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Neue Solidarität
Nr. 15-16, 9. April 2026

Der Iran im Fadenkreuz

Der wahre Grund für den Angriff auf den Iran ist dessen geostrategische Rolle

Von Stephan Ossenkopp

Stephan Ossenkopp, geboren 1969 in Hildesheim, lebt als Journalist, Übersetzer und Moderator in Berlin. Seine Interessenschwerpunkte sind u.a. strategische Analysen internationaler Beziehungen, Chinas Belt and Road Initiative und BRICS. Der folgende Beitrag erschien ursprünglich in seinem Blog „Die Multipolare Welt“.

Der Iran wurde vom Westen jahrzehntelang mit verheerenden Sanktionen belegt und als der größte Widersacher und Schurkenstaat verleumdet. Derzeit versuchen vor allem Israel und die USA, das Land durch schwerste kriegerische Verwüstungen zugrunde zu richten. Diese Barbarei läßt sich kaum allein mit den Motiven Kontrolle von Öl, Rohstoffen oder Urananreicherung bis hin zur angeblichen „demokratischen Befreiung” des Landes hinlänglich begründen. Es müssen tiefgreifendere und umfassendere Gründe für diese kontinuierlichen Bestrebungen, die Infrastruktur und Institutionen des Iran zu zerstören oder unter Kontrolle zu bringen, geben.

Aufschluß findet man in Irans strategisch-geographischer Position, seiner Bedeutung als langfristiger Partner Chinas und Rußlands, seiner Hinwendung zu den BRICS und zu einer „multizentrischen“ Ordnung des Globalen Südens – und nicht zuletzt seiner weit zurückreichenden Kultur und Zivilisation. Mit den BRICS-Ländern, denen der Iran 2024 beigetreten ist, will er explizit eine neue internationale Ordnung für kollektive Sicherheit und Entwicklung sowie ein Handels- und Finanzsystem aufbauen, von dem alle Nationen profitieren. Aus der Perspektive der globalen Hegemonialmacht, also der anglo-amerikanischen Elite, stellt der Iran ein Hindernis auf dem Weg zu mehr globaler Kontrolle dar – vor allem, wenn man die Kerninteressen Rußlands und Chinas direkt untergraben will.

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Der Internationale Nord-Süd-Verkehrskorridor verbindet Rußland durch den Iran mit Indien und den Anliegerstaaten des Indischen Ozeans.

Trotz seit langem von außen auferlegter Gewalt und Sanktionen ist die Bevölke­rung des Iran von kaum mehr als 15 Mil­lionen im Jahr 1950 auf heute 90 Millio­nen angewachsen. Auch die Lebens­erwartung ist im selben Zeitraum von unter 40 Jahren auf deutlich über 80 Jahre angestiegen. Der Anteil der Industrie­arbeitsplätze ist mit 35% recht hoch. Ohne auf westliche Technologiehilfe angewiesen zu sein, ist der Iran zu einem wichtigen Erdgasförderer und -ver­braucher aufgestiegen. Auch bei der Ölproduktion und den Raffinerie­kapa­zitäten gab es einen deutlichen Anstieg.

Die Exporte von Öl und Ölprodukten durch die Straße von Hormus gehen zu einem Drittel an China, zu einem weiteren Drittel an Indien, Südkorea und Japan und zu 15% an andere Staaten in Asien. Damit ist der Iran entgegen jeglicher Eindämmungsversuche zu einem der wichtigsten Exporteure von Energierohstoffen aufgestiegen. Die intendierte völlige Zerfleischung des Landes ist damit in dieser Hinsicht überwiegend mißlungen, so grausam die bisher eingesetzten Mittel auch gewesen sein mögen.

Knotenpunkt Iran

Die geographische Lage des Iran macht das Land zu einem wichtigen Knotenpunkt: Einerseits gibt es Landverbindungen zur Arabischen Halbinsel bis nach Afrika sowie über die Türkei nach Europa, andererseits nach Pakistan, Indien und über Afghanistan nach China, sowie über Turkmenistan nach Zentralasien. Da der Iran im Norden vom Kaspischen Meer und im Süden vom Persischen Golf und dem Arabischen Meer begrenzt wird, muß er passiert werden, wenn man einen effizienten Güterverkehr von West nach Ost und umgekehrt einrichten will. Und in der Tat hatte der iranische Eisenbahnminister wenige Wochen vor den jüngsten US-israelischen Angriffen die afghanische Hauptstadt Kabul besucht, um genau diese optimale Seidenstraßenverbindung Iran-Afghanistan-China zu diskutieren. Dieser südliche Zweig der eurasischen Landbrücke bzw. der Neuen Seidenstraße würde dem Iran eine Schlüsselposition beim Ausbau eurasischer Infrastrukturkorridore verleihen und ihm sämtliche Vorteile eines Drehkreuzes des globalen Land- und Seehandels verschaffen. Iranische Unternehmen würden zu gefragten Investitionsobjekten im Rahmen der Belt and Road Initiative (BRI) werden. Der Iran ist diesem Projekt auch bereits 2018 durch ein MoU beigetreten.

Andererseits stellt der Iran für Rußland via den Kaukasus die direkteste Verbindung zu den südlichen Meeren dar. Der Iran verfügt über eine Reihe von Häfen, wie Bandar Abbas und Chabahar, über die die bevölkerungsreiche und wachstumsorientierte Länder wie Indien und die Staaten der ASEAN in Südostasien erreicht werden können. Rußland investiert Milliarden und stellt dem Iran Kredite zur Verfügung, um diese Güterverkehrsachse auszubauen. Zuletzt hat auch Indien Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe in ein Terminal im Hafen von Chabahar getätigt.

Dieser sogenannte „Internationale Nord-Süd-Verkehrskorridor” ist für Rußland die wichtigste strategische Initiative, um den vormals nach Europa gerichteten Güterverkehr nach Asien umzuleiten. Rußland sucht nach neuen Absatzmärkten, da es den Handel und die politischen Beziehungen mit seinen ehemals wichtigsten europäischen Partnern vorerst ausgesetzt hat. Rußland verfolgt stattdessen nun die „Große Eurasische Partnerschaft”, in der alle Zivilisationen und regionalen Organisationen des Eurasischen Kontinents zu einem großen Kooperationsprojekt verknüpft werden sollen. Der Iran wird dabei explizit als einer der Stützpfeiler dieser Konzeption genannt.

Partner Rußland und China

Im Januar 2025 hatten Rußland und der Iran einen umfassenden strategischen Partnerschaftsvertrag für 20 Jahre abgeschlos­sen. Damit stellten sie die seit der Zeit Persiens und der Sowjetunion bestehenden – wenngleich wechselhaften – Beziehungen auf eine dauerhafte Basis konstruktiver Zusammenarbeit. Der Vertrag erstreckt sich auf politische, wirtschaftliche, kulturelle, wissenschaftliche, technische und auch militärische Gebiete. Rußland gehört zwar bislang nicht zu den größten Handelspartnern des Irans, doch sollte der Vertrag die Perspektive für die nächsten Jahrzehnte definieren.

Im Vergleich dazu ist die Zusammenarbeit zwischen dem Iran und China schon deutlich umfangreicher. China ist nach dem Irak Irans wichtigster Exportmarkt, vor allem für Energierohstoffe. 2021 hatten der Iran und China einen Vertrag über eine Laufzeit von 25 Jahren abgeschlossen, um gemeinsame Projekte im Handel, in der Infrastruktur und bei Rohstoffen zu intensivieren. Nach den Militärschlägen der USA auf iranische Kernforschungsanlagen im Juni 2025 hatte China seine Rohölimporte aus dem Iran sogar auf fast zwei Millionen Faß pro Tag hochgefahren.

Diese neue eurasische Vernetzung mit dem Iran als Drehkreuz ist dem außenpolitischen Establishment in Washington und London ein Dorn im Auge. Die Vorstellung, daß militärische Macht, Rohstoffreichtum und Hochtechnologie in einem strategischen Dreieck kooperieren, wie in diesem Fall zwischen Rußland, dem Iran und China, hatte dem Londoner Finanz-Establishment bereits schlaflose Nächte bereitet. Die Schaltstellen der Meinungsbeeinflussung westlicher liberaler Eliten, wie das Wochenblatt The Economist, hatten diese Konstellation bereits 2024 als „Stoff für Albträume” beschrieben. Wenn Eurasien ein Infrastruktur-, Rohstoff-, Energie-, Handels- und sogar Finanzsystem außerhalb der Kontrolle Londons und Washingtons aufbauen könnte, das nicht von ihren Sanktionen betroffen wäre, dann träte der Supergau für das Imperium ein.

Argwöhnisch betrachtete man, daß Irans Verteidigungsminister Nasirzadeh seine Amtskollegen von der Shanghai Cooperation Organisation (SCO) nach dem 12-Tage-Krieg im Juni 2025 im chinesischen Qingdao traf. Auch wenn die SCO kein Militärbündnis, sondern ein multilaterales Kooperationsforum für sicherheits- und entwicklungspolitische Angelegenheiten ist, kann man davon ausgehen, daß dort hinter den Kulissen alles versucht wird, damit der Iran angesichts der schwerwiegenden Angriffe nicht implodiert. Beim Gipfeltreffen der Staatschefs der SCO im chinesischen Tianjin im Oktober desselben Jahres erklärte Irans Präsident Peseschkian, die SCO repräsentiere „eine neue globale Sicherheits- und Entwicklungsordnung, die den Globalen Süden priorisiert.” Die SCO sei eine „tragende Säule der Multipolarität des internationalen Systems“.

Iran und BRICS

Auch wenn der Iran kein Gründungsmitglied der BRICS-Staatengruppe war, trat er am 1. Januar 2024 diesem auf Wirtschafts­kooperation ausgelegten Bündnis bei. Wenige Monate zuvor hatte der Iran seine diplomatischen Beziehungen mit Saudi-Arabien normalisiert – auf Vermittlung Chinas. Auch Saudi-Arabien hat sich der BRICS-Gruppe stark angenähert, gilt aber noch nicht als Vollmitglied.

Die BRICS-Staaten haben die Fähigkeit unter Beweis gestellt, Länder mit erheblichen geographischen, wirtschaftlichen und zivilisatorischen Unterschieden auf der Basis des Prinzips der friedlichen Koexistenz und der Kooperation zum gemeinsamen Vorteil zu vereinen. Zeitgleich mit dem Iran traten auch die Vereinigten Arabischen Emirate, Ägypten und Äthiopien den BRICS bei. Langfristig hätte sich dadurch ein Paradigma der wechselseitigen Anerkennung durchgesetzt, da aufgrund zunehmender Verflechtungen die Vorteile der wirtschaftlichen Kooperation in der gesamten Golfregion erkannt worden wären.

Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran, wie schon vorher gegen Palästina, den Jemen, Jordanien, Syrien usw., kann nur so gedeutet werden, daß jeglicher Brückenschlag zwischen den Nationen und Kulturen Südwestasiens verhindert werden soll. Chaos und die Verwüstung sind aus der Perspektive des Hegemons auf perverse Weise wünschenswerter, da er die verschie­denen Fraktionen gegeneinander ausspielen und seine eigene Position festigen kann: Divide et impera.

Wenn die gesamte Region wieder vom Abgrund zurücktreten und ihre Beziehungen Schritt für Schritt normalisieren will, müßten einerseits die Einflußsphären hegemonialer Eliten – sei es das britische Imperium in seiner historischen Rolle oder in seiner neuen Inkarnation als anglo-amerikanisches Empire – beseitigt werden. Dies betrifft insbesondere ihre Luftwaffenstützpunkte, Militärbasen und Camps.

Stattdessen sollten die gemeinsamen Interessen aller Staaten und Völker der Region durch einen vertrauenswürdigen multi­late­ralen Mechanismus und auch in der UN-Vollversammlung erörtert und festgeschrieben werden. Der kollektive Globale Süden, der die globale Mehrheit repräsentiert, sollte vermitteln, da der Westen jegliche Glaubwürdigkeit diesbezüglich eingebüßt hat.

Derzeit kursieren Vorschläge, daß die BRICS-Staaten als Repräsentanten etwa der Hälfte der Weltbevölkerung und mehr als 40% des globalen BIP die Vermittlerrolle übernehmen sollten. Ihre Glaubwürdigkeit, ihr wirtschaftliches Gewicht und ihre Tradition als nicht-hegemoniale, blockfreie Staaten könnten für die notwendige Vernunft und ein Ende der Gewalt sorgen. Das muß jedoch zusätzlich mit großen realwirtschaftlichen Aufbauprogrammen verknüpft werden, die die geografischen Nachteile der Region – die riesigen Sandwüsten und der generelle Mangel an Wasser- und Landwirtschaftsflächen sowie die fehlende moderne Infrastruktur – beseitigen und eine dauerhafte Entwicklungsdynamik erzeugen.

Eine jahrtausendealte Zivilisation

Des Weiteren muß ein interzivilisatorischer Dialog unter Einbeziehung des reichen kulturellen Erbes hergestellt werden. Diese Region war das Zentrum des islamischen Goldenen Zeitalters im achten und neunten Jahrhundert nach Christus. Damals wurde so viel Wert auf Bildung und Wissen gelegt, daß die Herrscher in Bagdad mit dem sogenannten „Haus der Weisheit” die größte Bibliothek des Weltwissens jener Zeit errichteten. Viele klassische Werke des Altertums wären verloren gegangen, wenn sie nicht gesammelt und ins Arabische übersetzt worden wären.

Der Iran zählt zu den ältesten kontinuierlich bestehenden großen Zivilisationen, die bis ins fünfte Jahrtausend vor Christus zurückreichen. Bereits zur Zeit der Islamisierung des Landes im siebten Jahrhundert erlebte die persische Literatur, Philosophie, Medizin und Kunst eine Blütezeit. Dieses Erbe wirkt bis heute spürbar nach. Die Menschen sehen sich als Träger einer mehr­tausendjährigen Zivilisation und ihr Land als Wegkreuzung zwischen den Kommunikationslinien großer Kulturen. Jegliche Verhandlungen über einen dauerhaften Frieden müssen nicht nur mit wirtschaftlicher Aussicht auf Prosperität, sondern auch mit einem fortan respektvollen Umgang miteinander einhergehen, der sich auf ihre großen Leistungen und Beiträge zur Universal­geschichte der Menschheit bezieht. Nur so können die tiefen Kriegswunden dauerhaft verheilen.

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