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Neue Solidarität
Nr. 1-2, 8. Januar 2026

Chinas 15. Fünfjahresplan

Weltweite Führungsrolle in Wissenschaft, Industrie und Bildung

Von Richard A. Black,
Vertreter des Schiller-Instituts bei den Vereinten Nationen in New York

Am 28. Oktober 2025 veröffentlichte Chinas Regierung die umfangreichen „Empfehlungen” für den 15. Fünfjahresplan 2026-30, der Anfang 2026 herausgegeben werden soll. Die darin skizzierten nationalen Richtlinien stellen einen qualitativen Sprung in der Förderung des chinesischen „Wirtschaftswunders” dar, und sie haben bereits öffentlich Panik und Empörung unter den „Finanzgeiern“ der Londoner City ausgelöst. Der Plan ist ein Fortschritt für die Globale Mehrheit, insbesondere für die Länder des Globalen Südens, die sich anschicken, ein neues Währungs- und Handelssystem einzuführen, um den Neokolonialismus zu beenden. Mit Chinas rasantem Fortschritt – und seiner Ausweitung auf den Globalen Süden – drängt sich dem kriegsfixierten, verfallenden Westen die Frage auf: „Wann setzen wir statt auf (sogar nukleare) Konfrontation mit Rußland und China endlich auf Zusammenarbeit mit der Globalen Mehrheit?”

Der Entwurf trägt den offiziellen Titel „Empfehlungen des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas zur Ausarbeitung des 15. Fünfjahresplans für die Entwicklung der Volkswirtschaft und Gesellschaft“.1 Im Mittelpunkt stehen als nationale Mission die Verbesserung von Innovation in den Pionierbereichen der Wissenschaft, die landesweite Integration von Bildung, Industrie, Forschung und Entwicklung sowie die Entwicklung neuer Technologien und qualifizierter Arbeitskräfte. Die Empfehlungen stehen im Einklang mit der Forderung von Präsident Xi Jinping nach der Entwicklung einer „neuen Theorie der Produktivkräfte“. Dazu sollte man wissen, daß der Fünfjahresplan die Kraft einer nationalen Richtlinie der Exekutive hat.

China nimmt bereits eine weltweit führende Position im Bereich des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts ein. Das ist eine Realität, die der neue Fünfjahresplan noch beschleunigen wird. Der (china-feindlichen) australischen Denkfabrik Australian Strategic Policy Institute zufolge war China schon 2023 führend in 57 der 64 von ihm beobachteten „kritischen Technologien”.2 Chinesische Universitäten nehmen weltweit eine führende Position in Wissenschaft und Technik ein. Eine aktuelle Studie der schwedischen Stiftung für internationale Zusammenarbeit in Forschung und Hochschulbildung ergab, daß 19 der 20 weltbesten Universitäten für Mathematik, Informatik, Physik und Ingenieurwesen in China liegen.3 Darüber hinaus ist Chinas rasanter Fortschritt in Bereichen wie Kernfusion, Quantencomputer, Robotik und Raumfahrt, um nur einige zu nennen, allgemein bekannt.

Leitprinzipien und Hauptziele

Im 2. Abschnitt „Leitprinzipien und Hauptziele für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung” fordern die Autoren unter Punkt (6) „wichtige Durchbrüche bei der Entwicklung von Produktivkräften neuer Qualität, der Gestaltung eines neuen Entwicklungsgefüges und dem Aufbau eines modernen Wirtschaftssystems. Die Gesamteffizienz der heimischen institutionellen Rahmenbedingungen für Innovation ist merklich zu erhöhen. Ein integriertes Entwicklungsgefüge für Bildungswesen, Wissenschaft und Technik sowie Fachkräftebereich soll im Wesentlichen herausgebildet werden. Zudem gilt es, die Grundlagenforschung sowie die Fähigkeit zur echten Innovation beträchtlich zu stärken. Wir streben nach schnellen Durchbrüchen bei der Erforschung zentraler und Schlüsseltechnologien in Schwerpunktfeldern und einer sichtbaren Mehrung derjenigen Bereiche, in denen China Schritt hält bzw. vorausgeht. Ferner setzen wir auf eine tiefgreifende Integration wissenschaftlich-technologischer und industrieller Innovationen. Nicht zuletzt muß auch die antreibende Rolle der Innovation merklich verstärkt werden.“

Der 4. Abschnitt trägt den Titel „Rasche Unabhängigkeit und selbstständige Stärke in Wissenschaft und Technik auf hohem Niveau sowie Anleitung der Entwicklung der Produktivkräfte neuer Qualität“. Auch darin fordern die Autoren die Förderung von Durchbrüchen in Schlüsseltechniken (11):

„Dazu zählen unter anderem integrierte Schaltkreise, Werkzeugmaschinen, High-End-Apparaturen, Standardsoftware, fortschrittliche Materialien sowie Biomanufacturing. Wir werden den Bedarf der staatlichen Strategien in den Vordergrund rücken und eine Reihe wichtiger wissenschaftlich-technologischer Aufgaben des Staates anordnen und umsetzen. Es gilt, die Grundlagenforschung stärker strategisch, vorausschauend und systemisch anzuordnen, den Anteil der Investitionen in die Grundlagenforschung zu erhöhen und diesem Bereich damit verstärkt langfristige und stabile Unterstützung zu gewähren. Wissenschaftliche Forschung und technische Entwicklung sollen noch stärker an echten Innovationen ausgerichtet werden. Gleichzeitig wollen wir ein besseres Umfeld zugunsten originärer und revolutionärer Innovationen schaffen, um mehr innovative Erfolge mit Modellcharakter hervorzubringen.“

Das erste Drittel des über 96.000 Wörter langen Dokuments umfaßt auch detaillierte Beschreibungen der Aufgabe, junge wissenschaftliche Talente zu fördern, Teams für wissenschaftliche Durchbrüche zu bilden und das Bildungssystem mit der Forschung und der Industrie zu integrieren.

Wie lauten die regionalen und nationalen BIP-Zielvorgaben?

Es gibt keine! Im gesamten Bericht werden keine Ziele für das BIP genannt. Stattdessen wird eine „neue Theorie der Produktivkräfte“ erläutert, die auf „originäre und revolutionäre Innovationen“ durch Forscher und qualifizierte Arbeitskräfte abzielt.

Wie ich weiter unten beschreibe, hat man in den höchsten Regierungskreisen Chinas schon vor mindestens zwei Jahrzehnten erkannt, daß das im Westen so sehr geschätzte Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Maßstab für die reale Wirtschaftstätigkeit trügt, wenn nicht sogar betrügt! Der gesamte vorgeschlagene 15. Fünfjahresplan ist eine weiterentwickelte Ausarbeitung der Erkenntnis, daß eine erfolgreiche Realwirtschaft einzig und allein auf fortschreitender Beherrschung der Gesetze des Universums durch den Menschen und deren Anwendung in der Volkswirtschaft beruht.

Der amerikanische Wissenschaftler und Staatsmann Lyndon LaRouche (1922-2019) hat in seinen seit den 1960er Jahren weit verbreiteten Hauptwerken bewiesen, warum es ein Fehler ist, die rein monetären Werte des BIP für wirtschaftliche Planungszwecke zu verwenden. So betont LaRouche in seinem Lehrbuch über elementare mathematische Ökonomie, Was Sie schon immer über Wirtschaft wissen wollten: „Nur der Verstand, dessen Herangehensweise an die Wirtschaft physischer Natur ist und nicht auf Methoden der Finanzbuchhaltung beruht, ist in der Lage, die durch wirtschaftliche Prozesse erzeugten relativen Werte zu verstehen und zu berechnen.“ LaRouches Schriften sind in China durch die Verbreitung der chinesischen und englischen Ausgabe von Executive Intelligence Review (EIR) weithin bekannt. Zudem stand LaRouche ab den 1980er Jahren in umfangreichem Briefkontakt mit führenden chinesischen Wissenschaftlern.

Panik in der City wegen Chinas Wirtschaftspolitik

Die Eliten in der Londoner City reagieren auf Chinas verstärkte Abkehr von der monetaristischen Wirtschaftspolitik panisch. Die Panik ist berechtigt: Ihr System stirbt; ihre Finanzblase aus künstlicher Intelligenz (KI) und Kryptowährungen steht kurz vor dem Platzen. Da die wirtschaftliche Partnerschaft zwischen China und Rußland der wichtigste Faktor für die Bemühungen der Globalen Mehrheit ist, den Neokolonialismus zu beenden, wird Chinas neuer Fünfjahresplan die neue globale Entwicklungsarchitektur, die bereits in Gang gekommen ist, beschleunigen.

Die britische Denkfabrik Chatham House, auch bekannt als Royal Institute of International Affairs (RIIA), ist in Aufruhr. Dr. Yu Jie, Senior Research Fellow für China im Asien-Pazifik-Programm von Chatham House, wendet sich gegen China und schlägt Alarm, weil es BIP-Kennzahlen ablehnt.4 Frau Dr. Yu beklagt: „Die Schlüsselthemen des kommenden Fünfjahresplans signalisieren eine klare Abkehr von allen Plänen seit der Ära der ‚Reform und Öffnung‘ ... Die Zeiten, in denen man einseitig das nominale BIP-Wachstum verfolgte, gehören endgültig der Vergangenheit an... Die globalen Ökonomen ... werden enttäuscht sein.“ Statt sich weiter auf die Erhöhung des Binnenkonsums zu konzentrieren, lege China „einen intensiven Fokus auf die Beseitigung technologischer Engpässe“.

Jüngste Geschichte: Eine Erkenntnis löste einen Wandel aus

Die wirtschaftspolitische Führung des verstorbenen Ministerpräsidenten Li Keqiang (1955-2023) war entscheidend für Chinas Entwicklung hin zu dem, was LaRouche als „physische Wirtschaft“ bezeichnet. Als Li von 2004-07 KP-Vorsitzender der Provinz Liaoning in Chinas industriell geprägtem Nordosten war, wurde er international bekannt dafür, daß er BIP-Zahlen ablehnte. Er bezeichnete sie inoffiziell als „menschengemacht” – sprich erfunden – und führte seine Provinz zum wirtschaftlichen Erfolg, indem er anstelle von Geldwerten drei physische Wirtschaftsparameter kontinuierlich maß: 1. den Brutto-Stromverbrauch der Industrie, 2. das Güteraufkommen im Schienenverkehr und 3. die neu vergebenen Bankkredite. Später leitete Li als Vizepremier und dann als Ministerpräsident – direkt unter Präsident Xi – die Kommissionen, die den Bau des riesigen Drei-Schluchten-Staudamms und das Süd-Nord-Wassertransferprojekt überwachten. Beide Projekte trugen dazu bei, die Gesamtproduktivität der chinesischen Bevölkerung auf eine höhere Ebene anzuheben.

2019 wiesen Chinas führende Ökonomen in der Diskussion über den damals bevorstehenden 14. Fünfjahresplan den Druck zurück, die Wirtschaftstätigkeit in BIP-Zahlen zu messen, obwohl nominale nationale Ziele diskutiert wurden. Stattdessen wurden quantitative Indikatoren durch qualitative Indikatoren ersetzt. „Entwicklung” und „Innovation” galten als zentral für den Erfolg.

Arbeitsentwicklung, fortschrittliche Industrien, Grundlagenforschung

Zu den weiteren Hauptpunkten der ZK-Empfehlungen für den 15. Fünfjahresplan gehören:

Universelle Prinzipien: Wirtschaft, Wissenschaft und Souveränität

Im weiteren Sinne ist Chinas gegenwärtiges Wirtschaftskonzept, das die Förderung von Grundlagenforschung in den Mittelpunkt rückt, universell: Viele Länder haben es in der Vergangenheit erfolgreich angewandt. So werden sich Amerikaner mit wissenschaftlicher Orientierung und einer gewissen Geschichtskenntnis an die brillante Führungsrolle von Präsident Franklin Delano Roosevelt erinnern. Als der Zweite Weltkrieg sich dem Ende zuneigte, beauftragte Roosevelt den Physiker Dr. Vannevar Bush vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) mit der Ausarbeitung eines nationalen Programms für staatlich gelenkte wissenschaftliche Bildung und zivile wissenschaftliche Forschung und Entwicklung, um den Erfolg des „Arsenals der Demokratie” und der Forschung und Entwicklung während des Krieges für friedliche Zwecke zum Wohle der ganzen Menschheit zu nutzen. Bush leitete im Krieg Roosevelts streng geheimes Amt für wissenschaftliche Forschung und Entwicklung. Er und sein großes Wissenschaftlerteam erarbeiteten daraufhin den von Präsident Roosevelt gewünschten Vorschlag für eine wissenschaftliche Mission in Friedenszeiten. Er erschien in Buchform unter dem Titel Science, The Endless Frontier („Wissenschaft, das endlose Pioniergebiet“).

Wenig überraschend haben viele der heutigen wissenschaftspolitischen Berater der chinesischen Elite Dr. Bushs Plan von 1944-45 gründlich studiert und daraus gelernt. Jeder Bürger im Westen sollte sein Buch lesen, um China zu verstehen. Bush schreibt darin:

Über Chinas 15. Fünfjahresplan hinaus konzentriert sich die chinesische Führung auf das Jahr 2035, in dem China eine „gemäßigt prosperierende” Großmacht sein will, und auf das Jahr 2049, den 100. Jahrestag des Endes des chinesischen Bürgerkriegs und der Geburt des „neuen China”.

Der Westen wäre gut beraten, auf seine eigenen Visionäre der Vergangenheit zu hören – aus Europa, Afrika und Amerika –, die wie Dr. Vannevar Bush Chinas 15. Fünfjahresplan gut verstehen würden.


Anmerkungen

1. Vorschläge des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas zur Ausarbeitung
    des 15. Fünfjahresplans für die Entwicklung der Volkswirtschaft und Gesellschaft
,
    vollständige deutsche Übersetzung der amtlichen chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua.

2. ASPI's two-decade Critical Technology Tracker: The rewards of long-term research investment,
    Bericht des Australian Strategic Policy Institute (englisch), 28.08.2024.

3. China Has Become the „Overwhelming Leader in Research”, Studies Show,
    Studie der Swedish Foundation for International Cooperation in Research and Higher Education (STINT),
    wiedergegeben in eir.news (englisch), 23.11.2025.

4. China's Five-Year Plan bets on a risky new direction,
    die britische Denkfabrik Chatham House macht sich Sorgen, 15.12.2025.

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