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Von Botschafter a.D. Manuel Hassassian
Dr. Manuel Hassassian war bis 2025 palästinensischer Botschafter in Dänemark. Übersetzung aus dem Englischen.
Vielen Dank für die Einladung. Es ist mir stets eine Ehre, beim Schiller-Institut zu sein. Ich halte dieses Symposium für eine sehr wichtige und entscheidende Veranstaltung, bei der sich Köpfe und Intellektuelle treffen sollten, um plausible Lösungen für dieses vielschichtige und komplexe Problem zu finden. Da die Redezeit auf zehn Minuten begrenzt ist, werde ich versuchen, in der Zeit so weit wie möglich eine gewisse Prognose für diesen Konflikt zu geben.
Zunächst möchte ich die Frage stellen: Eskalation oder Diplomatie?
Das ist eines der großen Dilemmas in den heutigen internationalen Beziehungen. Angesichts der sich verschärfenden geopolitischen Spannungen wird die Wahl zwischen militärischer Konfrontation und einer Verhandlungslösung nicht nur über die regionale Stabilität, sondern auch über den Fortbestand der globalen Sicherheit entscheiden. Wir müssen verstehen, daß dieses Gleichgewicht unerläßlich ist, um katastrophale Folgen zu verhindern und den Frieden zu erhalten.
Der Krieg befindet sich in einer prekären Pattsituation, die durch periodische Eskalationen, aber keinen entscheidenden Durchbruch gekennzeichnet ist. Militärische Operationen verursachen weiterhin erhebliche Kosten für alle Seiten, während strategische Abschreckung bislang einen größeren regionalen Krieg und natürlich eine nukleare Konfrontation verhindert hat. Das Gleichgewicht bleibt auf allen Seiten fragil. Externe Mächte sind eher mit Eindämmung als mit einer Beilegung und Konfliktlösung beschäftigt. Aus dieser Perspektive gibt es also keinen klaren Horizont. Die Lage bleibt volatil, schwebend zwischen Eskalation und dem schwer faßbaren Weg zur Deeskalation.
Ich halte es für wichtig zu betonen, daß dieser Krieg nicht isoliert von den Auswirkungen und Folgen im Kontext der globalen Sicherheit, der weltweiten Handelsbeziehungen sowie allgemeiner Instabilität und Unsicherheit stattfindet. Der Krieg im Iran kann gestoppt werden, aber das Zeitfenster ist jetzt sehr schmal und fragil, die Zeit drängt.
Auch wenn eine nukleare Eskalation nicht auszuschließen ist, bleibt ein Atomkrieg aus strategischer Sicht ein eher unwahrscheinlicher Ausgang, selbst unter den derzeitigen Eskalations- und Spannungsbedingungen. Keine der beiden Seiten hat einen klaren Anreiz, die nukleare Schwelle zu überschreiten, weil die Folgen und Auswirkungen weltweit katastrophal wären. Bislang gab es, soweit wir sehen können, Zurückhaltung bei der Bombardierung von Nuklearanlagen, aber das Risiko bleibt bestehen. Die Eskalationsdynamik beschleunigt sich; Vergeltungsmaßnahmen und Gegenmaßnahmen finden statt. Derzeit hängt die Situation im wesentlichen von dringenden diplomatischen Bemühungen ab, wie aktiver Vermittlung unter der Schirmherrschaft von Pakistan, Ägypten und der Türkei, und es wird, wie Sie wissen, auf einen 45tägigen Waffenstillstandsrahmen gedrängt.
Was könnte eine nukleare Eskalation auslösen? Meiner Ansicht nach: eine direkte Bedrohung des Regimes im Iran, massive Zerstörung der nuklearen Infrastruktur, die zu einer „Use-it-or-lose-it“-Situation führt (Atomwaffen einsetzen oder verlieren) und ein Zusammenbruch klarer Befehls- und Kontrollstrukturen.
Das beste Szenario wäre eine kontrollierte Deeskalation. Der Weg dorthin würde über Vermittlungsgespräche und die Wiederaufnahme inoffizieller Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran führen. Die militärischen Aktivitäten würden auf Stellvertreterkämpfe geringer Intensität zurückgestuft, und die maritime Sicherheit, etwa in der Straße von Hormus, würde sich stabilisieren.
Unabhängig von der strategischen Logik erkennen alle Akteure ihre gegenseitige Verwundbarkeit und verlegen sich von Eskalation auf Schadensbegrenzung. Das regionale Ergebnis: kein Regimesturz im Iran, Israel hält sich mit schweren Angriffen zurück, die Golfstaaten drängen auf Diskussionen über einen regionalen Sicherheitsrahmen, und dann haben wir faktisch eine Wiederherstellung des Gleichgewichts der Abschreckung.
Ein solcher Verlauf wird weiter auf Angriffe hinauslaufen, direkt oder über Stellvertreter – kein vollständiger Waffenstillstand, aber es entstehen, würde ich sagen, informelle rote Linien. Gegenseitige Cyber-, See- und begrenzte Raketenschläge werden fortgesetzt. China und Rußland verstärken ihre diplomatischen Anstrengungen, und natürlich wird ihr wirtschaftliches Engagement viel sichtbarer sein.
Das regionale Ergebnis all dessen? Es wird eine allmähliche Verlagerung hin zu einer multipolaren Sicherheitsordnung geben. Diese wird nicht mehr von der einstigen unipolaren Macht, der „Pax Americana“ kontrolliert werden. Der Einfluß der USA wird durch den Aufstieg von Großmächten – China, Rußland, Indien – grundsätzlich mehr umkämpft und in Frage gestellt.
Der Iran beweist unter dem Druck Widerstandsfähigkeit und wird dies auch weiterhin tun. Israel behält zwar seine taktische Überlegenheit, doch strategische Lösungen wird es nie geben. Das Worst-Case-Szenario ist, daß es zu einem regionalen Krieg mit nuklearem Risiko kommt. Direkte Konfrontationen und Angriffe werden jedoch kritische Infrastruktur und möglicherweise auch Nuklearanlagen zerstören. Es wird an Harmonie in Bezug auf die Verbindungen mangeln.
Der letzte Punkt in diesem Worst-Case-Szenario ist jedoch, daß die Sperrung der Straße von Hormus einen globalen wirtschaftlichen Schock auslösen wird. Wie wir sehen können, werden durch diese Meerenge praktisch 20% des weltweiten Öls verschifft. 20% der Ölversorgung laufen also über die Straße von Hormus, und das könnte eine sehr bedeutende Rolle in Bezug auf galoppierende Inflation, Unsicherheiten im Welthandel und vielem mehr spielen.
Nachdem ich somit versucht habe, die wesentlichen Auswirkungen dieses Krieges und die Gründe für seinen Ausbruch zu skizzieren, denke ich, das einzig vernünftige Ergebnis, das für alle von Vorteil sein sollte, sind friedliche Verhandlungen und wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.
Wir haben natürlich oft über den Oasenplan gesprochen und darüber, wie er praktisch zur Stabilisierung der internationalen Ordnung und des internationalen Systems beitragen könnte, wie er Anreize für wirtschaftliche Entwicklung und Produktion schaffen könnte, wie er bestimmte Verbindungen zwischen Akteuren der Weltwirtschaft fördern könnte, um gemeinsam auf Wohlstand und Aufschwung hinzuarbeiten, Wassermangel und Ölknappheit in den kommenden 20 Jahren zu bekämpfen und die Herausforderungen durch Nahrungsmittelknappheit und dergleichen zu bewältigen.
Der Oasenplan kann also zum Deeskalationsprozeß beitragen, indem er Anreize von Nullsummenkonflikten und -konfrontationen auf gemeinsamen wirtschaftlichen Gewinn durch regionale Großprojekte verlagert, insbesondere in den Bereichen Wasser, Energie und Infrastrukturentwicklung. Durch die Verbesserung der Lebensgrundlagen und die Förderung der Zusammenarbeit zwischen den Nationen können wir ein Klima der umfassenden Zusammenarbeit und gegenseitigen Abhängigkeit schaffen, während wir uns bemühen, uns wirtschaftlich, sozial, kulturell und politisch weiterzuentwickeln. Der Plan schafft tatsächlich praktische Grundlagen für Diplomatie und langfristigen Frieden.
Wir hoffen, daß dieser Krieg sehr bald endet, und wir hoffen, daß eine solche Beendigung des Krieges durch Verhandlungen, die Beilegung von Differenzen und die Berücksichtigung wirtschaftlicher und politischer Stabilität zustande kommt, was im Grunde bei jedem Land der Welt Anklang finden wird, und daß wir versuchen, die gewaltigen Herausforderungen der Umwelt und Herausforderungen durch Naturkatastrophen und dergleichen zu bewältigen. Durch wirtschaftliche Zusammenarbeit, politischen Dialog und Konfliktlösung könnten die Menschen Vereinbarungen treffen, um die Menschheit zu retten, das humanitäre Völkerrecht zu wahren und im Grunde versuchen, die neue soziale und politische Ordnung in die richtige Perspektive zu rücken.
Wir leben derzeit in einer sehr chaotischen Welt, und dieses Chaos ist das Ergebnis der Vorherrschaft einer neuen unipolaren Macht, der Vereinigten Staaten von Amerika. Seit ihrem Aufstieg zur unipolaren Macht nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion haben wir den Wandel vom Gleichgewicht der Kräfte hin zu einer unipolaren Macht erlebt. Und das hat regionale Konflikte, Instabilität und Unsicherheit ausgelöst.
Nun hoffen wir, daß dieser Irankrieg – der bedauerlicherweise mit hohen Risiken und Opfern verbunden ist, wie wir gesehen haben, und mit all der Zerstörung, die wir im Fernsehen sehen – den Beginn einer Ära der Harmonie und Versöhnung markiert, einer Ära mit einem multipolaren System, einer Ära mit einem Währungskorb, einschließlich Petro- und US-Dollar, einer Ära uneingeschränkter Zusammenarbeit statt Zwietracht; einer Ära, die ernsthaft versucht, das so lange ungelöste Problem zu lösen, das Palästinenserproblem.
Wir sind überzeugt, daß dies – natürlich aus einer optimistischen Sicht – der Beginn einer neuen Ära des Friedens und der Entwicklung sein kann. Und ich sage immer, daß es niemals Frieden, Entwicklung und Sicherheit im Nahen Osten geben wird, ohne daß die Palästinenser das Recht auf Selbstbestimmung erlangen und ihren unabhängigen palästinensischen Staat schaffen.
Ich denke, eine der Auswirkungen dieses Krieges ist, daß die Palästinafrage sichtbar in den Vordergrund rücken wird, und das allein wird praktisch Spannungen und Chaos verringern und alle Parteien – die arabische Welt, Europa, Südwestasien, Asien usw. – zusammenbringen, indem mehr oder weniger gute Wirtschafts- und Handelsbeziehungen gefördert werden, und im Grunde genommen wird das allein weltweit für ein sicheres Umfeld sorgen.
Vielen Dank.
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