem Ausmaß, wird Hernández 45 Jahre dort verbringen, wo er hingehört: im Bundesgefängnis.“ Die 45 Jahre dauerten nur etwa 18 Monate.

Maduro, der „böse Drogenterrorist“, saß auf den größten Ölreserven der Welt, und die USA wollen nicht, daß der aufstrebende Wirtschaftsgigant China diese nutzt. Hernández, der „gute Drogenterrorist“, ist dagegen ein rechter Politiker, der in Honduras besondere Zonen für Beschäftigung und wirtschaftliche Entwicklung (Zona de empleo y desarrollo económico, ZEDE) schuf und den Mogulen des Silicon Valley erlaubte, auf der honduranischen Insel Roatán mit dem Aufbau einer libertären Dystopie namens „Próspera“ zu experimentieren.

Charter-Städte und Netzwerkstaaten

Próspera entspricht Peter Thiels und Curtis Yarvins libertärer Phantasie von „Charter-Städten“. Honduras‘ erste private Stadt wurde nach dem Staatsstreich 2009 konzipiert, der Hernández‘ Nationale Partei an die Macht gebracht hatte. Damals wurden Sonderentwicklungsregionen geschaffen, nach dem Modell der Charter-Städte des Amerikaners Paul Romer, Wirtschafts-Nobelpreisträger 2018 und ehemaliger Chefökonom der Weltbank, der nach dem Staatsstreich Berater der Regierung wurde. Romer wurde vom Charter Cities Institute (CCI) beeinflußt, einer Organisation mit Sitz in Washington, die sich weltweit für die Entwicklung solcher Sonderverwaltungszonen einsetzt.

Der deutsche Ökonom Titus Gebel, ein Investor von Honduras Próspera, Inc., erläuterte das Konzept 2023 in dem Weißbuch Free Private Cities – A New Operating System For Living Together (Freie Privatstädte – ein neues Betriebssystem für das Zusammenleben).1 ZEDEs „behalten sich das Recht vor, Schwerverbrecher, Kommunisten und Islamisten nicht aufzunehmen”, erklärte Gebel 2019. „Gegen eine feste [jährliche] Gebühr bietet der Betreiber den Bürgern der freien Privatstadt Schutz von Leben, Freiheit und Eigentum.”

© CC/ReasonTV

Das Beta-Gebäude, das Operationszentrum der Sonderwirtschafts­zone Próspera, einer Charter-Stadt auf der honduranischen Insel Roatán.

Das ist die Formulierung von John Locke, die die Gründerväter der USA ablehnten, indem sie stattdessen „Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit” als Grundrechte aller Menschen definierten.

Thiels Version der ZEDEs (die von China klug genutzt wurden, um seine Entwick­lung anzukurbeln) wurde als „Wohlstands­zonen“ angepriesen, in denen man die Gesetze so anpassen kann, daß sie Kapital anziehen und die private Stadt nicht den Gesetzen, der Besteuerung oder der Polizeigewalt der Zentral­regie­rung unterworfen ist. ZEDEs wurden auch in den Vereinigten Staaten ausprobiert, stießen jedoch auf Widerstand, weshalb die Befürworter ins Ausland gingen.

Das Próspera-Projekt gewann 2013 an Fahrt, als es vom Obersten Gerichtshof von Honduras genehmigt wurde. 2017 beantragten die Gründer offiziell eine Charter-Stadt in Honduras und nutzten Unternehmen wie Brimont Holding und North Shore Development Company, um Land auf der Insel zu kaufen, auf der Próspera liegt.

Auf den ersten Blick könnte man glauben, es wäre ein honduranisches Projekt, aber Honduras Próspera, Inc. war und ist ein Ableger von NeWAY Capital LLC, einem Washingtoner Vermögensverwalter unter Leitung des Venezolaners Erick Brimen, der sich als „Finanzprofi” bezeichnet, sowie Gabriel Delgado Ayau, dem Enkel des Gründers der Francisco Marroquín-Universität in Guatemala – das „Nervenzentrum“ der rechtsextremen libertären Bewegung in Lateinamerika – und Ex-Präsidenten der ultraneoliberalen Mont-Pelerin-Gesellschaft.

Wenig überraschend ist Honduras Próspera, Inc. im US-Staat Delaware registriert, einer Steueroase. Die Informationen über die Investoren von Próspera werden wie die Konten von Honduras Próspera, Inc. von der Trident Trust Company LTD mit Sitz auf den Kaimaninseln registriert und verwahrt – ebenfalls eine berüchtigte, undurchsichtige Steueroase, die kriminelle Drogenbarone und ihre Banker nutzen.

Um sein Projekt besser zu verkaufen, gab Brimen 2024 vor, er habe die Stadt als „Initiative zur Armutsbekämpfung” für Honduras konzipiert. Seit Baubeginn 2021 habe die Stadt dazu beigetragen, mehr als 200 Unternehmen zu gründen und über 100 Millionen Dollar an Investitionen zu beschaffen. „Was heute Próspera ist, begann als eine Idee, die aus meiner Herkunft aus Venezuela entstand”, sagte Brimen gegenüber Insider News. „In meinem Geburtsland gab es enorme Armut, eine starke Konzentration des Reichtums und eine große Kluft zwischen beiden. Ich wollte Wege finden, um die Armut zu beseitigen.”

In Wirklichkeit folgt Brimen den Plänen des kolonialen „Tech-Zionismus” von Balaji Srinivasan, dem ehemaligen Technologiechef der Kryptowährungsbörse Coinbase und Autor des Konzepts vom „Netzwerkstaat“:

Prósperas Niedrigsteuer-Modell mit einer Unternehmenssteuer von 1%, Einkommensteuer von 5% und Grundsteuer von 1% macht es zu einem attraktiven Standort für Unternehmen und Einwohner. Zudem hat sich die Zone offenbar für Bitcoin entschieden, alle Transaktionen – einschließlich Steuererklärungen – werden in Bitcoin abgewickelt.2 Einwohner müssen nur den QR-Code ihrer elektronischen Geldbörse scannen, um Zahlungen in Sekunden abzuschließen.

Illegale medizinische Experimente

Noch schlimmer ist, daß mehrere Netzwerkstaaten zu Plattformen für unregulierte, sprich illegale medizinische Experimente wurden. Vorschriften, seien es Vorgaben der Arzneimittelaufsicht, KI-Sicherheitsbedingungen und andere Funktionen und Prozesse, die die Eingriffe von Risikokapitalgebern in die nationale Souveränität – bis hin zur Demokratie – einschränken können, sollen abgeschafft werden.

Die Ideologen der Netzwerkstaaten wollen medizinische Vorschriften abschaffen und statt dessen Tests durchführen, deren einzige Bedingung die Einwilligung der Testperson ist. Dazu gründen sie Kolonien, in denen sie solche medizinischen Experimente ohne staatliche Aufsicht durchführen können. Mit Tausenden von Biotech-Startups, die sie fördern wollen, ist das ein Hauptmotor des Netzwerkstaates.

In Próspera werden solche unregulierten Medizinexperimente und Gentherapien durchgeführt. Sie wurden auch in Europa in Montenegro für Zuzalu in Betracht gezogen, eine „schwimmende Stadt”, die sich auf biomedizinische Experimente konzentriert. In Próspera offenbart eine Willkommens-Plakatwand deutlich diese transhumanistische Agenda: „Willkommen in Vitalia, der Stadt, in der der Tod optional ist.”

In einem Artikel in Le Monde hieß es: „Im Keller eines Labors können Menschen sich Magnete in ihre Fingerspitzen implantieren oder Follistatin injizieren lassen, um an einer Studie zur Langlebigkeits-Gentherapie teilzunehmen. Diese medizinische Studie wurde möglicherweise von keiner Gesundheitsbehörde in irgendeinem Land genehmigt, aber das spielt keine Rolle.”3

PayPal-Mafia

Die Trump-Spender und -Berater Peter Thiel von Palantir und Marc Andreessen, angeblich Geldgeber des Risikokapitalfonds Pronomos Capital, führen mit Millionen von Dollar eine globale Kampagne zur Finanzierung von Charter-Städten auf der ganzen Welt.

Thiels Pronomos-Portfolio umfaßt Investitionen in Menschen, Organisationen und Unternehmen, die ihre „eigenen“ digitalen Nationen aufbauen.4 Dazu gehören bereits Charter-Städte wie Próspera in Honduras, Yung Drun City in Bhutan und Metropolis, eine Charter-Stadt im Kleinstaat Palau, einem mikronesischen Archipel auf halbem Weg zwischen Guam und den Philippinen.

Metropolis Global war stolz auf die Investitionen von Pronomos:

Metropolis Global verschweigt, daß Patri Friedman ein ehemaliger Google-Mitarbeiter und Enkel des ultra-neoliberalen Ökono­men Milton Friedman ist, einem der Gründer der Chicagoer Schule und Ideengeber der Diktaturen in Chile und Argentinien der 1970er Jahre.

Zerschlagung afrikanischer Nationalstaaten

Zum Portfolio von Pronomos gehören auch das Unternehmen Alpha City, das für „privat verwaltete und betriebene Städte“ in Afrika wirbt, und Afropolitan, in dessen Manifest es heißt: „Das Experiment des Nationalstaates ist für schwarze Menschen weltweit gescheitert. Es hat nichts als Armut, Völkermord, Polizeibrutalität, ethnische Konflikte, Inflation, schwache Regierungen und das Versagen unserer Ökosysteme gebracht.“

Wie soll man eine digitale Nation aufbauen? Afropolitan empfiehlt:

Auf seiner Website kündigte der senegalesische Unternehmer Magatte Wade im vergangenen Jahr eine Partnerschaft mit NeWAY Capital zur Gründung von „Próspera Africa“ an.6

Kryptowährungen auf dem Vormarsch

Die Macht der Kryptowährungen wächst. 2013 gründeten Brian Armstrong und Fred Ehrsam von San Francisco und dem Silicon Valley aus die amerikanische Kryptowährungsbörse Coinbase Global, Inc. Heute hat Coinbase mehr als 100 Millionen Nutzer und ist seit 2024 der weltweit größte Bitcoin-Verwahrer. Das Unternehmen ist in über hundert Ländern tätig und verfügt über ein Vermögen von knapp 516 Milliarden Dollar, darunter fast 12% aller existierenden Bitcoins und 11% aller Ether, einer weiteren beliebten Kryptowährung. Seit 2025 arbeitet es als „Remote-First-Unternehmen“ ohne physischen Hauptsitz.

Im Januar 2025 erklärte Coinbase-Chef Brian Armstrong, die Risikokapitalabteilung seines Unternehmens werde als Investor in Próspera einsteigen, um „finanzielle Inklusion und Innovation zu fördern”.

Próspera zeichnet sich durch seine halbautonome Verwaltungsstruktur aus, unter der Unternehmen weitgehend unabhängig von der honduranischen Regierung agieren können. Die Stadt wird von einem anonymen Rat verwaltet, ein Schiedsgericht aus ehemaligen US-Richtern schlichtet Streitigkeiten. Private Sicherheitsfirmen setzen die Regeln der Stadt durch.

Ein Unternehmen, das sich in Próspera niederläßt, kann aus einer Liste von 37 Ländern (oder dem Common Law, das eher auf Präzedenzfällen basiert) den für sich passenden Rechtsrahmen wählen. „Wenn Sie der Meinung sind, daß Singapur den besten Rechtsrahmen hat, können Sie sich in Próspera niederlassen und nach singapurischen Standards arbeiten“, erklärte ein Beamter.

Die Vordenker der „Charter-Städte“

Wie schon so oft in der Vergangenheit lassen sich die dekadenten US-Eliten, die sich zur herrschenden Tech-Aristokratie der Welt hochstilisieren, von den ehemaligen Kolonialherren inspirieren. Peter Thiel fühlt sich inspiriert von John Locke, Thomas Hobbes, Carl Schmitt, Alexandre Kojève, Leo Strauss und dem französischen post-synarchistischen „katholischen“ Denker René Girard, dessen Anhänger er an der Universität Stanford wurde.7 Ebenfalls kürzlich aus Großbritannien importiert und nun von Thiel und anderen Silicon-Valley-Größen finanziert werden die gruseligen Theorien des britischen Professors Nick Land, der vor seiner Pensionierung (die auf übermäßigen Amphetaminkonsum zurückgeführt wird) als eine Art „Guru“ galt. In den 1990er Jahren war Land Mitbegründer und Leiter der Cybernetic Culture Research Unit (CCRU), einer avantgardistischen Abteilung der britischen Universität Warwick.

© CC/Elekes Andor

Curtis Yarvin gibt seiner Barbarei ein humanitäres Mäntelchen

Land, der inzwischen zusammen mit seinem eifrigsten US-Anhänger Curtis Yarvin weithin bekannt wurde, entwickelte das Konzept des „Akzelerationismus”: Anstatt sich gegen ein als ungerecht und ineffizient empfundenes System zu wehren, interpretierten Land und Yarvin Hegels Dialektik und den klassischen

Faschismus neu, mit einer besonderen Betonung auf inneren Wider­sprüchen, und rieten dazu, die Selbstzerstörung des Systems zu beschleunigen, um so Raum für radikale soziale Veränderungen zu schaffen.

„Nick Land ist der Guru aus dem Silicon Valley, der die Philosophie von Elon Musk, Peter Thiel und Donald Trump geprägt hat: Sein Vorschlag lautet, den Kapitalismus auszubeuten, bis er sich selbst zerstört”, hieß es in der spanischen Zeitung La Vanguardia am 26. Oktober 2025.

Für die neuen Instrumente, die sie dafür nutzen wollen, wird heute massiv geworben: künstliche Intelligenz (KI) und private Kryptowährungen. Unter den Akzelerationisten bildeten sich zwei Schulen heraus: eine linke Schule, die vom Sozialismus träumt, sowie in den USA die „Alternative Rechte“, Alt-Right. Sie wünscht sich anstelle eines gewählten Präsidenten einen „verantwortlichen Monarchen“ (so Curtis Yarvin), einen „CEO-König“, der über einen bis an die Zähne bewaffneten privaten Unternehmensstaat herrscht und damit de jure schafft, was sie bereits als de facto real ansehen. Diese „Revolution”, die eine demokratische Volksvertretung abschafft, bezeichnen Land und Yarvin als Dark Enlightenment – „dunkle Aufklärung“.

Yarvin hat großes Aufsehen erregt und steht in persönlichem Kontakt mit führenden Persönlichkeiten aus Fraktionen von Donald Trumps MAGA-Bewegung, darunter Steve Bannon, Vizepräsident JD Vance, der Direktor für Politikplanung im Außenministerium Michael Anton, der Risikokapitalgeber und Trump-Berater Marc Andreessen sowie KI-Milliardäre aus dem Silicon Valley wie Peter Thiel, Elon Musk und Larry Ellison.

Wie Ava Kofman am 2. Juni 2025 in The New Yorker schrieb:

Spätestens als Elon Musk mit dem DOGE-Programm (Department of Government Efficiency) beauftragt wurde, alle als nutzlos erachteten öffentlichen Arbeitsplätze abzubauen, was Vance unterstützte, mußte man davon ausgehen, daß Yarvins wahnsinnige Ideen von der Theorie in die Praxis umgesetzt werden sollen.

„Friedensplan“ für Gaza: Palästinenser als Versuchskaninchen?

Próspera und ähnliche Charter-Städte werden vom US-finanzierten Tony Blair Institute auch als Modell für den Wiederaufbau des Gazastreifens und Donald Trumps „Friedensplan“ für Gaza beworben. Gaza ist nur eine aus einer langen Liste möglicher Charter-Städte, wie man auf der Website ns.com nachlesen kann.9

© Riccardo Stuckert/PR (cc)

Das Tony Blar Institute wirbt für das Konzept der Charter-Städte als Modell für den Wieder­aufbau des Gazastrei­fens.

Am 6. Februar 2025 befürwortete Yarvin in einem Beitrag mit dem Titel „Gaza, Inc.“ auf seinem Blog Gray Mirror Trumps Plan, Gaza in ein gigantisches privatisiertes Immobilienprojekt umzuwandeln (was die vollständige Entvölkerung der Enklave impliziert).10 Aber das ist nur die Oberfläche.

Laut der Onlinezeitung Le Grand Continent will Yarvin aus Gaza „nicht nur ein erfolgreiches Immobilienprojekt machen, sondern auch eine ‚Charter-Stadt‘: eine Unternehmensstadt, in der die Bewohner Gazas Token besitzen könnten (während sie ihr Land und ihre Häuser verlieren); ein reines Börsenprodukt (die GAZA-Aktie würde mit einem sehr hohen Nennwert an den Märkten eingeführt werden); das erste souveräne Unter­nehmen, das mit Unterstützung Washingtons in den Vereinten Nationen vertreten wäre. Eine libertäre Utopie à la Thiel.
Eine reaktionäre Dystopie à la Trump.”11

„Charter-Staaten” sind nichts Neues, nur eine Neuauflage dessen, was die Historiker „Charter-Unternehmen” nennen: eine Vereinigung von Aktionären, die durch eine königliche Urkunde (oder ähnliches) zum Zwecke von Handel, Erforschung oder Kolonisierung oder einer Kombination davon gegründet und mit (oft exklusiven) Rechten ausgestattet wird. Die bekanntesten Beispiele sind die Britische und die Niederländische Ostindien-Gesellschaft.

Und wer wäre als Leiter von „Gaza, Inc.“ besser geeignet als der britische „Pirat“ und Ex-Premier Tony Blair. Bemerkenswert ist, daß Larry Ellison, ein Anhänger der Theorien der Dunklen Aufklärung, seit 2021 etwa 343 Millionen Dollar in das Tony Blair Institute for Global Change (TBI) investiert hat. Ellison, den Donald Trump als „CEO von allem“ bezeichnet, ist der Gründer des Technologieriesen Oracle und gilt als der zweitreichste Mann der Welt. Das TBI ist heute die größte britische Nichtregierungsorganisation, mit über 900 Mitarbeitern in mehr als 45 Ländern, es agiert hinter den Kulissen und funktioniert fast wie eine moderne Ostindien-Gesellschaft, die weitgehend die Regierung von Premierminister Keir Starmer und über ihre Afrika-Beratungsabteilung auch die Regierung Ugandas lenkt.12

Yarvins Vorschlag, Gaza zu einem Charter-Staat zu machen, aktualisiert frühere Vorschläge seit dem 7. Oktober 2023. Er will das „Palästinenserproblem“ lösen, indem er seine formalistische Theorie mit dem Wahnsinn der „Entterritorialisierung“ der Dunklen Aufklärung kombiniert.

Yarvin gibt seiner Barbarei ein humanitäres Mäntelchen. Anstatt Menschen, die in Kriegsgebieten leiden, nur zu bedauern, solle man sich die Bedingungen vorstellen, sie von dort zu „befreien“. Es gebe „keinen guten Grund“, warum ein Mensch an einem bestimmten Ort bleiben soll, deshalb seien Eroberungskriege absurd. Yarvin verachtet jede Form von Patriotismus und verspottet diesen als „ethnischen Rassismus“. Alles Land sei nur „Privateigentum“. Er sieht keinen rationalen Grund für die Bewohner Gazas, in ihrer Heimat zu bleiben. Sein Patentrezept sind Immobilien:

Etwas ähnliches sagte Präsident Trumps Schwiegersohn Jared Kushner, der durch Blairs Vermittlung der Abraham-Abkommen hohen Profit machte, bei einer Veranstaltung in Harvard im Februar 2024:

Im Mai 2024 veröffentlichte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu seinen Plan für eine „Freihandelszone Gaza-Arisch-Sderot“: ein Mega-Immobilienprojekt – ähnlich wie NEOM in Saudi-Arabien, mit dem das Projekt per Bahn verbunden werden soll – mit dem Codenamen Gaza2035. Das Ziel ist, die Enklave mit Wolkenkratzern vollzustopfen und in ein Technologie- und Energiezentrum zu verwandeln, finanziert u.a. durch Offshore-Ölförderung.

Ein Flickenteppich aus „Netzwerkstaaten“

Gaza soll ein Experiment für den Aufbau eines „Netzwerkstaates“ werden, um von Unternehmen kontrollierte private Städte zu schaffen – „Startup-Nationen“, in denen Demokratie, Gesetze und Steuern keine Geltung haben.13 Aber wenn die Eigentümer dieser Charter-Städte alles selbst regulieren, wären dann dort solche Dinge, wie sie auf Epsteins Privatinsel veranstaltet wurden, überhaupt noch strafbar?

Es wird als Innovation verkauft, in Wirklichkeit geht es um Flucht: ein Bunker-System für Milliardäre, um sich der Demokratie und der öffentlichen Rechenschaftspflicht zu entziehen. Man erinnere sich, daß Präsident Emmanuel Macron bei seinem Amtsantritt verkündete, er wolle Frankreich zu einer „Start-up-Nation“ machen.

Ähnlich plant das von Marc Andreessen, Sam Altman und Peter Thiel finanzierte Unternehmen „Praxis“ den Bau einer Technologiestadt auf Grönland. Elon Musk hat bereits eine eigene Privatstadt in Texas, Starbase. Der Coinbase-Chef Brian Armstrong hat Präsident Trump aufgefordert, sein Wahlversprechen einzulösen, auf US-Territorium zehn Freedom Cities, „Freiheitsstädte“, zu errichten.

In einer Schrift aus dem Jahr 2008 forderte Yarvin unter dem Pseudonym Mencius Moldbug „eine vollständige Ersetzung des Staates. Wir haben genug. Wir haben genug vom gegenwärtigen Regierungssystem.”14 Anstelle der Vielstimmigkeit souveräner Nationalstaaten schlägt Yarvin ein „Patchwork” (Fleckenteppich) vor, ein „Netzwerk aus einer großen Anzahl kleiner, aber unabhängiger Staaten. Genauer gesagt ist das Grundstück jedes Staates sein Patch; für den souveränen Eigentümer, d.h. die Regierung des Patches, ist es sein Reich. Zumindest anfangs besitzt jedes Reich genau einen Patch. In der Praxis kann sich das mit der Zeit ändern, aber die Reich-Patch-Struktur ist zumindest so konzipiert, daß sie stabil ist.“

© Wikimedia Commons/Ziegelbrenner/cc-by-sa 2.5
Yarvin behauptet, „daß die Perioden, in denen die menschliche Zivilisation blühte, diejenigen waren, in denen sie politisch am stärksten gespalten war. Das antike Griechenland, das mittelalterliche Italien, Europa bis 1914, China in der Frühlings- und Herbstperiode und so weiter.“ Tatsächlich verlor Mitteleuropa in dieser Periode mehrfach einen großen Teil seiner Bevölkerung – beispielsweise durch die Große Pest in 14. Jahrhundert, und durch den Dreißigjährigen Krieg im 17. Jahrhundert. Die abgebildete Karte zeigt die zahlreichen Territorien des Heiligen Römischen Reiches um 1400.

Vielleicht inspiriert von Leopold Kohr und Ernst Friedrich Schumachers „Small is Beautiful“, wirbt Yarvin offen für eine Rückkehr zu einer feudalen Ära von Stadtstaaten in einer Welt voller Spaltung und Chaos:

Er versucht sich zu rechtfertigen: Es sei „nur natürlich, daß ein reaktionäres Konzept für eine zukünftige Regierungs­form einen etwas feudalen Anstrich hat. Aber Patchwork ist etwas Neues. Es wird sich nicht wie die Vergangenheit anfühlen. Es wird sich wie die Zukunft anfühlen. Die Vergangenheit – also die demokratische Vergangenheit – wird sich zunehmend grau, fremd und beängstigend anfühlen.“

Für Yarvin wäre die „Privatisierung“ des Gazastreifens und die Vertreibung der Palästinenser nichts besonders Umwäl­zendes oder gar Störendes. Im Gegenteil, es wäre nur der Einstieg in eine neue Realität, an die sich die Menschheit gewöhnen müsse. Zuerst würden die Menschen eine Kryptowährung einführen, dann einen „Konzernchef“ anstelle eines Regierungschefs und schließlich einen virtuellen Charterstaat, in dem alles Profit wird.

Opposition

Zurück zu Honduras: Nach der Verhaftung und Auslieferung von Hernández an die USA wegen Drogenterrorismus 2022 wurde Xiomara Castro Präsidentin. Sie versprach im Wahlkampf, die ZEDEs abzuschaffen, und erklärte vor der UN-Vollversammlung: „Nie wieder werden wir das Klischee der Bananenrepublik auf uns sitzen lassen.“ 2022 stimmte der honduranische Kongreß einstimmig für die Aufhebung der ZEDEs, obwohl internationale Verträge Próspera für mindestens 50 Jahre schützen und somit eine sofortige Auflösung verhindern.

Als Reaktion darauf reichte Honduras Próspera, Inc. beim Internationalen Zentrum zur Beilegung von Investitionsstreitigkeiten (ICSID) eine Klage in Höhe von fast 10,8 Milliarden Dollar gegen die honduranische Regierung ein. Dieser Betrag entspricht fast zwei Dritteln des Staatshaushalts für 2022.

Der Trump-Berater Roger Stone, der seinen Gönner verzweifelt zu retten versucht, befürwortete die Begnadigung von Hernández mit dem Argument, dies könne „den Sozialismus zerschlagen und eine Stadt der Freiheit in Honduras retten“, denn Próspera sei ein Projekt mit „großen Auswirkungen auf die US-Politik und die Zukunft der Freiheit in der ganzen Welt“.

Wir würden Donald Trump eher eine Invasion der Kaimaninseln vorschlagen, einer Steueroase, wo Banken wie HSBC Milliarden von Dollar der internationalen Drogenkartelle waschen.


Anmerkungen

1. „Free Private Cities – A New Operating System For Living Together”, Whitepaper von Titus Gebel.

2. „Honduran special economic zone adopts bitcoin as legal tender”, Reuters, 07.04.2022.

3. „Prospera, the eccentric private libertarian enclave in Honduras”, Le Monde in English, 16.08.2024.

4. Selected Pronomos Capital Investments.

5. „Shaking up the Status Quo: Metropolis Global ,Digital Nations' Platform Backed by Pronomos”, Metropolis Global, 29.11.2022.

6. „Introducing Afropolitan: A Digital Nation”.

7. Lesen Sie hierzu auch „Peter Thiel, der fünfte Reiter der Apokalypse“, Karel Vereycken, Neue Solidarität, Nr. 46-47/2025.

8. Curtis Yarvin's Plot Against America, The New Yorker, 02.06.2025.

9. „The Network States of The Internet”.

10. „Gaza, Inc.”, Artikel auf Curtis Yarvins Blog Gray Mirror, 06.02.2025.

11. „Gaza Inc.: l'influence cachée derrière le plan de Trump”, Le Grand Continent, 07.02.2025.

12. Lesen Sie hierzu auch: „Tony Blairs digitale Dystopie ist eine Gefahr für uns alle“,
      Daniel Platt und David Christie, Neue Solidarität, Nr. 46-47/2025.

13. The Network State: How To Start a New Country ist der Titel eines 2022 erschienenen Selbstverlagsbuchs (https://thenetworkstate.com/) des amerikanischen Unternehmers und Investors Balaji Srinivasan, ehemaliger Chief Technology Officer der Kryptowährungsbörse Coinbase und ehemaliger General Partner der Risikokapitalfirma Andreessen Horowitz, einem Freund von Curtis Yarvin. Er fordert digitale Gemeinschaften auf, durch Crowdfunding Ressourcen für den Aufbau autonomer Städte und Staaten zu beschaffen. In einem Interview aus dem Jahr 2023 forderte Srinivasan Technologiebegeisterte auf, die politische Macht zu ergreifen und die Kontrolle über Städte zu übernehmen. Er offenbarte seinen Hang zur Autokratie und schlug vor, die Polizei zu bestechen (mit Banketten und Jobs für ihre Verwandten), um sie davon abzuhalten, Gesetze durchzusetzen, die für die „Technikfreaks” nachteilig sind.

14. „Patchwork: A Political System for the 21st Century”.

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