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Neue Solidarität
Nr. 23, 10. Juni 2021

Die Methode des Zusammenfalls der Gegensätze

Nur eine vereinte, weltweite Gesundheitsanstrengung ohne Sanktionen kann die Pandemie besiegen

Von Helga Zepp-LaRouche

Guten Abend, oder guten Nachmittag für einige von Ihnen. Wie wir im ersten Panel diskutiert haben, steht die Welt am Rande eines möglichen Krieges, und es ist nicht so klar, wo die Lösung liegt. Es wurde auch breit darüber diskutuíert, warum die Vereinten Nationen sehr wichtig sind, da für sie derzeit keine Alternative besteht. Aber auch, dass man nach der jetzigen Charta nicht wirklich verhindern kann, dass eines der Ständigen Fünf Mitglieder des UN-Sicherheitsrates Maßnahmen blockiert, was im Moment zum Nachteil vieler Länder ist, wie die, die von den Sanktionen betroffen sind.

Die Frage ist also: Was ist zu tun? Gibt es eine Lösung? Sind wir als menschliche Gattung dazu verdammt, immer wieder die gleichen Fehler zu wiederholen? In den Ersten Weltkrieg sind wir schlafgewandelt; der Zweite Weltkrieg war sozusagen eine logische Folge des Ersten Weltkriegs, weil er nicht durch eine Friedensordnung gelöst wurde. Denn der Versailler Vertrag war absolut keiner, der hätte funktionieren können.

Sind wir dazu verdammt, in einen Dritten Weltkrieg zu ziehen, den nach allem, was wir darüber wissen, und nach der Natur der Atomwaffen vielleicht niemand überleben würde und die menschliche Gattung aufhören würde zu existieren? So haben sich mehrere Leute geäußert - Armageddon, totale Katastrophe, Ende des Lebens, wie wir es auf diesem Planeten kennen. Diese Formulierungen wurden in der letzten Zeit von vielen verwendet.

Die Methode aller Imperien ist das Teile und Herrsche, das Schüren geopolitischer Konflikte, um ein Land gegen das andere auszuspielen, und sie dann wie auf einem Schachbrett zu manipulieren. Das ist Brzezinskis „Großes Schachspiel“ (dt. Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft), die Strategie zur Niederlage Russlands. Gibt es einen anderen Weg, als auf den eigenen Interessen gegen die Interessen der anderen zu bestehen? Oder gibt es eine Methode des Denkens, wie man eine scheinbar unmögliche Situation überwinden kann?

Wir haben auf den Konferenzen des Schiller-Instituts und an anderer Stelle mehrfach über den Unterschied zwischen Aristoteles und Platon diskutiert. Aristoteles sagt im Grunde, wenn etwas A ist, kann es nicht B sein; dieser Widerspruch sei unüberwindbar. Platon hat schon mit seiner Konzeption der höheren Hypothese, oder der Hypothese der höheren Hypothese einen Weg aufgezeigt, wie der menschliche Geist auf eine höhere Ebene springen und durch einen Veränderungsprozeß Lösungen neu definieren kann.

Nikolaus von Kues, und das war das Thema einer der vorangegangenen Konferenzen, hat die Methode des „Zusammenfalls der Gegensätze“ entwickelt, das ist die Idee, dass der mit Kreativität ausgestattete menschliche Geist für jedes Problem immer eine ganz neue Lösungsebene definieren kann, eine höhere Ebene als die, auf der der Konflikt entstanden ist. Denn das Eine ist von höherer Ordnung als das Viele.

Das war auch das, was Einstein gesagt hat: Man darf nie versuchen, ein Problem auf der Ebene zu lösen, auf der es entstanden ist. Man muß eine neue Konzeption finden, eine mächtigere Konzeption.

Cusanus, Nikolaus von Kues, entwickelte die Idee, dass Harmonie im Makrokosmos nur existieren kann, wenn sich alle Mikrokosmen entwickeln. Es spielt dabei keine Rolle, ob dieser Mikrokosmos ein Mensch oder eine Nation ist, sondern dass Harmonie dadurch erreicht werden kann, dass man die maximale Entwicklung des anderen Mikrokosmos als sein Eigeninteresse ansieht und umgekehrt. Und dass dann die Entwicklung all dieser Mikrokosmen ein Prozess der Vervollkommnung ist, bei dem, je mehr Entwicklung im anderen Mikrokosmos bewirkt wird, desto mehr dieser auf einen zurückwirkt und umgekehrt. Auf diese Weise ist es ein Prozess der Entwicklung zu höheren Ebenen. Eine ähnliche Konzeption finden Sie bei Leibniz und seiner Idee der Monaden, auf die ich hier jetzt nicht näher eingehen möchte.

Aber ich möchte einiges darüber sagen, wie Nikolaus von Kues zu dieser wirklich revolutionären Denkweise kam. Er war sich dessen sehr bewußt; er sagte, ich schlage eine Denkweise vor, die noch nie zuvor von einem Menschen gedacht worden ist, und es ist eine völlig neue Art, an die Dinge heranzugehen.

Diese Idee kam Nikolaus auf einer Schiffsreise von Byzanz, Konstantinopel, nach Italien auf dem Weg zu den Konzilen von Ferrara und Florenz. Er sagte, ganz plötzlich hatte ich einen Gedanken, der von oben kam, von Gott, eine göttliche Eingebung. Dann entwickelte er die Idee der Koinzidenz von Gegensätzen im Denken.

Es ist ganz offensichtlich, dass dies Cusanus' Denken sein ganzes Leben lang beeinflusst hat. Denn etwas später, als Konstantinopel unterging, war dies die letzte Schlacht, die über das Schicksal des byzantinischen Reiches entschied. Es war eine ziemlich blutige Schlacht. Mehmet II., ein junger osmanischer Herrscher, hatte sich in den Kopf gesetzt, Konstantinopel zu erobern. Er bereitete sich gut darauf vor; er baute eine riesige Armee von 150.000 Soldaten auf, mit einer großen Flotte. Daran arbeitete er etwa zwei Jahre lang. Die Vorbereitungen waren getroffen, er hatte ein ganz ausgeklügeltes System zum Bau von Tunneln, zum Bau verschiedener Flanken.

Der Verteidiger von Konstantinopel, Konstantin XI., konnte die anderen christlichen Streitkräfte nicht wirklich zur Unterstützung mobilisieren. Er hatte nur etwa 40.000 Mann, und er war in einer verwundbaren Situation. Ich erspare Ihnen alle die sehr interessanten Aspekte, wie es dazu kam, aber letztendlich fiel Konstantinopel nach heftigen Kämpfen. Die Türken stürmten in die Stadt, und man sagte ihnen, sie könnten die Stadt drei Tage lang in Besitz nehmen, und alles, was sie plündern, würde ihnen danach für immer gehören.

Da Menschen verhielten sich dann natürlich wirklich so, wie sich Menschen unter solchen Umständen verhalten. Und es muss ziemlich brutal gewesen sein, es ist viel Blut geflossen, viele Menschen wurden getötet. Viele Frauen wurden verschleppt und zu Sklavinnen gemacht. Es war eine absolute Katastrophe, eine Horrorshow, wie ein früher Kampf der Kulturen zwischen dem abendländischen Christentum und der orientalisch-muslimischen Welt. Es gab Horrorgeschichten über das, was passiert ist.

Unter dem Eindruck dieser absoluten Horrorgeschichten - Tausende verloren ihr Leben – wandte Nikolaus von Kues die Methode der Koinzidenz der Gegensätze an und schrieb einen wunderschönen Dialog über Frieden und Glauben, De Pace Fidei. Er sagte, nachdem wir all diese Horrorgeschichten über Konstantinopel gehört haben, müssen wir einen Weg finden, dies zu lösen.

Also entwirft er einen sokratischen Dialog, in dem 17 Vertreter verschiedener Nationen und Religionen zu Gott gehen und sagen: „Schau, Logos, du mußt uns helfen, denn wir alle töten uns gegenseitig in Deinem Namen, und das kann nicht Deine Absicht sein. Kannst Du uns nicht einen Rat geben, was wir tun sollen?“

Dann spricht Gott zu allen, den Syrern, den Italienern und zu den verschiedenen Religionen. Er sagt: „Ihr alle seid Vertreter der Philosophie, ihr liebt die Wahrheit, denn ihr seid Philosophen in eurem eigenen Land und ihr werdet dafür respektiert.“

Sie alle sagen: „Ja, ja, wir sind Philosophen, das ist richtig. Aber was machen wir? Wir bekämpfen uns immer noch gegenseitig. Kannst du uns helfen?“

Und Gott sagt: „Nun, ja. Als Philosophen wisst ihr, dass es nur eine Wahrheit gibt. Und der Fehler, den ihr macht, ist, dass ihr die eine Wahrheit, die von Gott kommt, mit den vielen Interpretationen verwechselt, die von den Propheten gemacht wurden.“

Sie sagen: „Ja, wir sehen, dass die Wahrheit Gottes eine höhere Wahrheit sein muss als die Auslegung der Propheten. Aber das ist nicht genug; kannst du uns trotzdem helfen?“

Dann sagt Gott: „Ja, und ihr macht den anderen Fehler, dass ihr diese eine göttliche Wahrheit mit der Tradition verwechselt. Jeder von euch hat verschiedene Traditionen, und sie scheinen sich zu widersprechen, aber die Wahrheit ist nur eine.“

Da sagen sie: „Das alles macht Sinn, aber du kannst nicht von uns verlangen, dass wir zu unserem Volk zurückgehen und ihm sagen, dass es einer neuen Religion folgen solle, wo doch so viel Blut für die alte vergossen wurde.“

Dann sagt Gott: „Nein, ich spreche nicht von einer neuen Religion. Ich spreche von der einen Religion, die über den Religionen steht; ich spreche von der Religion, die vor allen Religionen steht.“

Dem stimmten sie zu, und sie konnten sehen, dass es nur eine Wahrheit, einen Gott und eine Religion gibt.

Als ich vor vielen Jahren diesen Dialog untersuchte, fragte ich mich: „Ergibt das einen Sinn? Kann man eine Ähnlichkeit in den verschiedenen Religionen bezüglich dieses Konzepts finden? Und ich schaute mir verschiedene Philosophien an, wie den Konfuzianismus, den Hinduismus, das Christentum; und in der Tat, ich fand, dass man in jeder von ihnen ein Prinzip hat, das diesem Dialog und dieser einen Wahrheit entspricht. Das ist die Gesetzmäßigkeit des Universums, der Schöpfung Gottes. Im Christentum nennt man es Naturgesetz. Im Konfuzianismus Kosmologie oder das Mandat des Himmels. Im Hinduismus spricht man auch von Kosmologie, aber man nennt es Sanatana Dharma, diesen göttlichen Funken, der in jedem von uns steckt.

Es scheint mir also, dass die Frage, ob die Menschheit als Gattung überleben wird oder nicht, ob wir uns selbst ausrotten werden oder nicht, vollständig von der Frage abhängt, ob wir es vermeiden können, diesem imperialen Denken des „Teile und Herrsche“ zum Opfer zu fallen – dass wir uns entweder in diesem oder jenem Lager befinden, das dem anderen Lager feindlich gegenübersteht? Oder können wir irgendwie in uns und in anderen die Qualität der inneren Selbstentfaltung im Zusammenhalt mit der Gesetzmäßigkeit der Schöpfung des Universums hervorrufen?

Es scheint mir, dass diese Methode jetzt unbedingt angewendet werden muss. Ich denke, dass wir bei der Frage, die geopolitische Konfrontation zu überwinden, oder wie man die Spaltungen der Identitätspolitik überwindet, diesen inneren Mechanismus finden müssen, diese innere Idee, die uns alle zu Menschen macht, die zu der einen menschlichen Gattung gehören.

Mir scheint, dass wir angesichts der Pandemie und der Tatsache, dass wir uns in einer unglaublichen Krise befinden – einer moralischen Krise, einer politischen, medizinischen, militärischen Krise, einer Wirtschaftskrise, einer Finanzkrise –, dass wir irgendwo anfangen müssen, indem wir das ansprechen, was uns alle menschlich macht, und das ist die Heiligkeit jedes menschlichen Lebens auf diesem Planeten.

Ich denke, der entscheidende Hebel, um die Situation zu verändern, ist die Schaffung eines Weltgesundheitssystems, die Schaffung eines modernen Gesundheitssystems in jedem einzelnen Land, denn ohne das werden wir diese Pandemie nicht besiegen können. Denn in den Ländern, denen nicht geholfen wird, werden sich neue Virenstämme entwickeln, die alle Anstrengungen zunichte machen könnten, die wir mit den Impfungen in den Ländern unternommen haben, die mehr Glück hatten, sie anwenden zu können.

Ich denke, dass die Idee, eine bessere Welt zu schaffen, und ich meine wirklich eine bessere Welt, darin besteht, in jedem Land ein Gesundheitssystem zu schaffen; was natürlich bedeutet, daß die Sanktionen beseitigt werden müssen. Wir müssen ein Gesundheitssystem in Syrien, im Jemen, im Irak, in Haiti, in Mali, im Niger, in allen Ländern aufbauen. Ich glaube, dass wir dazu in der Lage sind, weil ich glaube, dass die Menschen das Potential haben, menschlich zu sein, und das ist es, worum es uns geht.