|
|
Der 6. April ist ein besonderer Tag für Berlin, auch wenn dies aufgrund des derzeit vergifteten geopolitischen Klimas heute nur wenigen Menschen bekannt sein dürfte. Vor 60 Jahren stürzte ein modernes sowjetisches Kampfflugzeug aufgrund eines plötzlichen Triebwerksausfalls ab. Die beiden Piloten der 132. Bomberstaffel der 24. sowjetischen Luftlandeeinheit, Boris Kapustin und Juri Janow, flogen über West-Berlin, um das Flugzeug von Finow (nördlich von Berlin) zu einer Militäreinheit in Köthen (südwestlich von Dessau) zu überführen. Es gelang ihnen, unter dem Opfer ihres eigenen Lebens das Flugzeug in den Stößensee und damit außerhalb des dichtbesiedelten Stadtgebietes zu manövrieren.
Dazu wurde jetzt eine von Dr. Christian Hufen als wissenschaftlichem Kurator konzipierte Ausstellung im Russischen Haus in Berlin unter dem poetischen Titel „Der unendliche Himmel“ eröffnet. Sie dokumentiert das unterschiedliche Andenken an die Piloten in Deutschland und Rußland und ist nicht nur die Geschichte einer Tragödie, sondern auch von Menschlichkeit, Mut und Würde.
In seiner Ansprache sagte der russische Botschafter in Deutschland, Sergej Netschajew, die beiden Piloten verkörperten die Tradition der sowjetischen Soldaten im Großen Vaterländischen Krieg, die Zivilbevölkerung vor den Auswirkungen des Krieges zu schützen. Er würdigte den damaligen Berliner Oberbürgermeister Willy Brandt, der trotz des vorherrschenden antisowjetischen Klimas die selbstlose Tat der Piloten anerkannt hatte, sowie dessen spätere „Ostpolitik“. Netschajew wies auf die bevorstehenden Feierlichkeiten am 9. Mai hin, bei denen der Sieg über das Nazi-Regime im Zweiten Weltkrieg begangen wird, in dem die Sowjetunion 27 Millionen ihrer Bürger verlor. Er betonte, Rußland habe keinerlei Probleme mit dem deutschen Volk. Die Zusammenarbeit zwischen den beiden Nationen sei stets zum Vorteil beider Seiten gewesen, eine „Win-Win“-Situation für ganz Europa.
Das tragische Ereignis im April 1966, das die Ausstellung beleuchtet, ereignete sich mitten im Kalten Krieg, als Berlin in vier Besatzungssektoren (britisch, amerikanisch, französisch und russisch) geteilt war. Das Flugzeug stürzte im britischen Sektor ab. Hektisch untersuchte der britische Geheimdienst die Wrackteile des modernen sowjetischen Flugzeugs (Jak-28P) mit seiner neuen komplexen Elektronik, Teile des Wracks wurden sogar heimlich nach Großbritannien und dann wieder zurück an die Absturzstelle gebracht. Am 8. April wurden die Leichen der beiden Piloten an sowjetische Vertreter übergeben, die sie in ihre Heimat überführten.
Wochenlang waren die West-Berliner Zeitungen und internationale Zeitungen voll davon, die Sowjets würden durch riskante „Testflüge und Manöver“ über dem Stadtgebiet das Leben der Berliner Bürger gefährden. Es gab keinerlei öffentliches Mitgefühl für die beiden Piloten, bis Willy Brandt, der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin und Bundesvorsitzende der SPD, als Staatsmann handelte. Im Berliner Stadtarchiv ist noch der Brief eines West-Berliner Bürgers erhalten, der darauf bestand, den Piloten müsse öffentlich Tribut gezollt werden, was, wie er sagte, dem Gefühl vieler Menschen in West-Berlin entspreche. Dazu notierte ein städtischer Referent seine Empfehlung an den Regierenden Bürgermeister Brandt, in der Fernsehsendung Wo uns der Schuh drückt darauf einzugehen.
Am 23. April 1966 sagte Willy Brandt im Berliner Fernsehen: „Vor knapp drei Wochen ist ein zweistrahliges sowjetisches Militärflugzeug in den Stößensee gestürzt. Dabei kamen die beiden Flieger Kapustin und Janow ums Leben. Wir können davon ausgehen, daß sie in den entscheidenden Minuten die Gefahr eines Absturzes in dicht besiedelten Wohngebieten erkannt und deshalb in Absprache mit ihrer Bodenstation die Maschine in den Stößensee gelenkt haben. Das bedeutete den Verzicht auf die eigene Rettung. Ich sage das in dankbarer Anerkennung des Opfers, durch das eine Katastrophe vermieden wurde. Ganz unabhängig davon, was wir über Flugübungen im Luftraum über unserer Stadt denken, möchte ich, daß die Angehörigen der beiden abgestürzten Offiziere von unserer Anteilnahme erführen.“
Nach zwei Jahrzehnten antisowjetischer Propaganda in Berlin unternahm Brandt also den wichtigen Schritt, das Opfer der beiden Piloten zu würdigen, und akzeptierte damit auch die Interpretation des tragischen Ereignisses, wie sie von den sowjetischen Behörden dargelegt wurde. TASS berichtete über seine Würdigung. In Moskau ging gerade der 23. Parteitag der Kommunistischen Partei zu Ende, auf dem Leonid Breschnew seine Position als Generalsekretär der KPdSU konsolidieren konnte. Brandt wurde 1966 Außenminister und 1969 erster sozialdemokratischer Bundeskanzler und setzte mit seiner „Ostpolitik“ auf Zusammenarbeit statt Konfrontation, so wie Breschnew auf der sowjetischen Seite. Damit wurde der lange Weg zur deutschen Wiedervereinigung geebnet.
Die Piloten, beide nur 34 Jahre alt, wurden in ihren Heimatstädten als Helden der Sowjetunion beigesetzt und am 19. Mai 1966 posthum für ihren Mut mit dem Rotbannerorden ausgezeichnet. Durch das Lied Ogromnoje nebo, „Der unendliche Himmel“ (Komponist Oscar Feltsman, Dichter Robert Rozhdestvensky), gesungen von Edita Pjecha, wurden beide in der Sowjetunion und der DDR sehr populär. Bei der Ausstellungseröffnung in Berlin trug die junge russische Schauspielerin Daria Delman dieses Lied schlicht und bewegend vor. Es erinnert an Schillers Ballade Die Bürgschaft. (Eine historische Aufnahme mit Untertiteln finden Sie hier: Edita Pjecha: „Der unendliche Himmel”).
Elke Fimmen
Liebe Leserinnen und Leser, dank Ihrer freundlichen Resonanz auf unseren Aufruf zur finanziellen Unterstützung ist es uns gelungen, das Jahr finanziell zu überstehen, auch wenn wir leider im vergangenen Sommer dazu gezwungen waren, die Erscheinungsweise der Neuen Solidarität von bisher acht Seiten wöchentlich auf zwölf Seiten alle zwei Wochen umzustellen.
Ihre Hilfe zeigt uns, daß Sie unsere einzigartige Fähigkeit schätzen, strategisch zu denken und sozusagen „im Voraus“ die entscheidenden Dynamiken des Weltgeschehens zu erkennen. Freuen wir uns über die Fortschritte, die unsere Ideen gemacht haben, und freuen wir uns auf weitere Fortschritte in den kommenden Monaten!
Nutzen Sie unsere Zeitung als ein Instrument, dies zu erreichen! Helfen Sie uns, neue Leser zu finden, und empfehlen Sie unsere Zeitung weiter. Für die aktuellen Meldungen empfehlen wir als Ergänzung unsere täglich erscheinenden E.I.R. Nachrichten, die den Abonnenten per E-Mail zugestellt werden. Neukunden können sie 10 Tage lang kostenlos und unverbindlich testen, siehe https://www.eir.de/abo/dadabo/.
Man kann Abonnements auch verschenken. Manche unserer Leser haben Mehrfach-Abonnements, damit Sie die Zeitung an Interessierte weitergeben können. Und natürlich können Sie uns auch weiterhin mit Förderabonnements und Förderbeiträgen helfen.
Kontaktieren Sie uns direkt,
um eine Rechnung anzufordern (Telefon: ++49 +61173650),
oder senden Sie Ihren Beitrag per Banküberweisung an:
E.I.R. GmbH, Verwendungszweck: Unterstützung für die Neue Solidarität
Postbank Frankfurt IBAN: DE93 5001 0060 0330 0216 07
Paypal: buchhaltung@eir.de