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Neue Solidarität
Nr. 47, 24. November 2022

Was ein Atomkrieg bedeuten würde

Von Steven Starr

Danke, daß Sie mich vorgestellt haben, Diane (Sare). Es ist mir eine Ehre, hier zu sein. Ich fühle mich geehrt, bei all Ihren Gästen zu sein, und ich unterstütze Ihre Kandidatur voll und ganz. Ich würde gerne darüber sprechen, was ein Atomkrieg bedeuten würde. Ich werde versuchen, mich so kurz wie möglich zu halten.

Grafik: Steven Starr
Abb. 1: Explosion eines 800-Kilotonnen-Spreng­kopfs in ca. 80 km Ent­fernung.
Abb. 2: Wirkungsradius eines 800-Kilotonnen-Sprengkopfs, der über Manhattan eingesetzt wird: Der Großraum New York-New Jersey wäre weitgehend zerstört.
Abb. 3: Lagezentrum des Nordamerikanischen Luft- und Raumfahrt­kommandos (NORAD)
© NORAD

Die USA und Rußland können jeweils 800-1000 strategische Atom­spreng­köpfe innerhalb eines Zeitraums von etwa 5 bis 15 Minuten starten. Dabei handelt es sich nicht um Sprengköpfe wie die Hiroshima-Bombe, die etwa 15 Kilotonnen oder 15.000 Tonnen TNT hatte. Diese Sprengköpfe sind 7-50 mal größer. So hat etwa die Hälfte der startbereiten russischen Atomwaffen eine Sprengkraft von 800.000 Tonnen TNT, also 800 Kilotonnen. Ein einziger Sprengkopf, der über New York City detoniert, würde an einem durch­schnitt­lichen Tag einen nuklearen Feuersturm auslösen, der 150 Quadratmeilen (fast 400 km²) umfassen würde. Niemand innerhalb dieses Feuersturms würde überleben.

Abbildung 1 ist ein Bild einer großen thermonuklearen Waffe, die der entspricht, die in einem Atomkrieg zwischen den USA und Rußland gezündet würde, aus einer Entfernung von 50 Meilen (80 km). Das ist ein Bild des von mir erwähnten Feuersturms.

Ich habe das Bild über New York City platziert, um den Menschen dort eine Vorstellung davon zu geben, wie groß das Gebiet ist, das ein nuklearer Sprengkopf verwüsten würde (Abbildung 2). Wahrscheinlich würden auf eine Stadt wie New York mehrere Nuklear­spreng­köpfe abgefeuert. Die USA und Rußland haben nur ein paar hundert Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern, sie haben dafür also genügend Sprengköpfe zur Verfügung.

Diese abschußbereiten Sprengköpfe würden in erster Linie von Interkontinentalraketen (ICBMs) stammen; das sind landgestützte Raketen, die von den USA nach Rußland oder von Rußland in die USA etwa 30 Minuten Flugzeit brauchen. Es gibt aber auch U-Boot-gestützte ballistische Raketen, und wenn diese U-Boote vor der Küste Rußlands oder der USA geparkt sind, können sie Ziele in nur 7-10 Minuten treffen.

Ein Start würde hier vom Nordamerikanischen Luft- und Raumfahrtkommando (NORAD, Abbildung 3) entdeckt werden. Auf dem Bild ist zu sehen, wo es sich befindet: tief in einem Berg vergraben. Sie üben rund um die Uhr die Vorbereitung auf einen Atomkrieg.

Was werden sie tun, wenn sie einen Start entdecken? Nun, die USA und Rußland verfolgen schon seit geraumer Zeit eine Politik des sogenannten „Start bei Warnung“ (Launch on warning). Das bedeutet, wenn ein Frühwarnsystem einen Atomschlag entdeckt, wird ein Vergeltungsschlag ausgelöst, noch bevor der ursprüngliche Schlag eintrifft – noch während die feindlichen Raketen in der Luft sind und bevor eine nukleare Detonation erfolgt.

Ein Fehlalarm würde also, wenn man ihn für wahr hält, den Vergeltungsschlag zu einem nuklearen Erstschlag machen – mit anderen Worten, ein unbeabsichtigter Atomkrieg. Es hat in der Vergangenheit viele Male Fehlalarme gegeben, aber wenn die politischen Spannungen niedrig sind, ist es weniger wahrscheinlich, daß man es für echt hält. Doch im Moment ist das anders.

Die Flugzeiten der Raketen geben vor, wieviel Zeit für die Anordnung eines nuklearen Gegenschlags zur Verfügung steht. Der Präsident muß einen Vergeltungsschlag anordnen, der es seinen Raketen ermöglicht, zu starten, bevor die ankommenden Atomsprengköpfe sie zerstören. Es dauert mindestens ein paar Minuten, bis die Frühwarnsysteme eine Angriffswarnung ausgeben. Die Mitarbeiter von NORAD haben die Aufgabe, innerhalb von drei Minuten eine Warnung zu geben. Und bei einem Raketenangriff durch U-Boote vor der Küste bleiben nur wenige Minuten Zeit, um den Präsidenten zu kontaktieren. Wenn man vom Start bis zum Einschlag 7-10 Minuten Zeit hat, bleibt nicht viel Zeit, um die Situation zu bewerten, eine Notkonferenz abzuhalten und zu überlegen, was zu tun ist. Sie haben drei Minuten Zeit, um einen solchen Angriff zu erkennen und zu bestätigen.

Dann wird der Präsident im Sitzungssaal kontaktiert, wenn er sich im Weißen Haus befindet, oder über eine sichere Leitung, wenn er sich im Ausland befindet. Bei einem U-Boot-Angriff hätte er vielleicht 30 Sekunden Zeit für eine Konferenz, in der man ihm mitteilt, was vor sich geht und welche Möglichkeiten er hat, Vergeltung zu üben. Nehmen wir an, er gibt in diesem Moment den Befehl zum Abschuß. Es dauert 2-3 Minuten, den Startbefehl zu erteilen und zu übermitteln, und es dauert etwa zwei Minuten, bis die ICBM gestartet ist und sich aus der Gefahrenzone entfernt hat. Für den Start einer U-Boot-Rakete werden etwa 15 Minuten benötigt. Aber was ist, wenn der Alarm falsch war?

Wie bereits erwähnt, hat der Präsident, wenn er nicht im Weißen Haus ist, immer den Nuklearkoffer dabei, und es dauert etwa eine Minute, bis der den Befehl zum Start gibt. Es ist ein automatisches Kommunikationsgerät, das den Präsidenten mit der nationalen Kommandobehörde verbindet.

Abb. 4: Rußlands Nuklearstreitkräfte werden von der German-Titow-Kommandozentrale in Krasnosnamensk aus gesteuert.
Grafik: Luke Oman
Abb. 5: Ausbreitung von lichtabsorbierendem Rauch in der Stratosphäre zwei Wochen nach einem Atomkrieg: in der nördlichen Hemisphäre würden 70%, in der südlichen 35% des Sonnenlichts absorbiert, die Temperaturen lägen drei Jahre lang unter dem Gefrierpunkt.

Die nächste Abbildung (Abbildung 4) zeigt, wie es in Rußland aussähe, wenn sie dort einen Angriff feststellen. Das ist ihr Gegenstück zu NORAD. Dazu wollte ich erwähnen, daß das russische Militär einen Abschußbefehl erteilen kann, der alle unteren Kommandoebenen übergeht. Sie sind innerhalb von zehn Minuten einsatzbereit, und nicht nur der Präsident, sondern auch der Verteidigungsminister und der amtierende Generalstabschef haben einen nuklearen Aktenkoffer. Sie alle können den Befehl erteilen. Die Russen können entweder die gleichen Abschußprozeduren benutzen wie die Amerikaner, oder sie können einen Fernstart anordnen. Sie können einen Knopf drücken und alle untergeordneten Befehlsketten und Raketenstartmannschaften außen vor lassen. Wenn eine Rakete auf Moskau zuzusteuern droht, haben sie vielleicht sogar weniger als sieben Minuten Zeit, daher haben sie ihre Antwort zeitlich optimiert. Sobald ihre Raketen gestartet sind, können sie nicht mehr zurückgerufen werden.

Die letzte Abbildung stammt von einem Wissenschaftler, der in einer von Experten begutachteten Studie untersucht hat, was im Falle eines Krieges passieren würde (Abbildung 5). Jeder Klick ist ein Tag. Der Rauch von nuklearen Feuerstürmen steigt in die Stratosphäre auf. Ein 800-Kilotonnen-Sprengkopf erzeugt einen Feuersturm mit einer Reichweite von 150 Meilen, so daß 500 dieser Sprengköpfe wahrscheinlich 50.000 Quadratmeilen (130.000 km²) an nuklearen Bränden erzeugen würden. Die Wissenschaftler schätzen, daß dann 70% des Sonnenlichts in der nördlichen Hemisphäre und etwa 35% in der südlichen Hemisphäre die Erdoberfläche nicht mehr erreichen könnten. Der Rauch befindet sich oberhalb der Wolken, kann nicht abregnen und würde etwa zehn Jahre lang in der Stratosphäre verbleiben.

In den ersten ein bis drei Jahren würden die Tagestemperaturen im zentralen Nordamerika und Eurasien unter dem Gefrierpunkt liegen. Es würde mindestens zehn Jahre dauern, bis das Wetter warm genug für den Anbau von Feldfrüchten wäre, so daß die meisten Menschen und Tiere verhungern würden.

Ich denke, mehr müssen Sie heute gar nicht sehen.