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Neue Solidarität
Nr. 31-32, 30. Juli 2026

„Das tiefer liegende Problem ist die neokoloniale strukturelle Abhängigkeit“

Von Abbey Makoe

Abbey Makoe ist Gründer und Chefredakteur des Global South Media Network. In der abschließenden Sitzung der Berliner Konferenz des Schiller-Instituts am 31. Mai 2025 sagte er folgendes. (Übersetzung aus dem Englischen.)

Diese Konferenz findet vor dem Hintergrund eines raschen Rückgangs der internationalen Zusammenarbeit statt. Mächtige Wahnsinnige zwingen ihren geopolitischen Gegnern ihren Willen auf. Feige Nationen verstecken sich hinter Schweigen. Globale Institutionen sind zu einer Farce verkommen. Allein in dieser Woche hat der Weltfußballverband FIFA nichts gesagt - und nichts unternommen -, als die US-Regierung der iranischen Fußballnationalmannschaft untersagte, sich während der Weltmeisterschaft 2026 auf US-amerikanischem Boden aufzuhalten, und der Mannschaft befahl, das Land nach jedem Spiel auf US-amerikanischem Boden unverzüglich in das benachbarte Mexiko zu verlassen. Das völkermordende Israel nimmt nach wie vor am Eurovision Song Contest teil und ist die einzige Nation des Nahen Ostens, die an europäischen Fußballwettbewerben teilnimmt.

Während ich daher die Einschätzung des Schiller-Instituts hinsichtlich „der dringenden Notwendigkeit einer globalen Sicherheits- und Entwicklungsarchitektur“ voll und ganz teile, möchte ich der Auffassung widersprechen, daß die Welt am „Ende von 500 Jahren Kolonialismus“ angelangt sei.

Die westliche Hegemonie bleibt das Joch, das Afrika und den Globalen Süden an der Entwicklung hindert. Der Wettlauf um Afrika geht in anderer Gestalt weiter. Fünfhundert Jahre Kolonialismus bestehen bedrohlich fort.

Die Realität vor Ort

Professor Fadhel Kaboub, renommierter tunesisch-amerikanischer Politökonom, gab kürzlich eine schonungslose Einschätzung des Würgegriffs ab, den die fortbestehenden Züge des Neokolonialismus weiterhin auf dem afrikanischen Kontinent ausüben. Von noch größerer Bedeutung als seine empirischen Belege für die oft subtile Unterwerfung des Kontinents durch westliche Mächte waren die düsteren Erkenntnisse, die Prof. Kaboub - der Präsident des Global Institute for Sustainable Prosperity ist - am 25. Mai, dem Afrika-Tag, vorstellte. „An jedem Afrika-Tag“, so Prof. Kaboub, „hören wir dieselben Reden über ‚Africa Rising‘ (Afrika steigt auf). Und jedes Jahr treten Millionen weiterer junger Afrikaner in Volkswirtschaften ein, die nach wie vor Rohstoffe exportieren, Lebensmittel und Treibstoff importieren, Auslandsschulden in Fremdwährungen bedienen und am unteren Ende der globalen Wertschöpfungskette gefangen bleiben.“

Prof. Kaboub ist an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Denison University in den USA tätig. Er merkte ferner an: „Afrika ist strukturell entmachtet, verarmt und wirtschaftlich kolonialisiert. Diese Unterscheidung ist von Bedeutung. Der Kontinent verfügt über einige der weltweit größten Vorkommen an grünen Mineralien, die jüngste Bevölkerung der Erde, ein außergewöhnliches Potential an erneuerbaren Energien, enorme landwirtschaftliche Kapazitäten und strategischen geopolitischen Einfluß in einer zunehmend zersplitterten Weltordnung. Dennoch finanziert Afrika weiterhin den Wohlstand anderer, während es sich teuer verschuldet, um zu überleben. Das ist kein Zufall der Geschichte. Es ist die koloniale Architektur der Weltwirtschaft.“

Die USA und die europäischen Länder sind in jedem Winkel von Mutter Afrika verzweifelt aktiv. Ihre Aktivitäten sind oft aggressiv und bedrohen die Souveränität der afrikanischen Nationalstaaten. Ihr vorrangiges Ziel ist es, die Seltenen Erden und andere Bodenschätze des Kontinents abzubauen und unter ihre Kontrolle zu bringen. Wir sehen dies in der Sahelzone, wo Frankreich von Burkina Faso, Mali und Niger in ihrem gemeinsamen Streben nach wahrer Unabhängigkeit hinausgeworfen wurde. Der Reputationsschaden durch diese Demütigung Frankreichs ist immens.

Der Westen wendet viele Tricks an, um Afrika auszuplündern. Um auf den afrikanischen Märkten Fuß zu fassen, nutzt der Westen insbesondere seine Soft Power. Er finanziert und kontrolliert NGOs und die Medien, die er dazu einsetzt, die öffentliche Meinung zu manipulieren, die Agenda zu bestimmen und die Narrative zu kontrollieren.

Vor diesem Hintergrund findet diese Konferenz statt, was deutlich macht, wie wichtig und aktuell sie ist.

Merkmale des „Strong-Man-Syndroms“

Ich bin sicher, daß Prof. Kaboub und viele andere Wissenschaftler zustimmen werden, daß unsere internationale Weltordnung in der Tat dringend eine „neue globale Sicherheits- und Entwicklungsarchitektur“ benötigt. Jeden Tag werden wir mit immer mehr Beweisen für die verheerenden Auswirkungen des Unilateralismus auf die Weltpolitik konfrontiert. Der Völkermord in Gaza bleibt eine Angelegenheit, die wahrscheinlich ungestraft bleiben wird. Die Trump-Regierung steht, genau wie die von Biden, Obama und anderen vor ihnen, dem Internationalen Strafgerichtshof (ICC) skeptisch gegenüber. Die USA sind zudem kein Unterzeichnerstaat des Römischen Statuts und sind daher der Ansicht, daß der ICC keine Zuständigkeit für die skrupellosen Aktivitäten der USA oder ihrer treuen Verbündeten wie Israel hat. Washington hat Sanktionen gegen jeden ICC-Beamten angedroht, der gegen die außenpolitischen Interessen Washingtons gehandelt haben soll.

Der Zusammenbruch der Gründungsprinzipien der UN-Charta zeugt vom allgemeinen Verfall unserer globalen Regierungssysteme. Israel zerstört gerade in diesem Moment furchtlos die Landschaft des Libanon, vertreibt Millionen Menschen und tötet täglich Dutzende. Die mutwillige Zerstörung geht unvermindert weiter, trotz der Gerüchte über einen von den USA vermittelten Waffenstillstand, der eine offensichtliche Nebelwand darstellt.

Darüber hinaus geht der von Präsident Donald Trump und Benjamin Netanjahu gewählte Krieg gegen den Iran unvermindert weiter. In allen globalen Konflikten ist die UNO nicht präsent, was der Ansicht Glaubwürdigkeit verleiht, daß das, was von der UNO übrig bleibt, nichts weiter als eine leere Hülle ihres früheren Selbst ist.

Diese abscheulichen Handlungen, die die Merkmale des „Strong-Man-Syndroms“ tragen, legen die dringende Notwendigkeit einer neuen globalen Architektur offen. Die internationale Gemeinschaft verlangt nach einer Wiederherstellung der globalen Diplomatie im Zentrum der internationalen Beziehungen, die durch multilaterale Vorhersehbarkeit und friedliche Koexistenz gekennzeichnet sind.

Einen Präsidenten und seine Frau mitten in der Nacht im Schlaf zu entführen, mit dem venezolanischen Präsidentenpaar illegal die Grenze zu überqueren und sie vor ein zweifelhaftes Gericht statt vor einen internationalen Gerichtshof zu stellen, ist ein Verhalten, das das Gesetz des Dschungels widerspiegelt. Auch die Androhung der Annexion anderer Nationen wie Grönland, Kanada und Mexiko ist ein Affront gegen zivilisierte internationale Normen und Standards. Die Weltwirtschaftsorganisation (WTO) zu ignorieren und eine Flut wahlloser Zölle loszulassen, spiegelt das Verhalten von Wahnsinnigen wider, die durch absolute Macht korrumpiert sind.

All diese Beispiele und viele weitere, die hier nicht alle genannt werden können, sprechen für einen Wandel, und dem Internationalen Schiller-Institut gebührt große Anerkennung dafür, daß es ein Licht auf solche wichtigen geopolitischen Fragen wirft.

Prof. Kaboub stellt zutreffend fest, daß an diesem Scheideweg die zentrale Frage nicht mehr lautet, ob Afrika sich innerhalb des bestehenden internationalen Wirtschaftssystems, das Afrika erstickt, „entwickeln“ kann. Anläßlich des 500-jährigen Jubiläums des Kolonialismus sollte die Frage lauten, ob „Afrika endlich bereit ist, die Regeln des Systems selbst neu zu gestalten“.

Die Agenda 2063 der Afrikanischen Union fordert „Das Afrika, das wir wollen“. Im Idealfall wird ein „integrierter, prosperierender, souveräner Kontinent“ angestrebt, „der in der Lage ist, seine eigene Entwicklung zu finanzieren und globale Angelegenheiten mitzugestalten“. Prof. Kaboub und viele andere sind jedoch der Ansicht, daß diese Vision reine Rhetorik bleiben wird, solange Afrika sich nicht mit den tieferen Strukturen der Abhängigkeit auseinandersetzt, die sein Wirtschaftsmodell weiterhin prägen.

Er argumentiert, daß das Problem nicht einfach Korruption, Versagen der Regierungsführung oder mangelnder Unternehmergeist sei (auch bekannt als die bevorzugten Erklärungen im Mainstream-Entwicklungsdiskurs). Das tiefer liegende Problem sei die neokoloniale strukturelle Abhängigkeit.

Die meisten afrikanischen Volkswirtschaften bleiben auf folgende Weise in kolonialen Wirtschaftsmustern gefangen: Sie exportieren Rohstoffe, importieren Industriegüter, sind auf externe Finanzierung angewiesen und geben nur allzu gerne ihren nationalen politischen Handlungsspielraum an Gläubiger und internationale Finanzinstitutionen ab.

Laut dem Bericht „State of Commodity Dependence 2025“ („Stand der Anhängigkeit von Rohstoffen 2025“) der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD) bleibt die Rohstoffabhängigkeit eines der bestimmenden Merkmale von Entwicklungsländern, insbesondere in Afrika. In vielen Ländern machen Rohstoffe mehr als 60% der Exporteinnahmen aus. Prof. Kaboub zufolge ist „dies der Kern der Schuldenfalle“.

Fazit

Abschließend ist es meine bescheidene Meinung, daß Afrika in diesem Zeitalter der Aufklärung seine Zersplitterung beenden und der internationalen Gemeinschaft als geeinte Front gegenübertreten muß, um gegenseitigen Respekt und Gleichberechtigung in Gedanken, Worten und Taten einzufordern.

Auf diese Weise wäre Afrikas geeinte Stimme zu laut, um ignoriert zu werden. Vereint durch die AU sollten Afrika und der Rest des Globalen Südens von den Europäern, die den Kontinent kolonialisiert haben, Reparationszahlungen einfordern. Und sollten diese sich weigern, muß Afrika solche Schuldigen auf eine schwarze Liste setzen. Das Internationale Schiller-Institut hätte ein großes Ziel erreicht, wenn es in seiner abschließenden Liste von Resolutionen oder seinem Kommuniqué die Zahlung von Reparationen durch Europa fordern würde.

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