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Von Johanna Clerc
Johanna Clerc ist Dirigentin des französischen Chores ReBel Canto und war am 8.-9. November in Paris Teilnehmerin der Konferenz „Die Emanzipation Afrikas und der Weltmehrheit – eine Herausforderung für Europa“, die die Partei Solidarité & Progrès und das französische Schiller-Institut veranstalteten. ReBel Canto ist laut seiner Webseite „ein polyphoner Chor von Freunden unter Leitung der Dirigentin Johanna Clerc. Wir organisieren offene Chöre, Freundschaftskonzerte mit anderen Chören und singen bei Veranstaltungen zur Unterstützung von Frieden, sozialen und humanitären Anliegen.“
Am ersten Tag der Pariser Konferenz dirigierte Clerc den Chor des Schiller-Instituts, der ein Arrangement der südafrikanischen Nationalhymne sang und damit die Sitzung zum Konferenzthema eröffnete, an der junge Führungskräfte aus fünf afrikanischen Ländern zu Fragen der Entwicklung sprachen. Am zweiten Tag hielt sie den folgenden Vortrag im Rahmen der abschließenden letzten Konferenzsitzung „Erforschung der wahren politischen und revolutionären Natur des Denkens in Kunst, Kultur und Geschichte durch das Studium der Welt großer Genies wie Rembrandt, Rabelais, Shakespeare und Schiller“.
Wo ich herkomme, in der Region Franche-Comté [Nordostfrankreich], gibt es eine alte Redewendung, die lautet: „Halt den Mund, die Schweden kommen!“ Wir sagen auch: „So böse wie ein Schwede.“ Wer sind diese gefürchteten „Schweden“? So nannte man die deutschen und schwedischen Söldner, die Frankreich im Dreißigjährigen Krieg 1618-48 für den Kampf gegen das Heilige Römische Reich rekrutierte.
Dieser Krieg war einer der grausamsten, den der Kontinent bis dahin erlebt hatte, er kostete 60% der europäischen Bevölkerung das Leben. Deutschland zahlte den höchsten Preis und sollte noch lange Zeit unter den Folgen leiden. Aber auch Frankreich hatte seine leidgeprüften Regionen, wie die Franche-Comté, das Elsaß und Lothringen, deren Leiden der lothringische Künstler Jacques Callot (1592-1635) in seinen Werken dargestellt hat (Abbildung 1).
Abb. 1: „Der Galgenbaum“, die 11. Abbildung aus dem 18-teiligen Radierzyklus
„Die großen Schrecken des Krieges“ von Jacques Callot (1633).
Zu den Toten auf den Schlachtfeldern kommen noch die Massaker von Soldaten an Zivilisten und die indirekten Todesfälle durch Hungersnöte und die von den Armeen eingeschleppten Seuchen Pest, Typhus und Ruhr hinzu. Beide Seiten waren beteiligten am Niederbrennen von Häusern, Plündern von Kirchen, Folter, Vergewaltigung und Raub, und manchmal richteten die angeblich „befreienden“ Heere in verbündeten Ländern mehr Verwüstung an als die feindlichen Soldaten. Diese Orgie von Gewalt und Barbarei gegen Zivilisten war eine Folge der für die damalige Zeit gigantischen Größe der Heere und des massiven Einsatzes von Söldnern.
Im Umfeld einer Finanzkrise, wenn wirtschaftliche Ressourcen für die Kriegsanstrengungen aufgebraucht werden, erzeugt Krieg mehr Krieg und wird durch die Plünderungen zum Selbstzweck. Es bildeten sich immer mehr herrenlose bewaffnete Banden aus arbeitslosen Soldaten oder Deserteuren, die ihren Lebensunterhalt bestritten, indem sie die Bevölkerung terrorisierten.
1618 gehörte ein Großteil Europas, darunter die meisten deutschen Staaten und das heutige Ostfrankreich, zum Heiligen Römischen Reich (Abbildung 2). Das Heilige Römische Reich, das sich als Erbe des Römischen Reiches verstand, war ein Überbau, der von einer alten feudalen Oligarchie manipuliert wurde und über unzählige Kleinststaaten (Herzogtümer, Königreiche, „freie“ Städte usw.) herrschte. Diese waren dezentralisiert und standen in ständigem Konflikt miteinander.
Das Haus Habsburg, das seit der Abdankung Karls V. (1558) in einen spanischen und einen österreichischen Zweig gespalten war, hatte sich durch eine Reihe von Bündnissen und Eroberungen sowie Bestechung der Kurfürsten seine Vorherrschaft über das Heilige Römische Reich gesichert. Es hatte den Anspruch, die Garantiemacht der katholischen Kirche zu sein.
Doch im 16. Jahrhundert hatte der Protestantismus in Norddeutschland so stark Fuß gefaßt, daß viele Fürsten des Heiligen Römischen Reiches zu dieser Konfession konvertierten. Seit dem Augsburger Frieden (1555), der den Fürsten die Freiheit gewährte, ihre Religion und die ihrer Untertanen zu wählen, Katholizismus oder Luthertum, und seit dem Aufkommen des Calvinismus nahm die Autorität des Kaisers über die Teilstaaten des Heiligen Römischen Reiches ab.
Die Lunte für den Krieg wurde dann durch die Ereignisse um die Thronbesteigung des neuen Herrschers, Kaiser Ferdinand II. gezündet, der 1619 gekrönt wurde. Der von den Jesuiten ausgebildete Habsburger war entschlossen, seine Regierungszeit der römisch-katholischen Gegenreformation zu widmen. 1617, als er noch Prinz war, wurde er vom Böhmischen Landtag, der Wiege des Protestantismus, zum König von Böhmen ernannt. In dem Königreich, wo Katholiken nur 10% der Bevölkerung ausmachten, brach bald eine Revolte aus. Als König Ferdinands Gesandten 1618 in Prag eintrafen, warfen protestantische Aktivisten drei seiner Beamten aus dem Fenster der Prager Burg, was als „Prager Fenstersturz“ bekannt wurde (Abbildung 3).
Die böhmischen Adligen lehnten Ferdinands Wahl zum Thronfolger ab und ernannten stattdessen einen calvinistischen deutschen Prinzen. Der Dreißigjährige Krieg hatte begonnen. Die extreme Härte, mit der Ferdinand II. Böhmen bestrafte, alarmierte die anderen protestantischen Staaten, die sich mit dem lutherischen König von Dänemark, Christian IV., gegen Ferdinand und seine Verbündeten verbündeten.
Der Krieg wurde dann von außen neu entfacht: Gustav Adolf, der lutherische König von Schweden, startete seine Offensive gegen Ferdinand II. Anfangs zögerlich, schlossen sich angesichts der Verwüstungen durch die kaiserlichen Armeen und unter dem Einfluß von Agenten des französischen Königs Ludwig XIII. und seines wichtigsten Ministers Kardinal Richelieu – die den Krieg verlängern wollten, um die Habsburger zu schwächen – immer mehr deutsche protestantische Fürsten der schwedischen Seite an.
Frankreich, das sich gerade zu einem Nationalstaat entwickelte, war von habsburgischen Besitzungen umgeben und rechnete mit einem Angriff, sobald die österreichischen Habsburger nicht mehr gegen die protestantischen Staaten Krieg führten und ihren kaiserlichen Verwandten in Spanien zu Hilfe kommen konnten. Der Krieg war zu einer Falle geworden, in der alle gefangen waren, selbst diejenigen, die wie Frankreich keine imperialen Ambitionen hegten.
So begnügte sich Frankreich 1635 nicht mehr damit, die schwedischen Kriegsanstrengungen zu finanzieren, sondern beschloß, direkt gegen Spanien und damit zwangsläufig auch gegen Kaiser Ferdinand II. in den Krieg einzutreten.
Abb. 4: Kardinal Mazarin, Frankreichs Finanzminister (1642-1661) unter den
Königen Ludwig XIII. und Ludwig XIV. Portrait von Pierre Mignard, 1658.
Allmählich gewann die französisch-schwedische Seite die Oberhand über die Seite Ferdinands II. Dieser tragischen Falle zu entkommen, bedurfte jedoch besonders des Genies von Kardinal Mazarin (Abbildung 4) – in dem Richelieu alle Qualitäten einer strategischen Führungspersönlichkeit für seine Nachfolge erkannt hatte – und des revolutionären Paradigmenwechsels, den Mazarin in den Westfälischen Verträgen einführen sollte.
1644 begannen die Friedensverhandlungen zwischen den Vertretern der Katholiken in Osnabrück und den Vertretern der Protestanten in Münster. Während der folgenden vier langen Jahre der Verhandlungen reisten ständig Diplomaten aus ganz Europa mit ihrem Gefolge, Geografen, Juristen und Bergen von Dokumenten in diese beiden Städte, um die Rechtmäßigkeit ihrer Ansprüche zu belegen.
Es ist allgemein anerkannt, daß die Westfälischen Verträge die rechtlichen Grundlagen für die Beziehungen zwischen souveränen Nationalstaaten auf der Grundlage des Prinzips der Nichteinmischung schufen. Durch die Anerkennung der Souveränität der Mitgliedstaaten des Heiligen Römischen Reiches wurde die Macht des Kaisers und damit der Habsburger gebrochen. All dies ist wahr, erfaßt aber nicht den Geist, der diesen Verträgen erst ihre ganze Kraft verleiht.
Man kann den westfälischen Geist jedoch verstehen, wenn man die Verträge von Osnabrück (Heiliges Römisches Reich und Schweden) und Münster (Heiliges Römisches Reich und Frankreich) vom 24. Oktober 1648 mit dem Friedensvertrag vergleicht, der früher im selben Jahr, im Januar, zwischen Spanien und den Niederlanden geschlossen wurde. Dieser hatte den sogenannten Achtzigjährigen Krieg beendet. Im ersten Artikel dieses Vertrags erkannte der König von Spanien an, daß die Generalstaaten der Niederlande und die mit ihnen verbundenen Provinzen und Länder „frei und niemand unterworfen“ seien, daß weder er noch seine Nachfolger jemals Ansprüche auf sie erheben würden und daß er einen „ewigen Frieden“ mit ihnen schließe.
Der zweite Artikel verkündete, der Frieden sei „gut, fest, getreu und unverbrüchlich“ und alle Feindseligkeiten seien aufgehoben.
Der dritte Artikel besagte dann, jeder solle im Besitz der „Landschaften, Städte, Örter, Länder und Herrschaften“ bleiben, die er derzeit innehat, und diese nutzen können, ohne dabei direkt oder indirekt in irgendeiner Weise behindert zu werden.
Frieden erscheint hier nur als Beendigung der Feindseligkeiten: Der ehemalige Feind wird in Ruhe gelassen.
Was hingegen besagt der erste Artikel des Friedensvertrags von Münster (Rechtschreibung leicht angepaßt) zwischen Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich (Abbildung 5)?
Abb. 5: Unterzeichnung des Vertrags von Münster, Gemälde von Gerard ter Borch
(1648).
„Es sei ein Christlicher / allgemeiner / immerwährender Friede / und wahre / aufrichtige Freundschaft / zwischen der Röm. Kais. Majst. und der Aller-Christlichsten Maj. [von Frankreich] als auch zwischen allen und jeden Bundesgenossen / und Angehörigen besagter Kaiserl. Maj. dem Hause Österreich / … Auch allen und jeden / besagter Aller-Christlichsten Majst. Bundesverwandten / … Und soll dieselbe dergestalt aufrichtig und ernstlich gehalten und respektiert werden / daß ein Teil des andern Nutzen / Ehr und Frommen befördere / und allerseits zwischen dem ganzen Römischen Reiche mit der Kron Frankreich / und der Kron Frankreich mit dem Röm. Reiche eine treue Nachbarschaft / und sichere Friedens: und Freundschafts-Begängnisse wider herfür grüne und blühe.“
Der zweite Artikel verkündet:
„Es sei beiderseits eine ewige Vergessenheit und Aufhebung alles dessen / so von Anbeginn dieser Unruhe an Orten und Enden / auch Weis und Wege / von einem und andern Teil hin und wider feindlich begangen... daß alles dasjenige / was solchermaßen ein Teil gegen dem andern suchen möchte / in Ewigkeit vergessen und begraben sei.“
Im Gegensatz zum Vertrag zwischen Spanien und den Niederlanden ist Frieden hier nicht die Abwesenheit von Konflikten, sondern ein Prinzip, das wirkt und verändert. Es ist ein „christlicher“ Frieden, ein gemeinsames Gut, das auf den universellen Prinzipien beider Konfessionen aufbaut. Vergebung ermöglicht es, die Zukunft von den Übeln der Vergangenheit zu befreien. Der Vertrag beinhaltet somit eine echte Begleichung von Schulden und durchbricht den Teufelskreis aus Schulden, Krieg und Plünderung.
Noch besser: Anstatt den Feind bloß in Ruhe zu lassen, versuchten sie, zu dessen Vorteil zu handeln! So verbietet Artikel III jeder Partei, „den gegenwärtigen oder zukünftigen Feinden der anderen Partei“ jemals Hilfe zu leisten, und alle Unterzeichner dieses Vertrags sind „verpflichtet, jedes einzelne Gesetz oder jede einzelne Bedingung dieses Friedens gegen jeden, ohne Unterschied der Religion, zu verteidigen und zu schützen“ (Artikel CXXIII).
Die Verteidigung der Rechte anderer wird zur Verantwortung aller (im Falle einer Streitigkeit sind „alle und jeder, die an dieser Transaktion beteiligt sind, verpflichtet, sich der geschädigten Partei anzuschließen”), und den Staaten des Reiches ist es untersagt, „ihre Rechte mit Gewalt und Waffen durchzusetzen”, wobei diese Rechte kollektiv durch die im Vertrag festgelegten territorialen Restitutionsmaßnahmen definiert sind.
Abschließend möchte ich sagen, daß es wichtiger denn je ist, diesen Westfälischen Frieden, der es den Europäern ermöglichte, das blutige Kapitel der Religionskriege zu schließen, an den Originalquellen wiederzuentdecken. Und begnügen Sie sich nicht mit der reduktionistischen, voreingenommenen Interpretation, die oft von Geopolitikern geliefert wird!
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