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Neue Solidarität
Nr. 7-8, 12. Februar 2026

Die strategischen Auswirkungen des Angriffs auf Venezuela

Von Botschafter a.D. Chas W. Freeman

Chas Freeman war Botschafter der Vereinigten Staaten u.a. in Saudi-Arabien. Im EIR-Dringlichkeitsforum am 12. Januar 2026 sagte er folgendes. (Übersetzung aus dem Englischen, Zwischenüberschriften wurden hinzugefügt.)

Wir sind hier, um eine Tragödie abzuwenden – die offenbar unaufhaltsame Entwicklung vorhersehbar schrecklicher Ereignisse. Wie der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier uns gerade gewarnt hat, befinden wir uns mitten in einem „Zusammenbruch der Werte“, der die Welt „zu einer Räuberhöhle macht, in der die Skrupellosesten sich nehmen, was sie wollen“ und in der ganze Regionen oder Länder als Eigentum einiger weniger Großmächte behandelt werden.

Mein Land, die Vereinigten Staaten von Amerika, ist das mächtigste der Welt. Es folgte nun seinem israelischen Protektorat in einen langwierigen Krieg gegen die Wahrheit, die Ablehnung der Rechtsstaatlichkeit und die schamlose Einschüchterung und Verletzung der Souveränität aller, die sich ihm widersetzen. Die ohnehin schon Reichen fühlen sich wieder frei, die Armen ungestraft auszurauben. Wir sind zurück beim Gesetz des Dschungels und aggressivem Imperialismus. Immer mehr Regierungen ahmen die Praktiken der Schutzgelderpressung und die Einschüchterungsmethoden der Mafia nach. Wenn das nicht gestoppt wird, steuern wir auf ein zweites finsteres Zeitalter zu.

Der Zweck des Völkerrechts war schon immer, sicherzustellen, daß die Starken die Schwachen nicht länger schikanieren können. Es ist das Beharren auf diesem Prinzip, auch wenn es nicht perfekt eingehalten wird, was die Zivilisation von der Barbarei unterscheidet.

Wenn das Gesetz keinen Schutz bietet, werden die Länder gezwungen sein, sich gegen potentielle Angriffe anderer zu bewaffnen. Wenn sie mit der Gefahr eines nuklearen, chemischen oder biologischen Angriffs konfrontiert sind, werden sie ihre eigenen Massenvernichtungswaffen bauen, um das zu verhindern. Wenn Allianzen nicht mehr zuverlässig sind, werden Länder sich absichern oder sie einfach aufgeben, um selbst gegen ihre Gegner zu kämpfen oder eigene Vereinbarungen mit ihnen zu treffen. Das ist keine Spekulation. Es ist der sichtbare Trend unserer Zeit.

Wie wir im Fall des Völkermords in Gaza gesehen haben, können Worte allein Greueltaten nicht aufhalten. Ebenso wenig wie nicht durchgesetzte Entscheidungen der Vereinten Nationen oder internationaler Gerichte. Die zunehmenden Proteste der Bürger konnten angeblich demokratische Regierungen nicht davon abbringen, immer offensichtlichere Verbrechen gegen die Menschlichkeit und brutale Versuche, die Freiheit unabhängiger Nationen und Völker zu unterdrücken oder einzuschränken, zu tolerieren, sich daran zu beteiligen oder sie zu unterstützen.

Der gesamte Westen behauptet weiterhin, daß alle Menschen gleich geschaffen sind, daß sie von ihrem Schöpfer mit bestimmten unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, und daß zu diesen Rechten Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören.1 Aber das hat heute keine Glaubwürdigkeit mehr. Wir unterstützen Israels anhaltenden Völkermord und ethnische Säuberung der Palästinenser, seine Bemühungen, Syrien zu zerstückeln, seine Verheerungen im Libanon und seine Vorbereitungen für eine erneute Aggression gegen den Iran und den Jemen.

Um diese Heuchelei zu verteidigen, ahmen unsere Demokratien nun autoritäre Regime nach, indem sie die Meinungsfreiheit, die Versammlungsfreiheit und die akademische Freiheit unterdrücken. Wir haben das Recht auf ein ordentliches Verfahren aufgegeben, um jeden zu bestrafen, der die offizielle Darstellung wirksam widerlegt. Offensichtlich hält man es für notwendig, westliche Werte zu verraten, um sie zu retten. Das ist eine katastrophale Fehleinschätzung.

In der neuen Weltunordnung schränken weder die Normen des Völkerrechts noch die öffentliche Meinung das Verhalten der Großmächte ein. Sie haben gelernt, zu manipulieren, wie ihre Bürger die Realität wahrnehmen, um sich die Unterstützung der Öffentlichkeit zu sichern und Straffreiheit für ihren amoralischen Machtmißbrauch zu erlangen. Die Massenmedien geben die offizielle Propaganda getreu wieder, Journalisten verstärken sie noch aus Eigeninteresse, und die Plattformen der Konzernmedien behandeln alles, was sie in Frage stellt, als aufrührerisch und verbieten es.

Die westlichen Medien weigern sich, die strategischen Ängste, die Rußland zu seiner illegalen Invasion der Ukraine veranlaßt haben, zu berücksichtigen oder darüber zu berichten. Den Vorstoß der USA, die Notlage der Ukraine auszunutzen und sich ihre Seltenen Erden anzueignen, stellten sie nicht als Habgier, sondern als Mitgefühl dar.

Unverhohlene Eitelkeit und Hybris führten nun zu Akten der Piraterie der US-Marine gegen Venezuela und der Ermordung seiner Bürger in seinen Küstengewässern, der Enthauptung seiner Regierung, dem Diebstahl seiner natürlichen Ressourcen und seiner geplanten Erniedrigung zu einer Wirtschaftskolonie der Vereinigten Staaten. Soviel zum Respekt vor der nationalen Souveränität, dem Fundament der Charta der Vereinten Nationen und des Völkerrechts!

Die Vereinigten Staaten präsentieren sich nun unverhohlen als eine unzuverlässige expansionistische Macht, die anstelle von Diplomatie auf einseitige Diktate, Einschüchterung und Gewaltanwendung setzt. Diese Gangsterlogik tritt auf den Interessen und der Ehre anderer Länder herum. Sie bedroht nun Grönland, einen selbstverwalteten Teil Dänemarks, Mitglied der NATO und treuer Verbündeter der Vereinigten Staaten. Die Verwandlung der USA vom Beschützer zum Raubtier droht nicht nur den Kern der westlichen Zivilisation zu spalten, sondern auch das transatlantische Bündnis zu zerstören.

Washington scheint beschlossen zu haben, Europa seinem Schicksal zu überlassen, um ein tyrannisches Monopol auf die politische Ökonomie der westlichen Hemisphäre zu errichten. Das Ziel ist, den Einfluß konkurrierender Großmächte, insbesondere Chinas, zu verdrängen und sie in Schach zu halten, ohne Rücksicht auf die Interessen all derjenigen, die die Vereinigten Staaten beherrschen wollen.

Diese brutale Neuauflage der Monroe-Doktrin dürfte die Nationen Südamerikas weniger in die Knie zwingen als sie vielmehr dazu ermutigen, chinesischen und anderen ausländischen Schutz vor der nordamerikanischen Herrschaft zu suchen. Den Auftakt bildete die militärische Aggression gegen Venezuela, aber Washington hat deutlich gemacht, daß dies nur ein erster Schritt war und noch viel mehr Feindseligkeiten folgen werden.

Unterdessen setzt sich Israel weiterhin ungestraft über das Völkerrecht und alle Normen der Menschenwürde hinweg. Es versucht, diejenigen Palästinenser zu vernichten, die es nicht der Apartheid unterwerfen kann. Es betrachtet die Planung von Verhandlungssitzungen mit seinen Gegnern als Gelegenheit, sie zu ermorden, nicht um Frieden zu schließen. Es unterzeichnet Waffenstillstände nur, um sie zu verletzen. Seine Streitkräfte und Sicherheitsdienste verletzen regelmäßig die Souveränität seiner Nachbarn. Es hat keine Absicht irgendeiner friedlichen Koexistenz mit ihnen. Stattdessen strebt es die Konsolidierung eines von den USA unterstützten israelischen Einflußbereichs in Westasien an, innerhalb dessen es sich nach Belieben weiter ausbreiten kann.

Das ist eine Formel für die ständige Destabilisierung der Region durch endlose, eskalierende Kriege und Widerstand gegen Mißhandlung durch Terrorismus. Sie verspricht noch mehr Unsicherheit, nicht nur für die Israelis, sondern auch für ihre westlichen Unterstützer.

Die Welt darf nicht zulassen, daß man sie weiter in einen moralischen und rechtlichen Abgrund stürzt. Wenn die Regierungen nicht mit konkreten Maßnahmen gegen gesetzloses Verhalten vorgehen, werden sich die Präzedenzfälle, die derzeit in Europa, Westasien und Südamerika geschaffen werden, auch anderswo wiederholen, und das Leben wird überall immer unangenehmer, brutaler und kürzer werden.

Rhetorischer Widerstand gegen Gesetzlosigkeit reicht nicht aus. Wir sind an einem Wendepunkt angelangt. Wenn wir unsere Regierungen jetzt nicht davon überzeugen können, wirksame Maßnahmen zu ergreifen, um weitere Verbrechen gegen die westfälische Ordnung souveräner Staaten zu bestrafen und zu verhindern, dann werden diese Ordnung und die von ihr geschaffene regelbasierte internationale Ordnung mit Sicherheit von der Erde verschwinden.

Strukturen der Nachkriegsordnung sind gescheitert

Wir müssen heute die Realität anerkennen, daß die Strukturen, die wir nach dem Zweiten Weltkrieg zur Förderung von Frieden und Fortschritt geschaffen haben, endgültig gescheitert sind. Ihr Scheitern spiegelt sich nicht nur im Mangel an wirksamer Staatskunst zur Lösung von Konflikten wider, sondern auch in innenpolitischen Verfassungskrisen und der Erosion demokratischer Freiheiten überall. Es ist höchste Zeit für eine grundlegende Neubewertung der offensichtlich gescheiterten Politik und Institutionen in den Regierungen, die für dieses Scheitern verantwortlich sind.

In dieser Hinsicht hat Giorgia Meloni aus Italien völlig Recht, wenn sie das vernünftige Argument vorbringt, für Frieden in Europa müßten die Europäer mit Rußland sprechen, nicht nur untereinander und mit der Ukraine. Ob es einem gefällt oder nicht, Rußland ist Teil Europas. Ohne einen Dialog mit Rußland über den Krieg, der Europa bedroht und die Ukraine zerstört, können die Europäer den Konflikt nicht lösen und ihre langfristigen Sicherheitsinteressen nicht schützen.

Die Vereinigten Staaten sind dazu nicht mehr in der Lage oder bereit. Es ist mindestens sehr ungewöhnlich, daß die Europäer das Aushandeln eines Friedens, der für die Stabilität ihres Subkontinents von zentraler Bedeutung ist, den Amateur-Gesandten eines amerikanischen Präsidenten überlassen, der sie als Konkurrenten betrachtet und offenbar wenig Interesse an ihnen hat, außer als gut zahlende Käufer amerikanischer Waffen.

Der jüngste Vorstoß der USA, Venezuela zu unterwerfen, unterstreicht, wie gefährlich unrealistisch das [meist auf die Ukraine bezogene] Argument ist, daß „jedes Land das Recht hat, frei seine internationalen Allianzen zu wählen“, ohne Rücksicht auf die Folgen dieser Orientierung für andere zu nehmen. Skrupellose Raubtiere nehmen sich jetzt, was sie können; ihre Beute gibt nach, weil sie es muß.

Macht mag nicht Recht sein, aber es ist töricht, sie zu ignorieren. Was auch immer Mexiko über die Aggressionen der USA in der Vergangenheit denken mag, es achtet darauf, sich nicht gegen die Vereinigten Staaten zu stellen. Vietnam vermeidet klugerweise militärische Bündnisse gegen China, ebenso wie Bangladesch gegen Indien. Eine weniger umsichtige Haltung der Ukraine gegenüber ihrem mächtigeren Nachbarn Rußland hat keine Zukunft.

Die russische Staatskunst ist beherrscht von Erinnerungen an ausländische Invasionen aus dem Osten wie aus dem Westen. Moskaus Sicherheitsbedenken sind nicht irrational. Frankreich und Deutschland haben beide Rußland überfallen. Jeder Frieden in Europa muß sowohl die russischen Befürchtungen vor einem weiteren Angriff des Westens, insbesondere angesichts der Wiederaufrüstung Deutschlands, als auch die westlichen Bedenken gegenüber Rußland berücksichtigen.

Europäer müssen ihr Schicksal selbst bestimmen

Die Europäer müssen es selbst in die Hand nehmen, ihr Schicksal zu bestimmen. Sie – Nichtrussen und Russen gleichermaßen – sind die Parteien, die ein unmittelbares Interesse daran haben, eine für beide Seiten beruhigende Sicherheitsarchitektur für ihren Subkontinent zu schaffen. Ministerpräsidentin Meloni verdient die Unterstützung anderer europäischer Staats- und Regierungschefs bei den gemeinsamen Bemühungen, Rußland in einen Dialog darüber einzubeziehen, wie Frieden in der Ukraine zur Schaffung einer solchen Architektur beitragen kann.

Frieden in Europa würde der ganzen Welt zugutekommen, aber er allein würde die offensichtlichen Schwächen unserer traditionellen globalen Institutionen nicht beheben. Wenn der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen nicht in der Lage ist, den Frieden und Entwicklung auf der Welt zu regeln oder die Entscheidungen des Internationalen Gerichtshofs durchzusetzen, dann müssen wir nach Auswegen und Alternativen suchen. Nichts hindert Länder daran, sich zu Ad-hoc-Konferenzen zu versammeln, um sich auf die Anwendung kollektiver Regeln und Maßnahmen zu einigen, die gemeinsamen Anliegen Rechnung tragen. Nichts hindert die Mitglieder der handlungsunfähigen Welthandelsorganisation daran, ihre Funktionen auf regionaler Ebene neu zu gestalten. Es gibt keinen Grund, im Ideal der Universalität ein Hindernis für Maßnahmen unterhalb der universalen Ebene zu sehen, die Probleme anpacken und lösen, die von den meisten Mitgliedern der internationalen Gemeinschaft als dringend angesehen werden. Wenn das System der Vereinten Nationen gescheitert ist wie das des Völkerbunds, dann ist es an der Zeit, darüber zu diskutieren, wie es repariert oder ersetzt werden kann.

Der Werteverfall, auf den Bundespräsident Steinmeier hingewiesen hat, hat zu einem katastrophalen Zusammenbruch des Völkerrechts und der internationalen Institutionen geführt. Es brauchte die verheerende Zerrüttung der Weltordnung in zwei Weltkriegen, um den Völkerbund bzw. die Vereinten Nationen ins Leben zu rufen. Die derzeitige Welt-Unordnung kann durchaus in einem weiteren Weltkrieg enden, diesmal einem Atomkrieg, der möglicherweise für unsere Gattung tödlich wäre. Es liegt sicherlich in unserem gemeinsamen Interesse, das zu verhindern, indem wir Maßnahmen ergreifen, um das aussterbende System des 20. Jahrhunderts neu zu gestalten und etwas Besseres zu schaffen.

Ich habe das Gefühl, daß unsere Regierungen allmählich verstehen, daß sie unter den neuen anarchischen Umständen nicht einfach so weitermachen können wie bisher. Wir müssen von ihnen verlangen, daß sie sich den Herausforderungen der Gegenwart stellen, und wir dürfen nicht länger zulassen, daß sie diejenigen zum Schweigen bringen, die darauf bestehen.


Anmerkung

1. Zitat aus der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika vom 4. Juli 1776.

Ein großes Dankeschön an unsere Leser

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