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Ray McGovern ist ehemaliger CIA-Analyst, aktives Mitglied der „Veterans for Peace“ und Mitbegründer der „Veteran Intelligence Professionals for Sanity“ (VIPS). Wir bringen Auszüge aus einem langen Interview, das die EIR-Chefredakteurin Helga Zepp-LaRouche am 11. Februar 2026 mit ihm führte. (Übersetzung aus dem Englischen, Zwischenüberschriften wurden hinzugefügt.) Das vollständige Video des Interviews finden Sie hier.
Helga Zepp-LaRouche: Hallo, Ray, es ist mir eine Freude, Sie heute als Gesprächspartner zu haben, denn Sie gehören zu einer seltenen Spezies, den wahren Intellektuellen, die sich auch in vielen Kulturen auskennen. Es ist mir also eine große Freude, mit Ihnen zu sprechen, auch weil Ihre besonderen Einsichten natürlich sehr willkommen sind.
Die meisten normalen Bürger reiben sich die Augen und fragen sich, was in dieser Welt vor sich geht. Alles scheint auseinanderzufallen. Da ist ein Präsident der Vereinigten Staaten [Donald Trump], der Anfang Januar erklärt hat, das Völkerrecht sei überflüssig. Da ist ein amerikanischer Finanzminister [Scott Bessent], der zugegeben hat, im Fall des Iran eine Farbrevolution und einen Wirtschaftskrieg zu führen. Und jetzt kommt der Zusammenbruch des letzten Rüstungskontrollvertrags [am 5. Februar] hinzu, ohne irgendeinen Ersatz für diesen New-START-Vertrag.
Aber ich denke, was all das überschattet – und wir sollten alle diese Themen ansprechen –, ist der Epstein-Skandal, der sich nun als ein riesiges Netzwerk von Menschen herausstellt, die nicht nur in Kindesmißbrauch, Korruption und wahrscheinlich illegale Geldgeschäfte aller Art verwickelt sind – Geldwäsche, Waffenhandel, Insiderhandel. Was dabei Schritt für Schritt zum Vorschein kommt, ist ein Abgrund, der bodenlos scheint. Im Mittelpunkt steht derzeit offenbar die britische Regierung. Ich würde gerne Ihre Meinung zu all dem hören, besonders zum [Jeffrey] Epstein-Skandal.
Ray McGovern: Wenn es irgendwelche Zweifel daran gab, daß es das Böse in dieser Welt gibt, dann muß man sich meiner Meinung nach nur die Epstein-Akten ansehen, da sieht man es klar und deutlich. Wir alle, die nicht selbst in den Epstein-Akten vorkommen – ich tue das nicht und Sie auch nicht, Helga, Gott sei Dank –, wir dürfen uns nicht damit begnügen, zu sagen: „Ach, ist das nicht schrecklich, ach, ist das furchtbar!“ Wir müssen sozusagen die Gelegenheit beim Schopf ergreifen.
Die Oberschicht unserer verschiedenen Regierungen und Wirtschaftseinheiten hat sich als das gezeigt, was sie ist. Rabbi Heschel sagte uns schon während des Vietnamkriegs: „Seht, es gibt Böses in der Welt, das müßt ihr erkennen; und wir sind nicht alle schuldig, aber wir sind alle verantwortlich. Wenn das Böse sichtbar wird, dürfen wir uns nicht zurücklehnen und sagen: ‚O mein Gott, ist das nicht schrecklich!‘ Wir müssen etwas dagegen tun.“
Es gibt nicht nur das Böse in Bezug auf die Enthüllungen von Epstein, wir haben auch beobachtet, was in Minnesota vor sich geht, und ich möchte nur ein paar Informationen darüber beisteuern, was dort wirklich vor sich geht – neben dem Bösen mit den Braunhemden, mit den Menschen, die von Washington und anderen befehligt werden, den Menschen, die in den Epstein-Akten stehen, um alle möglichen Verfassungszusätze zu verletzen und so weiter.
Eine Freundin von mir, Joanna Macy, eine Art Theologin und Philosophin, hat lange von einem „Wendepunkt“ gesprochen. Und ich behaupte, daß wir uns gerade jetzt an einem Wendepunkt befinden.
Gestern [am 10.2. 2026] erschien ein sehr guter Artikel in Popular Resistance, aus dem ich ein kurzes Zitat vorlesen möchte, weil es von einer Person stammt, die alles aus erster Hand miterlebt hat und immer noch in Minneapolis in Minnesota lebt. Ihr Name ist Kaia Svien. Sie sagt:
„Vor vielen Jahren habe ich Joanna Macy über eine große Wende sprechen hören, und jetzt erleben wir, die wir vor Ort in der Metropolregion Minnesota sind, eine eindrucksvolle Manifestation davon. Ich, die ich mich mein ganzes Leben lang danach gesehnt habe, hätte nie erwartet, daß ich einmal die enge Verbundenheit und das Bewußtsein unserer Einheit mit allem Leben, denen wir täglich auf vielfältige Weise begegnen, miterleben würde...“
Zimmerleute reparieren kostenlos Türen, die eingetreten wurden. Ärzte besuchen Menschen, die sich nicht aus ihrem Haus trauen, aus Angst, festgenommen und in eine Art Konzentrationslager geschickt zu werden. Menschen, die filmen, Menschen, die andere im Filmen ausbilden.
Sie schließt mit folgenden Worten, und ich werde mit dem Zitat dieser wunderbaren Frau enden:
„Zurück zu Joanna Macy, die wußte, daß Menschen nicht einfach vom ,Business as usual‘ zur Großen Wende übergehen können. Sie müssen durch die ,Große Entwirrung‘ gehen, um dorthin zu gelangen. Wir befinden uns mitten in einer gigantischen Entwirrung, und dieser Schmerz öffnet unsere Liebe, da beide aus derselben Quelle stammen...“ – dieser Schmerz und diese Liebe. „Und keine Person und keine Gruppe organisiert das künstlich. Es kommt aus dem Inneren eines jeden von uns, der daran beteiligt ist.“
Gibt es Hoffnung? Natürlich gibt es Hoffnung! Und ein Ausdruck dieser Hoffnung ist die Art und Weise, wie Gemeinschaften ohne große vorherige Planung zusammenkommen. Natürlich gibt es jetzt Pläne, wie man kommunizieren soll und all das. Und wie Sie wahrscheinlich wissen, verlassen einige der Leute von ICE [U.S. Immigration and Customs Enforcement, Einwanderungspolizei], die aus Washington und anderen Städten geschickt wurden, jetzt Minneapolis. Man muß also weitersehen.
Wir befinden uns hier an einem Wendepunkt. Es ist 250 Jahre her, seit unsere Vorfahren erkannt haben, daß sie an einem Wendepunkt standen [die Amerikanische Revolution]. Und sie taten mehr, als sich nur zu beschweren. Sie haben gehandelt. Das war unsere Revolution gegen den Neokolonialismus.
Wir befinden uns jetzt am gleichen Punkt, und wir sollten das erkennen und Hoffnung daraus schöpfen, daß wir, wenn wir etwas tun und uns nicht damit zufrieden geben, nur zu beklagen, was gerade passiert, es auch stoppen können. Wie mein Freund Julian Assange immer zu sagen pflegte: Kriege, die mit Lügen begonnen wurden, können mit der Wahrheit beendet werden.
So kann auch dieses Übel mit der Wahrheit gestoppt werden. Und unsere Aufgabe ist meiner Meinung nach jetzt, diese Wahrheit aufzudecken und den Menschen zu zeigen, daß sie nicht hilflos sind. Sie müssen nicht passiv zusehen. Tatsächlich ist es unmoralisch, passiv zu bleiben und alles geschehen zu lassen, ohne massiv einzugreifen. Egal, ob wir mit anderen Menschen verbunden sind oder ob wir aus unserem eigenen Herzen heraus handeln und eine Verbindung zu anderen Menschen finden, weil deren Herzen ehrlich beunruhigt sind – und bereit sind, sie zum Handeln zu bewegen.
Zepp-LaRouche: Ich teile voll und ganz Ihre Ansicht, daß dieser Moment ein Wendepunkt ist, an dem die Gefahr eines vollständigen Zusammenbruchs der Zivilisation besteht, wenn die Menschen nicht handeln, um eine echte Renaissance der höchstmöglichen Kultur zu schaffen.
Aber lassen Sie uns etwas näher auf dieses Epstein-Phänomen eingehen, denn angesichts der Flut von Informationen bin ich zu diesem Schluß gekommen: Es war ein System, in dem Menschen gerne mit den Mächtigen in Verbindung standen, Korruption akzeptierten, sich an illegalen sexuellen Praktiken mit Minderjährigen beteiligten, in einigen Fällen sogar angeblich mit Babys, und noch schlimmeren Perversionen.
So wie ich es jetzt verstehe, geht es darum: Leute wollen Gefälligkeiten erhalten und Teil eines Clubs sein, wo man zu den Reichen und Schönen gehört und Insiderinformationen hat und sich an allerlei illegalen Geldgeschäften beteiligt. Aber der Preis dafür ist, daß man beweisen muß, daß man mindestens ein oder zwei Leichen im Keller hat, korrupt und damit erpreßbar und somit „zuverlässig“ ist. Und es mußte ein System geben, wo Mitglieder des Clubs einen Neuling vorstellen und im Grunde für dessen Korruption bürgten, er sei „zuverlässig“.
Auf diese Weise entstand ein ungeheuerliches Netzwerk, das offensichtlich unter der Kontrolle von Geheimdiensten mehrerer Länder stand, insbesondere Großbritannien.
Es gibt jetzt in Großbritannien eine hochinteressante Entwicklung, da [der ehemalige Vorsitzende der Labour Party, Jeremy] Corbyn gegen [den ehemaligen britischen Premierminister Tony] Blair vorgeht und die Verbindungen zwischen der City of London und dem Silicon Valley ins Visier nimmt. Das nimmt also wirklich unglaubliche Ausmaße an.
Aber ich denke, als erster Schritt ist es wichtig, dieses System der Korruption zu verstehen, wo jemand praktisch beweisen muß, daß er „verdient“, ein Teil davon zu sein, und dann die Privilegien hat. Haben wir einen Einblick, wie das funktioniert hat? Denn ich denke, so funktioniert dieses System, und deshalb gibt es auch alle diese schrecklichen Dinge, über die wir international klagen, wie die Ereignisse in Gaza – alle diese unglaublichen Dinge, die passieren. Was ist Ihre Meinung dazu?
McGovern: Ich denke, Sie haben Recht, Helga. Um es mal ganz einfach auszudrücken: Ich bin in New York City aufgewachsen, und dort gab es viele Mafiosi. Und um Teil des Clubs zu werden, mußte man jemanden erschießen oder anders töten, um zu beweisen, daß man es ehrlich meinte. Die Korruption, durch die diese Menschen in erpreßbare Situationen gebracht werden, ist also keine neue Taktik. Neu ist nur das Ausmaß – und diese beteiligten Personen, mein Gott! Das ist es, was meine irische Großmutter die „oberen Zehntausend“ (upper crust) nannte, wissen Sie?
Ich sollte das erklären. Mit 14 Jahren arbeitete ich als Caddie auf einem Golfplatz in einem sehr exklusiven Ort namens East Hampton auf Long Island. Und meine Großmutter nahm mich beiseite und sagte: „Raymond, du wirst mit den oberen Zehntausend zu tun haben. Du mußt wissen, wer diese Leute sind.“ Und ich sagte: „Ich weiß das, ich weiß es.“ Sie antwortete: „Du weißt es nicht. Nein, setz dich hin, und ich werde es dir erklären.“ Und sie sagte: „Die oberen Zehntausend sind ein Haufen Krümel (crumbs), die durch viel Knete (dough) zusammengehalten werden.“ Nun, viel Geld und viel Material, mit dem man sie erpressen kann.
Und wenn man sich [den britischen Premierminister Keir] Starmer ansieht, wie lange wird er in London durchhalten? Er hat schon seine loyalsten Untergebenen, sozusagen seine loyalsten Komplizen, über die Klinge springen lassen. Wie lange wird [der französische Präsident Emmanuel] Macron durchhalten? Und Bundeskanzler Merz. Diese Leute gehören zur Oberschicht. Kam Merz denn nicht aus einer großen Finanzorganisation [BlackRock]? Natürlich tat er das. Ist es da ein Wunder, wenn er Rheinmetall finanziert, aber nicht den Sozialstaat in Deutschland? Nein, es ist überhaupt nicht verwunderlich.
Meiner Meinung nach ist es unsere Aufgabe, all das aufzudecken, aber nicht nur das, sondern auch, zu handeln. Wie jemand mal gesagt hat: Diese hohen Tiere (muckety-mucks) – das ist noch so ein Ausdruck meiner Großmutter –, diese Oberschicht, brauchen einen ordentlichen Tritt in den Hintern. Einen gewaltfreien Tritt in den Hintern. Und vielleicht brauchen auch wir selbst einen gewaltfreien Tritt in den Hintern, denn ich denke, was Rabbi Heschel gesagt hat, ist völlig richtig: Wir sind nicht alle schuldig, aber wir sind alle verantwortlich!
Wir in den Vereinigten Staaten haben seit nunmehr 250 Jahren dieses große Werk, diese Demokratie und diese Republik, aufgebaut. Wollen wir das jetzt alles verspielen, weil wir passiv bleiben und sagen: „ach, ist das nicht schrecklich“, aber nichts dagegen tun? Nein.
Wie Joanna Macy und diese Korrespondentin richtig gesagt haben, sollte das zu einer Festigung führen. Es sollte die Art von Zusammenarbeit und Verbundenheit bewirken, die Menschen guten Willens – und wir Menschen guten Willens sind immer noch die Mehrheit! – dazu bringen kann, die Dinge zu ändern, dies als Wendepunkt oder Kipppunkt oder wie man es nennen will, zu nutzen und zu tun, was nötig ist, um die anderen zu mobilisieren, die lieber vor dem Fernseher sitzen würden, und dafür zu sorgen, daß sie erkennen, was auf dem Spiel steht.
Es steht so viel auf dem Spiel. Als unsere Gründerväter in den Vereinigten Staaten die Verfassung geschaffen hatten, wurde Benjamin Franklin, einer der Hauptinitiatoren, von einer Dame aus Pennsylvania gefragt: „Nun, Mister Franklin, was haben Sie uns gegeben?“ Und er antwortete mit seinem berühmten Satz: „Ich habe euch eine Republik gegeben, wenn ihr sie bewahren könnt.“
Nun, es gab in der Vergangenheit Mängel, und wir haben in der Vergangenheit echte Rückschläge erlitten, aber bisher – und 250 Jahre sind keine Kleinigkeit – haben wir sie bewahrt.
Im Moment sehen wir uns mit Verstößen gegen unsere Verfassung konfrontiert, mit unseren Staatsführern, die damit prahlen, sie hätten ihre eigene Moral und das Völkerrecht gelte für sie nicht wirklich. Aber wir können es schaffen, solange wir diese Verfassung in Kraft halten. Es gibt viele Anwälte und Menschen, vor Ort in Minnesota und anderswo. Wenn Sie die Demonstrationen vor zwei Tagen gesehen haben, als die Polizei versuchte, Tausende und Abertausende von Menschen einzukreisen, dann ist das die Hoffnung. Wir müssen rausgehen und „mit unseren Füßen sprechen“. Wir müssen Stellung beziehen.
Ich bin Katholik, aber eine Sache, die ich an Martin Luther sehr bewundere, ist seine Rede über das Stehenbleiben [auf Deutsch gesprochen]: „Ich stehe hier, ich kann nichts anderes tun. Gott helfe mir, Gott helfe uns.“ Entschuldigen Sie das vielleicht nicht perfekte Zitat.
Zepp-LaRouche: Ich stimme Ihnen voll und ganz zu. Tatsächlich hatten wir am 12. Januar, also vor etwas mehr als vier Wochen, eine Krisensitzung (Podiumsdiskussion mit wichtigen Vertretern aus verschiedenen Ländern), um diese Situation anzugehen. Denn wenn der Präsident der Vereinigten Staaten sagt, das Völkerrecht sei unnötig, wenn es wieder zu Interventionskriegen kommt – wie in Venezuela die Entführung von Präsident Maduro, und viele, viele andere solche Dinge –, dann dachten wir: Wir haben einen Punkt erreicht, an dem wir unbedingt eine internationale Bewegung von Weltbürgern brauchen, eine Bewegung von Menschen, die die Interessen der Menschheit an die erste Stelle setzen und davon ausgehend die nationalen Interessen in Übereinstimmung mit dieser Idee der einen Menschheit definieren.
Also hatten wir diese wunderbare Diskussion, bei der wir beschlossen, eine weltweite Bewegung zu gründen oder zu versuchen, eine internationale Bewegung von Weltbürgern in allen Ländern zu initiieren – Menschen, die sich dieser Idee widmen würden, um wirklich einen Paradigmenwechsel im Denken der Menschen zu bewirken.
Das war, noch bevor der Epstein-Skandal in den Nachrichten so groß wurde, aber das bestätigt nur, daß wir jetzt einen Punkt erreicht haben, an dem der Sumpf, die Jauchegrube, so offensichtlich zu einer Bedrohung für die Existenz jeglicher Moral der menschlichen Gattung geworden ist, daß wir etwas ändern müssen.
Meine Idee, wie wir das ändern, ist die: Es gibt in jedem Land wunderbare Traditionen, kulturelle Höhepunkte und auch Tiefpunkte. Und wir müssen in jedem Land die besten Traditionen wiederzubeleben: Deutschland, die Vereinigten Staaten, Afrika, Lateinamerika, einfach jede Zivilisation und Nation. Das wiederzubeleben und dann einen Dialog zwischen ihnen zu führen, der ohne jeden Zweifel eine neue Renaissance auslösen wird.
Dieser Moment ist zwar beängstigend, und wir werden gleich auf einige dieser beängstigenden Punkte eingehen, aber ich denke, [wir können Erfolg haben] wenn genug Menschen das tun, was Schiller in einer seiner theoretischen historischen Schriften, der Geschichte des Abfalls der Niederlande, gefordert hat, wo er sagte: Wenn Menschen sich zusammenschließen und für einen guten Plan vereinen, dann können sie selbst „den stärksten Arm des Tyrannen beugen“ und für eine gute Idee siegen. Ich glaube, wir befinden uns gerade in einem solchen Moment, in dem sich die Menschen für einen guten Plan zusammenschließen müssen.
Sie haben den 250. Jahrestag der Amerikanischen Revolution erwähnt. Wenn die Amerikaner zu den Ideen zurückkehren würden, mit denen die amerikanische Republik gegründet wurde – eine Republik, die sich dem Gemeinwohl verschrieben hat, eine Außenpolitik, die nicht dazu da ist, „im Ausland Monster zu jagen“, sondern in Frieden zu leben, in einem Bündnis mit Republiken auf der ganzen Welt –, dann würde die ganze Welt diese Vereinigten Staaten mit offenen Armen empfangen.
Heute dagegen sieht man beispielsweise, daß Deutschland Reisewarnungen herausgibt, daß man auf keinen Fall nach Florida reisen sollte, weil man verhaftet werden könnte, wenn man keine blonden Haare und blauen Augen hat.
Wir sollten also wirklich Menschen dazu inspirieren, sich unserer Bewegung der Weltbürger anzuschließen... Das Ziel ist es, eine internationale Bewegung von Weltbürgern zu schaffen, eine neue Sicherheits- und Entwicklungsarchitektur zu schaffen, die diesmal die Interessen jedes einzelnen Landes berücksichtigen muß, damit sie funktioniert. Denn wenn man ein oder mehrere Länder ausläßt, ist das der Grundstein für den nächsten Krieg. Diese Lektion kann man aus der Geschichte lernen. Das wäre also meine Antwort auf Ihre Frage.
McGovern: Ich stimme Ihnen zu, Helga, und ich möchte noch einmal auf Dr. Martin Luther King Jr. zurückkommen, den wir zu dieser Jahreszeit [Mitte Januar] feiern. Wenn wir uns die Enthüllungen aus den Epstein-Akten ansehen, dann möchte ich einfach meinen Lieblingsabsatz aus Dr. Kings „Brief aus dem Gefängnis von Birmingham“ wiederholen.1
Er spricht darüber, wie man solcher Korruption begegnet, wie man solchem Betrug begegnet, und er vergleicht es mit einem Geschwür – mir scheint, das ist eine treffende Analogie zu dem, was wir gerade erleben. Wie ein Geschwür könne das niemals geheilt werden, wenn es nicht geöffnet wird, damit all sein eitriger, häßlicher Inhalt der natürlichen Medizin von Luft und Licht ausgesetzt wird. Ebenso müssen Lügen und Unrecht aufgedeckt werden, mit all den Reibungen, die diese Aufdeckung in der öffentlichen Meinung und im Gewissen der Menschheit hervorruft.
Das ist nun unsere Aufgabe. Ich denke, die Menschen haben inzwischen genug Beispiele für eitrige, häßliche Zustände gesehen. Die Frage ist, ob wir noch den Maßstäben unserer Vorfahren hier in Amerika gerecht werden und ob wir etwas unternehmen werden. Wenn ich sage, daß die Menschen vielleicht einen „gewaltfreien Tritt in den Hintern“ brauchen, dann denke ich: Wenn das [die Epstein-Enthüllungen] nicht hilft, dann wird gar nichts helfen.
Um die amerikanische Analogie zu wiederholen: James Madison und George Mason haben die Verfassung der Vereinigten Staaten entworfen. Vor allem George Mason, ein Virginier. Wo hat er sein Wissen erworben? Hat er [das berühmte College] William and Mary besucht, oder wo hat er studiert? Er studierte zu Hause. Sein Vater ertrank im Potomac River, und er lebte bei seinem Onkel, der eine Bibliothek mit allen möglichen philosophischen und politischen Werken sowie Geschichtsbüchern besaß – und so hat er gelernt. Dadurch war er in einzigartiger Weise darauf vorbereitet, James Madison bei der Ausarbeitung der Verfassung zu helfen.
Sie hatten einen endgültigen Entwurf, und dann sagte George Mason zu Madison: „Tut mir leid, Jim, ich kann dem nicht zustimmen. Ich kann das nicht unterschreiben.“ Madison antwortete: „Das ist verrückt, du hast doch selbst das meiste davon entworfen.“ Und Mason entgegnete: „Jim, es enthält keine Bill of Rights. Es enthält keine Redefreiheit, keine Freiheit von Beschlagnahmung, keine Freiheit, Freiheit, Freiheit. Ich kann das nicht unterschreiben.“ Und Madison sagte zu Mason: „George, okay, ich verstehe. Aber würdest du bitte darüber schweigen? Denn wenn du es allen erzählst, wird das nicht funktionieren.“ Und sie machten eine Absprache, Mason sagte: „Wenn du diese Bill of Rights innerhalb einer angemessenen Frist durchsetzen kannst, werde ich nichts sagen.“ Und tatsächlich hielten die Herren ihr Versprechen: Die Bill of Rights wurde genehmigt [als die ersten zehn Zusatzartikel zur Verfassung].
Was sagt nun die Bill of Rights? Der erste Punkt ist die Meinungsfreiheit. Nun, es gibt bestimmte Dinge, die man in Republiken, in Demokratien, heute nicht sagen darf. Meinungsfreiheit!
Aber der wichtigste Punkt, ganz besonders in Minnesota, ist der vierte Verfassungszusatz. Der vierte Zusatzartikel ist einfach. Er war eine Reaktion auf die pauschalen Durchsuchungsbefehle, die britischen Soldaten ausgestellt wurden, um in jedes beliebige Haus eines Kolonisten, eines Amerikaners, einzudringen, dort zu bleiben, ihre Frauen zu belästigen und so weiter. Deshalb lautet der vierte Zusatzartikel wie folgt:
„Das Recht der Bürger auf Sicherheit ihrer Person, ihrer Häuser, ihrer Papiere und ihres Eigentums vor ungerechtfertigten Durchsuchungen und Beschlagnahmungen darf nicht verletzt werden, und es dürfen keine Durchsuchungsbefehle ausgestellt werden, es sei denn, es liegt ein hinreichender Verdacht vor, der durch Eid oder eidesstattliche Erklärung bestätigt wird und in dem der zu durchsuchende Ort und die zu beschlagnahmenden Personen oder Gegenstände genau beschrieben sind.“
Was aber ist mit ICE in all diesen Städten passiert, insbesondere in Minneapolis? Unsere Verfassungszusätze werden völlig mißachtet. Unsere Verfassung ist in Gefahr. Daher haben Sie alle in Europa und wir hier eine ähnliche Aufgabe. Das ist wieder ein Grund mehr, warum wir uns zusammenschließen müssen und ausgehend von unserer individuellen Situation sicherstellen müssen, daß wir bewußt und miteinander verbunden sind. Wie Joanna Macy sagte: verbunden mit anderen, die sich für Gerechtigkeit einsetzen und die keine Angst haben, sich für Gerechtigkeit einzusetzen.
Es gibt viele Menschen, die das getan haben und weiter tun. Daß viele Menschen in Minnesota vor Ort sich gegen diese Unterdrückung zusammengeschlossen haben, hat bereits dazu geführt, daß 300 oder mehr ICE-Mitarbeiter aus Minnesota abgezogen wurden. Ich denke, in Minnesota wurden die Menschen für sich gewonnen. Und ich denke, wir könnten uns daran ein gutes Beispiel nehmen, denn es gibt Orte in Europa – nicht nur in Großbritannien, Frankreich und Deutschland, auch anderswo –, wo die Menschen erkennen, was vor sich geht. Sie sehen den häßlichen Eiter. Und wenn sie sich jetzt, da dieser Wendepunkt erreicht ist, nicht aufraffen können, wann sonst?
Lassen Sie mich noch etwas hinzufügen. Ich bin Katholik und verehre sehr Pater Daniel Berrigan, der einer meiner Lehrer war. Nachdem er wegen seines Protests gegen den ungerechten Vietnamkrieg und wegen der Aufdeckung des häßlichen Eiters, den der hervorbrachte, mehrmals inhaftiert worden war, verbrachte er eine Art Sabbatical in Südamerika, und dann schickte man ihn nach Südafrika, das damals unter der Apartheid litt.
Er wurde gebeten, während der Karwoche zu predigen, das ist die Woche vor Ostern, wie die meisten von Ihnen wissen. Er predigte in einer weißen Kirche, das war die einzige Kirche, in der er predigen durfte. Am Ostersonntag empfing er die Menschen, die aus der Kirche kamen, und ein Paar mittleren Alters kam zu ihm und sagte: „Pater Berrigan, Ihre Worte sind überzeugend, aber wenn wir tun, was Sie uns sagen, und eine Gefängnisstrafe riskieren, was wird dann aus unseren Kindern?“ Berrigan sah ihnen in die Augen und sagte: „Merken Sie sich diese Worte: Wenn Sie es nicht tun, was wird dann aus Ihren Kindern?“ Das ist der entscheidende Moment.
Im Deutschland der frühen 1930er Jahre entschieden sich die Menschen, sich dem nicht zu stellen. Wie es ein Jurist ausdrückte, der die Ereignisse im Januar, Februar, März, April und Mai 1933 beobachtete: Die Menschen wußten, was vor sich ging, aber sie reagierten mit schafsmäßiger Ergebenheit. Das ist es wörtlich auf Deutsch: schafsmäßige Ergebenheit. Wir könnten das [heute in Amerika] auch so machen, aber dann würden wir unsere Republik verlieren. Und was wird dann aus unseren Kindern? …
(Es folgt ein längerer Abschnitt zu den aktuellen Ereignissen um den Iran und die Ukraine.)
…Zepp-LaRouche: Ich glaube, wir sind nicht in einer Situation, in der man gut schlafen kann, denn die Dummheit und Kriminalität vieler Menschen, worüber wir zu Beginn sprachen, ist ein Faktor, warum ich diesen Leuten nicht zutrauen würde, daß sie sich gut um das Wohl der Menschheit kümmern.
Nun, unsere Zeit ist fast um, wir müssen zum Schluß kommen. Sie waren im Juli in Deutschland und haben auf unserer [Berliner] Konferenz einen Vortrag gehalten. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie wieder nach Deutschland kommen, denn gerade die Deutschen müssen von Amerikanern wie Ihnen hören. Ich bin der festen Überzeugung, daß Sie dieses Jahr wiederkommen sollten, wir werden uns einen geeigneten Anlaß überlegen.
Aber haben Sie angesichts all dessen, was wir besprochen haben, noch eine bestimmte Botschaft? Ich weiß, daß dieses Programm nicht nur von Deutschen gehört wird, aber haben Sie etwas Bestimmtes, was Sie den Deutschen sagen möchten, die Sie kennen und deren Sprache Sie sprechen, und das vielleicht auch für andere von Bedeutung ist, aber allen voran für die Deutschen?
McGovern: Genug ist genug! [erst auf Deutsch, dann auf Englisch gesprochen] Selbst im Dritten Reich waren die Gedanken frei. Dazu eine kleine Anekdote: Ein Kollege und ich probten „Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten“ in Deutschland in einem Zug von Rostock nach Berlin. Wir probten, und einige ältere Damen auf der anderen Seite des Ganges hörten uns und begannen, dasselbe Lied zu singen: Gedanken sind frei – wer kann sie erraten? Und ehe wir uns versahen, sang der ganze Zug „Die Gedanken sind frei“. Also ging ich zu diesen älteren Damen hinüber, die waren noch älter als ich [er ist 86]. Ich sagte: „Ich wette, im Dritten Reich durften Sie das nicht singen.“ Und wißt ihr, was sie geantwortet haben? Merken Sie sich das: Ich sagte: „Ich wette, damals konnten Sie das nicht singen.“ Und sie antworteten: „Doch!“ Für den Amerikaner: Du Dummerchen, natürlich durften wir das damals singen.
Mein Punkt ist aber jetzt, daß es nicht reicht, das Lied zu singen. Okay, eure Gedanken mögen frei sein, aber ihr dürft sie nicht länger für euch behalten. Wir müssen Stellung beziehen!
Martin Luther ist nicht gerade mein Favorit, weil ich Katholik bin und nicht dazu erzogen wurde, ihn zu bewundern. Aber er hat das gesagt, und vielleicht könnte ich mit diesem Zitat schließen: Hier stehe ich. Ich kann nichts anders. Gott helfe mir. Amen. Ich beziehe hier Stellung! Aus Gewissensgründen kann ich nicht anders: Gott helfe mir. Gott helfe uns. Gott helfe uns allen. Wir müssen unseren Standpunkt vertreten.
Wir müssen in Gemeinschaften zusammenarbeiten. Aber wir müssen auch als einzelne unseren Kopf riskieren, weil so viel auf dem Spiel steht. Die Republiken und Demokratien sind in Gefahr. Und was sollen wir einmal unseren Kindern sagen, wenn wir jetzt nicht tun, was wir können?
Danke, daß Sie mich eingeladen haben, Helga.
Zepp-LaRouche: Vielen Dank. Ich wünsche mir, daß Ihr mutiger Geist die Menschen in Amerika, in Deutschland und anderswo inspiriert. Im Dreißigjährigen Krieg ist der [Leipziger] Thomanerchor auf nur noch drei Jungen zusammenschrumpft, und sie sagten genau das, was Sie gerade gesagt haben: „Hier stehe ich und singe.“
In diesem Sinne sollten wir wirklich alle zusammenarbeiten, um eine neue Renaissance zu schaffen und ein neues Kapitel der Menschheitsgeschichte aufzuschlagen. Vielen Dank, daß Sie an dem Gespräch mit mir teilgenommen haben.
Anmerkung
1. Zum Herunterladen in deutscher Sprache: Brief aus dem Gefängnis von Birmingham, Seite 50,
in „Martin Luther King – Vorkämpfer für Frieden und
Menschenwürde” (PDF),
Klaus-Dieter Härtel, Brunnen Verlag 1968.
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