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Von Dipl.-Ing. Wolfgang Riess
Wolfgang Riess ist Diplom-Ingenieur. In der abschließenden Sitzung der Berliner Konferenz des Schiller-Instituts am 31. Mai hielt er den folgenden Vortrag.
Die Frage nach der Zukunft der Automobilindustrie ist komplexer geworden als jemals zuvor. Die Branche befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel, der nicht nur technologische, sondern auch gesellschaftliche, geopolitische und wirtschaftliche Dimensionen umfaßt. Die Bitte, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen, ist daher berechtigt und notwendig. Die Automobilindustrie besitzt zweifellos eine Zukunft – doch sie wird eine andere sein als die Vergangenheit, und sie wird nicht für alle Akteure gleichermaßen positiv verlaufen.
1. Globale Märkte – unterschiedliche Kunden, unterschiedliche Erwartungen: Ein zentrales Element der zukünftigen Entwicklung ist die zunehmende Differenzierung der Kundenwünsche. Die Märkte Europa, China, USA, Indien, Rußland, Südafrika, Brasilien, Japan und Südkorea unterscheiden sich heute stärker denn je. Während Europa und Japan traditionell auf Effizienz, Sicherheit und Qualität setzen, dominieren in den USA Größe, Komfort und Leistungsfähigkeit. China wiederum entwickelt sich zu einem Markt, der technologische Integration, digitale Dienste und schnelle Innovationszyklen verlangt. Indien und Brasilien fokussieren stärker auf robuste, kostengünstige Fahrzeuge, die den infrastrukturellen Bedingungen standhalten.
Diese Vielfalt zwingt die Hersteller dazu, regionale Strategien zu entwickeln. Ein global einheitliches Fahrzeugkonzept wird zunehmend unpraktikabel. Die Zukunft gehört modularen Plattformen, die sich flexibel an regionale Anforderungen anpassen lassen – sowohl technisch als auch preislich.
2. Konsolidierung und Allianzen: Ein weiterer Trend ist die zunehmende Bildung von Allianzen und Fusionen. Die Entwicklung neuer Antriebstechnologien, Softwareplattformen und autonomer Systeme ist extrem kapitalintensiv. Kein Hersteller kann diese Last allein tragen. Bereits heute entstehen Kooperationen zwischen traditionellen Herstellern, Technologieunternehmen und Zulieferern. Dieser Trend wird sich verstärken.
Es ist realistisch anzunehmen, daß einige Marken in Zukunft nicht mehr eigenständig existieren werden. Sie werden in Konzernen aufgehen oder vollständig vom Markt verschwinden. Die Automobilmuseen der Zukunft werden daher nicht nur historische Fahrzeuge zeigen, sondern auch Marken, die dem Strukturwandel nicht standhalten konnten.
3. Die entscheidende Frage: Welche Fahrzeugkonzepte wollen die Kunden? Die Diskussion über die Zukunft der Automobilindustrie konzentriert sich oft auf Karosserieformen oder Innenraumdesigns. Doch diese Aspekte sind sekundär. Entscheidend ist die Frage: Welche Fahrzeugkonzepte werden die Kunden in Zukunft tatsächlich benötigen? Drei Bereiche stehen dabei im Mittelpunkt:
4. Autonomes Fahren – unterschiedliche Geschwindigkeiten weltweit: Ein Bereich, der die Branche tiefgreifend verändern wird, ist das autonome Fahren. Während in den USA und China intensiv geforscht, getestet und skaliert wird, agiert Europa deutlich vorsichtiger. Die Gründe sind vielfältig: regulatorische Zurückhaltung, höhere Sicherheitsanforderungen, fragmentierte Märkte und geringere Risikobereitschaft.
Dennoch ist klar: Vollautomatisierte Fahrzeuge werden kommen.
Sie werden nicht nur das Fahren selbst verändern, sondern auch Logistik, Stadtplanung, Mobilitätsdienste, Versicherungsmodelle, Eigentumsstrukturen (Car‑Sharing, Flottenmodelle).
Europa wird sich entscheiden müssen, ob es in diesem Feld eine aktive Rolle spielen oder lediglich Technologien importieren möchte.
5. Entwicklungsfreiheit innerhalb klarer Rahmenbedingungen: Ein sinnvoller Weg für die Industrie besteht darin, klare Ziele und Rahmenbedingungen zu definieren, aber die konkrete Umsetzung den Entwicklungsabteilungen zu überlassen. Innovation entsteht nicht durch starre Vorgaben, sondern durch Freiräume. Innerhalb eines definierten Rahmens können Ingenieure, Designer und Softwareentwickler Lösungen hervorbringen, die heute noch unvorstellbar sind. Es wird Entwicklungen geben, die sich bewähren – und solche, die scheitern. Doch genau dieser Prozeß ist notwendig, um Fortschritt zu ermöglichen.
6. Auswirkungen auf Standorte, Beschäftigung und Zulieferer: Die Zukunft der Automobilindustrie wird nicht nur technologisch, sondern auch strukturell herausfordernd. In den kommenden Jahren ist mit einem weiteren Rückgang der Beschäftigung zu rechnen – nicht nur in der Fertigung, sondern auch in Entwicklung und Vertrieb. Automatisierung, Digitalisierung und globale Verlagerungen werden traditionelle Standorte unter Druck setzen.
Der Trend zur Produktion in Niedrigkostenländern wird sich fortsetzen. Gleichzeitig entstehen neue Zentren in Asien, Südamerika und Osteuropa. Mittelständische Zulieferer in Europa werden besonders betroffen sein, da sie oft stark von einzelnen Herstellern oder Technologien abhängig sind. Die regionale Struktur der Industrie wird sich verändern, und nicht alle Regionen werden diesen Wandel unbeschadet überstehen.
7. Fazit: Die Automobilindustrie hat eine Zukunft – aber sie wird anders aussehen als die Vergangenheit. Sie wird vielfältiger, digitaler, globaler und stärker technologiegetrieben sein. Hersteller müssen sich auf unterschiedliche Kundenbedürfnisse einstellen, offen für verschiedene Antriebstechnologien bleiben und den Mut haben, neue Wege zu gehen. Gleichzeitig wird die Branche durch Konsolidierung, Standortverlagerungen und strukturelle Veränderungen geprägt sein.
Die Zukunft der Automobilindustrie ist kein gerader Weg, sondern ein komplexer Transformationsprozeß. Doch gerade in dieser Unsicherheit liegt die Chance für Innovation, Fortschritt und neue Mobilitätskonzepte, die wir heute noch nicht kennen.
Anmerkung
Weiterführende Informationen finden Sie in einschlägigen Studien von RSM Ebner Stolz (Automotive-Studie 2025) und VDA (Zielbild Automobilproduktion)
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