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Neue Solidarität
Nr. 31-32, 30. Juli 2026

„Die neue multipolare Weltordnung:
ein neues Paradigma relationaler Co-Intelligenz”

Von Jérôme Ravenet

Jérôme Ravenet ist Sinologe und Professor für Philosophie. In der abschließenden Sitzung der Berliner Konferenz des Schiller-Instituts am 31. Mai 2026 sagte er folgendes. (Übersetzung aus dem Französischen, Zwischenüberschriften wurden hinzugefügt.)

Die historische Bilanz der unipolaren Neuen Weltordnung ist nicht gut. Nicht nur hat sich das von Fukuyama vorhergesagte triumphale „Ende der Geschichte“ nicht bewahrheitet, sondern nach der Sowjetunion bricht nun auch das anglo-amerikanische Imperium zusammen. Das Ansehen, das der globale Westen in den letzten 500 Jahren der Neuzeit erworben hatte, ging immer mehr verloren durch die von ihm ausgelösten Kriege, die koloniale Gewalt und ethnische Vorherrschaft, die vielschichtige Versklavung der Produktivkräfte, die zur Verarmung der eigenen Bevölkerung führte – kurz, durch eine wirtschaftliche und militärische Strategie des allgemeinen Chaos zum Vorteil einer globalisierten Finanzoligarchie.

Das wahnsinnige Recht, das er unter dem Deckmantel einer „regelbasierten Ordnung“ zu legitimieren und der Welt aufzuzwingen versuchte, erweist sich letztlich als das, was es ist: ein Machtparadigma, d.h. die Vorstellung einer Welt, die im wesentlichen als ein Geflecht von Zwangsbeziehungen aus Macht und Herrschaft betrachtet wird, zusammengefaßt im Gesetz des Stärkeren.

Die Plünderung des kleinen planetarischen Gartens hat ihn zu einem Dschungel herabgewürdigt. Der Traum eines globalen Marktes, den Vasco da Gama, Magellan und Kolumbus begonnen haben, der Traum von der wissenschaftlich-technischen Beherrschung der Welt, wie er von Leonardo da Vinci bis Descartes formuliert wurde, und der Traum vom Frieden, auf den sich die Unterzeichner der Westfälischen Verträge (1648) oder der Haager Konferenzen (1899, 1907) schließlich einigten, wurde schnell zum Albtraum und entartete bitterlich in allgemeine Beziehungen der Ausbeutung und Unterwerfung.

Doch die objektiven Faktoren dieser Herrschaft sind erschöpft, und ein anderes zivilisatorisches Projekt hat in der Weltgeschichte Fuß gefaßt. Der Westen stützt seine alten Privilegien heute auf nur noch 15% der Weltbevölkerung; der Rest beansprucht 85%. Die BRICS-Staaten haben nicht nur ein BIP, welches das der G7 übersteigt, sondern sie beweisen auch, daß Wachstum bei gleichzeitiger Armutsbekämpfung möglich ist.

Sie beweisen entgegen den Vorhersagen der Rivalitätstheorien, die den modernen Westen von Hobbes über Carl Schmitt bis hin zu Huntington beherrscht haben, daß „friedliche Koexistenz“ ein effektiveres, profitableres und nachhaltigeres Regierungsprinzip ist als das der „Freund-Feind“-Beziehungen oder des „Kampfs der Kulturen“. Denn trotz all des Unsinns, der auf akademischen Konferenzen und in den offiziellen Medien verbreitet wird, gedeihen die BRICS-Staaten und insbesondere Xi Jinpings China, ohne Rache zu suchen.

Dem Ideal der Herrschaft ein Ende setzen

Es geht darum, dem Herrschaftsstreben an sich ein Ende zu setzen, nicht nur dem Hegemon; das Ziel ist es, die Raubtiermentalität zu überwinden, nicht nur den unbequemen Status der Beute. Die besitzenden Klassen und ihre Sprachrohre haben jedoch klar erkannt, welches Risiko eine Rückkehr zu Völkerrecht oder Freihandel als Garantie für Frieden und gemeinsamen Wohlstand für ihren rückschrittlichen Durst nach hegemonialer Herrschaft darstellt.

Es ist die ultimative Desillusionierung: Im Westen ist Demokratie kein Ideal mehr, sondern nur noch ein leeres Wort. General de Gaulle versuchte, den Willen des Volkes im Prinzip des Referendums nach Artikel 3 der französischen Verfassung zu verankern, und in seiner zehnjährigen Regierungszeit (1958-1969) organisierte er fünf der zehn Referenden der Fünften Republik. Doch seit dem „Nein“ beim Referendum über die europäische Integration 2005 machen sich die herrschenden Klassen der EU nicht einmal mehr die Mühe, so zu tun als ob. Die „Gefahr“ eines bedrohlichen Populismus gilt als ausreichende Rechtfertigung für ihre Mißachtung des Volkswillens und ihre Machtübernahme.

Das gleiche gilt für die internationalen Institutionen, die aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen sind. Nur ein Beispiel: Die Führungsstruktur des IWF sollte das relative wirtschaftliche Gewicht seiner Mitglieder demokratisch widerspiegeln, aber die EU hält 27% der Stimmrechte, während China nur 6% hat, obwohl ihre BIPs gleichwertig sind.

In der Innenpolitik und in internationalen Institutionen auf jeder Ebene befindet sich das westliche Erbe der Demokratie in einem Zustand kognitiver Dissonanz – einem pathologischen Zustand, der durch das exklusive Privileg der Meinungsfreiheit verschärft wird, von der die westlichen Oligarchie behauptet, es sei ihre moralische Pflicht, sie vor den existentiellen Gefahren jedes alternativen politischen Modells zu schützen.

Dabei ist es gerade die globale Demokratie, von der die BRICS-Staaten sprechen. Sie fordern Respekt für die Demokratie in der Gestaltung der internationalen Beziehungen und Fortschritte dorthin. Sie verstehen unter Demokratie nicht die formalen oder repräsentativen Verfahren, die letztlich die liberale Demokratie im Westen im 19. Jahrhundert geprägt haben. Für sie bezeichnet Demokratie vielmehr das tatsächliche Praktizieren einer relationalen Co-Intelligenz, die darauf abzielt, reale Bedürfnisse zu befriedigen.

Entgegen dem Hegemoniestreben, der zwangsweisen Durchsetzung von Machtverhältnissen und der Logik von Nullsummenspielen, die das Paradigma der Macht definieren, beruht das Prinzip einer globalen Demokratie auf echter relationaler Co-Intelligenz: einem gerechten Dialog über die Natur gegenseitiger Interessen und die entsprechenden Strategien zu ihrer allseitigen Befriedigung. Demokratie wird nicht mehr durch agonistische Eigenschaften eines Kampfes um politische Macht definiert, an den uns die Geopolitik gewöhnt hat. Statt dessen ordnet sie den Ausgleich von Beziehungen einer Philosophie der Bedürfnisse und Partnerschaften unter, die darauf abzielt, diese gegenseitig zu befriedigen.

Diese Demokratie ist die Form, in der der junge, spinozistische Marx bereits „das aufgelöste Rätsel aller Verfassungen“ sah (Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie). Weder altruistisch, noch egoistisch, noch naiv uneigennützig, noch brutal einseitig, definiert sie das Paradigma einer Kombination gemeinsamen Gewinns, indem sie das Potential jedes einzelnen zum Nutzen aller zusammenführt.

In Anlehnung an Spinoza, der eine Art von Wissen konzipierte, das es ermöglicht, ein bestimmtes Potential mittels „gemeinsamer Begriffe“ in die Einheit eines übergeordneten Potentials einzubinden, kann dieses neue Paradigma als das „Paradigma der Potentials“ bezeichnet werden. Es ist ein anti-antagonistisches mathematisches Modell der Demokratie, das vorschlägt, die Kräfte zu bündeln, im Gegensatz zum Hegemoniestreben, das sich damit begnügte, seine eigene Kraft zu verabsolutieren, indem es das Gemeinwohl mit seinem Partikularinteresse gleichsetzte.

Es ist dieses neue Paradigma des Potentials, diese ideale Ausübung relationaler Co-Intelligenz, das der chinesische Ausdruck „Zukunftsgemeinschaft der Menschheit“ seit 2012 ankündigt. Dessen strategische „gemeinsame Vorstellungen“ sind die „Win-Win-Vereinbarungen“ für die Umsetzung der „dreifachen globalen Initiative“ (15. März 2023) – Initiativen für Entwicklung, Frieden und Zivilisation – in den Megaprojekten der Neuen Seidenstraßen und den Gipfeltreffen der SCO oder der Internationalen Organisation für Mediation (IOMed).

Es ist ein Ideal des gemeinsamen Wohlstands für eine wahrhaft multipolare Welt, in der Einheit Stärke bedeutet: virtus unita fortior. Es steht im Gegensatz zum hegemonialen Ideal der Monopolisierung, dessen Strategie darin besteht, zu entzweien und zu spalten, um besser herrschen zu können: teile und herrsche.

Die Alternative ist tragisch, aber sehr einfach: Die Menschheit muß sich entscheiden, ob sie sich vereinen oder gegeneinander stellen will; ob sie ihre Kräfte bündeln oder in mimetischen Rivalitäten erschöpfen will; ob sie teilen, zusammenführen und vermehren will oder aber spalten, gegeneinander stellen und subtrahieren. Macht ist traurig, sagte ein anderer Spinozist: Sie will „die Stärke von dem trennen, was sie bewirken kann“. Das Potential hingegen sucht die Freude und strahlt sie aus.

Ist die Zeit endlich gekommen?

Ist die Zeit endlich gekommen? Kann der Traum von einer großen Erneuerung der Zivilisationen nun verwirklicht werden? Da nun das alte atlantische Paradigma der unipolaren Macht tot ist oder im Sterben liegt, ist der Indopazifik die Oase des Friedens, aus der eine neue multipolare Weltordnung wiedergeboren werden kann?

Wir sind in den entscheidenden Moment des historischen Übergangs eingetreten, den Kommentatoren grob als „Thukydides-Falle“ oder Dritten Weltkrieg zusammenfassen. Er bietet ebenso viel Grund zur Sorge wie zur Hoffnung. Doch um die chinesische Strategie zu verstehen, liefert die berühmte Spieltheorie nützliche Erkenntnisse, wie Xi Jinping andeutet, indem er wiederholt betont: „China spielt kein Nullsummenspiel.“ Der Wissenschaftler Zhang Weiwei interpretierte dies so: China habe trotz einer strikten defensiven Militärdoktrin keine Feinde; es habe nur „potentielle Freunde“.

Was ist ein potentieller Freund? Ein Partner, der die Vorteile kooperativer Beziehungen noch nicht erkannt hat oder der immer noch an die Vorzüge von Antagonismus glaubt. Die neue chinesische Rhetorik der Spieltheorie hilft dabei, solche unvollkommenen Freunde über die Risiken eines ungünstigen Gleichgewichts aufzuklären, das den Gewinner gegen die Verlierer ausspielt (bekannt als Nash-Gleichgewicht). Jede Beziehung birgt Widersprüche, doch Weisheit liegt darin, diese in Komplementaritäten umzuwandeln, Antagonismus zu vermeiden und den potentiellen Freund umso effektiver oder dauerhafter zu machen, indem man Partnerschaften eingeht, an denen er selbst ein besonderes Interesse hat (bekannt als Pareto-Optimum).

Angesichts der psychologischen Reife dieser kollektiven Vernunft, die alle ideologischen Gräben überwindet, ist die Unreife der kriegerischen Rhetorik westlicher Führer eklatant offensichtlich und schmerzt täglich in den Ohren. Sie manifestiert sich in emotionalen und widersprüchlichen Urteilen über russische, chinesische, iranische und andere Gegner, die unsere Führer gleichzeitig als unbedeutend und als gefährlich darstellen. Sie verunglimpfen sie als schwach, fürchten sie jedoch als stark. Doch wenn ein Feind schwach ist, welchen Grund gibt es dann, ihn zu verteufeln und sich gegen ihn zu verteidigen? Umgekehrt: Wenn sie eine echte Bedrohung sind, ist es dann nicht klüger, Herabwürdigung zu vermeiden? Was für eine intellektuelle Verwirrung! Dieser paranoide Wahnsinn ist das charakteristische Symptom des zivilisatorischen Niedergangs des Westens.

Das Machtparadigma basierte auf Beziehungen des Mißtrauens. Eine Denkweise zu erlernen, die fähig ist, Beziehungen des Vertrauens aufzubauen, ist daher ein kontraintuitiver und schwieriger Weg für eine moderne Zivilisation, die die Lehren Christi und der Philosophie aufgegeben und die Geopolitik als die ultimative Wissenschaft der politischen Praxis verankert hat.

Dennoch unternimmt China den Versuch, dem Rest der Welt eine Lektion in Anti-Geopolitik zu erteilen. Ohne seine Interessen aufzugeben oder von anderen zu verlangen, die ihren aufzugeben, schafft es Plattformen, auf denen man in einen Dialog treten und vereinigende Projekte ins Auge fassen kann.

Doch die Menschheit ist eins, und die neue multipolare Weltordnung, nach der die blockfreien Länder der Bandung-Konferenz strebten, ist zwischen 2008 und 2012 unter dem neuen Banner der BRICS in die letzte Phase ihrer Verwirklichung eingetreten. Seitdem behauptet sie sich, und ihr Einfluß wächst weiter, ohne den Provokationen der NATO und des Imperiums gegen den Fortschritt der Neuen Seidenstraße oder der SCO nachzugeben.

Ich glaube nicht, daß die Zeit für diese neue Weltordnung allein aus den wirtschaftlichen, politischen oder militärischen Gründen gekommen ist, die die Geopolitik zu messen versucht. Obwohl ich kein Kommunist bin, teile ich den „Glauben“, den Xi Jinping an den Tag legt und der die Architekten des neuen Paradigmas inspiriert: Die gegenwärtige Krise ist eine Gelegenheit, innerhalb der Geschichte die spirituelle Bedeutung jener universellen Weisheit zu verwirklichen, auf die – wie Teilhard de Chardin (1947) glaubte – „alles zuläuft, was aufsteigt“. Das neue Paradigma ist der Omega-Punkt jenes „Rendezvous mit dem Universum“, das General de Gaulle China am 31. Januar 1964 so feierlich versprochen hat.

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