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Neue Solidarität
Nr. 15-16, 9. April 2026

Von Epsteins Casino zum Kriegsrat:
die Weltbürger als einziges Gegengewicht

Von María de los Ángeles Huerta del Río

Die folgende Rede hielt María de los Ángeles Huerta del Río am 2. März beim EIR-Krisenforum 2026 „Epstein und die grenzenlose Verderbtheit der ‚Eliten‘: Wir brauchen dringend eine kulturellen Renaissance!“ Frau Huerta del Rio ist ehemalige Abgeordnete des mexikanischen Kongresses.

Angesichts des derzeitigen Kriegszustands in der Welt stellt sich eine brennende Frage: Welchen Zusammenhang könnte es geben zwischen einer privaten Insel in der Karibik, wo Teenager gefoltert und vergewaltigt wurden, und den Raketen, die nun ganze Städte im Nahen Osten ins Visier nehmen?

Auf den ersten Blick keinen. Doch wenn wir genauer hinschauen, erkennen wir, daß es einen roten Faden gibt: eine Elite, die sich das Recht nimmt, alles zu besitzen – Körper, Territorien, Leben; ihnen gehört das Geld, ihnen gehört das Gesetz, ihnen gehört das Schweigen.

Der Fall Epstein offenbart den Verfall in seiner obszönsten Form: Prinzen, Präsidenten, Wissenschaftler, Banker – alle teilen sich denselben Keller. In Mexiko erhielten wir 2005 unsere erste Warnung. Der Fall Lydia Cacho deckte das gleiche auf: Netzwerke von Pädophilie und Kindesmißbrauch in ihrem ganzen monströsen Ausmaß; von Gouverneuren geschützte Unternehmer, mitschuldige Richter; „die Dämonen vom Garten Eden“ [Titel eines mexikanischen Dokumentarfilms über den Fall] in einem System, das die Opfer kriminalisierte und die Täter belohnte.

Die Geographie hat sich verändert und auch Mexiko hat sich verändert, doch nun sehen wir am Fall Epstein, daß sich zwar die Namen ändern, die Machtstruktur der neofaschistischen Pädophilen aber die gleiche ist: grenzenloses Geld, grenzenlose Macht und grenzenlose Straffreiheit.

Wir sehen dieselben Netzwerke mit erweiterten, aufgedeckten „Geschäften der Macht“. Und eben diese Struktur ist es, die uns heute an den Rand des Abgrunds bringt, denn die Eliten, die sich das Recht nehmen, die Körper anderer Menschen zu besitzen, nehmen sich auch das Recht, die Territorien anderer Menschen zu besitzen. Es sind dieselben Militärisch-Industriellen Komplexe, dieselben Waffenlobbys, dieselben Denkfabriken, die Konsens für den Krieg schaffen. Dieselben Banken in Steueroasen. Dieselbe Logik: die Welt ist ihr Eigentum, und wir sind bloß Pächter mit mehr oder weniger Überlebenschancen.

Warum ist es so schwierig, einen Sexualstraftäter von Macht und Einfluß vor Gericht zu bringen? Weil er Netzwerke hat, die ihn schützen. Prinz Andrew von England genoß mehr als 20 Jahre lang direkten Schutz durch die britische Krone. Donald Trump wird weiter von den finstersten Kräften des amerikanischen Staates geschützt.

Warum ist es so schwierig, einen Krieg zu beenden? Weil dieselben Netzwerke davon profitieren. Das ist kein Zufall. Wir wissen heute mit absoluter Klarheit, daß Straffreiheit bei sexuellem Mißbrauch und Straffreiheit im Krieg denselben Ursprung haben.

Und da ist noch etwas Tieferes, das in diesen Analysen oft außer acht gelassen wird. Es ist die Frage, die sich heute vielleicht jedermann stellt. Denn Epsteins Elite, die Elite des Krieges, handelt nach einem ganz bestimmten Menschenbild. Menschen als Objekte, als Wegwerfware, als Spielfiguren, die nach Bedarf auf dem Brett herumgeschoben oder herausgekickt werden. Das ist die Philosophie der Ausbeutung.

Angesichts dessen wird jede Reaktion unvollständig bleiben, die kein besseres Menschenbild wiederherstellt. Deshalb müssen wir ein gegensätzliches Konzept aufstellen: Menschen als Schöpfer, als Träger von Würde, als moralische Wesen. Keine naive Moral, sondern eine lebendige Ethik, die Grenzen setzt, wo die Macht keine anerkennen will. Genug ist genug. Die Menschheit muß einen Weg finden, zu sagen: „Genug ist genug!“

Diese Unmöglichkeit, die wir als Weltbürger bisher hatten, ist vielleicht einer der großen Mängel unserer gegenwärtigen Kultur. Wir haben die Sprache verloren, um zu benennen, was uns menschlich macht. Und ohne diese Sprache bleibt jeder Kampf bei Gesten, bei Parolen, bei Feuerwerken, die nichts verbrennen.

Wir müssen den Moment, in dem wir heute leben, klar erkennen. Lassen wir uns nicht ablenken. Was wir erleben, ist keine Abfolge isolierter Krisen. Es ist die Vorkriegssituation eines Weltkriegs. Die Mächte messen sich, die Blöcke stehen unter Spannung, die Kriegsrhetorik wird zur Normalität. Der Nahe Osten ist ein Pulverfaß mit kurzer Zündschnur. Die Ukraine ist ein Testfeld. Die Taiwanstraße ist ein ständiger Brennpunkt.

Und hinter jeder Spannung, jeder Rakete, jeder Bombe stehen dieselben Nutznießer: die Waffenhändler, die Energiebarone, diejenigen, die schon immer vom Tod von Menschen profitieren; dieselben Leute, die Epstein geschützt haben; dieselben Leute, die in jedem vergleichbaren Fall wie dem von Lydia Cacho überall auf der Welt Schweigen erkauft haben. Krieg und Unmoral sind dasselbe Geschäft in unterschiedlicher Verpackung.

Angesichts dieser schrecklichen globalen Situation erheben wir in Mexiko unsere Stimmen und wollen fünf Vorschläge für ein Netzwerk der Weltbürger unterbreiten. Wenn es ein globales Netzwerk der Straflosigkeit gibt, dann brauchen wir ein globales Netzwerk der Würde. Kein Alibi-Netzwerk, das sich nur trifft, um Manifeste zu unterzeichnen, sondern ein Netzwerk mit echter Wirkung.

Wie?

Was wir im Süden, in Mexiko, gelernt haben, ist etwas, das für die ganze Welt nützlich sein kann: Veränderung ist möglich, wenn sich Bürgerinnen und Bürger organisieren und nicht aufgeben. Jahrzehntelang agierten Pädophilen-Netzwerke in völliger Straffreiheit. Doch Bürgerorganisationen, die feministische Bewegung, Suchkollektive und unermüdlicher Druck haben diesen Pakt des Schweigens gebrochen. Nicht weil das System gut geworden ist, sondern weil die Bürger unbestechlich geworden sind. Dieselbe Kraft brauchen wir auf globaler Ebene, um die Kriegsmaschinerie zu stoppen.

Dieser Tag ist ein Ausgangspunkt. Der Fall Epstein und jeder Fall wie der von Lydia Cacho ist kein Schnee von gestern. Sie sind der Spiegel, in dem die Macht sich selbst betrachtet, wenn sie glaubt, niemand schaue zu. Und dieselbe Macht spielt nun mit der Möglichkeit eines Krieges, der uns von der Landkarte tilgen könnte.

Deshalb darf dieses Treffen nicht nur eine weitere Konferenz sein. Es muß der Ausgangspunkt für ein globales Netzwerk der Interessenvertretung der Bürger sein – ein Netzwerk, das nicht nur anprangert, sondern auch handelt. Das nicht nur Solidarität zeigt, sondern auch organisiert. Das nicht nur auf das Spielbrett starrt, sondern auch die Figuren bewegt.

Das Monster ist global. Aber wir können es auch sein. Und wir sind in der Überzahl. Wir sind diejenigen, die überzeugt sind, daß kein Kind mißbraucht oder ausgebeutet werden sollte. Wir sind diejenigen, die überzeugt sind, daß kein Krieg unvermeidlich sein darf. Wir sind diejenigen, die ein Konzept der Menschlichkeit verteidigen, das sich der Ausbeutung widersetzt – Menschen als Schöpfer, nicht als Zerstörer. Wir sind Weltbürger. Und die Zeit ist gekommen, als solche zu handeln.

Vielen Dank an alle, an das Schiller-Institut, an unsere liebe Helga für diese Arbeit und für die Initiative. Die Zeit, gemeinsam zu handeln und diese großartigen Bemühungen zu unterstützen, ist jetzt oder nie.

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