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Neue Solidarität
Nr. 13-14, 1. April 2021

Warum Poesie und Musik die Parteilichkeit überwinden müssen

Von Helga Zepp-LaRouche

Helga Zepp-LaRouche eröffnete die Internetkonferenz des Schiller-Instituts am 20. März mit dem folgenden Vortrag unter dem Titel „Endet die Menschheitsgeschichte in einer Tragödie, oder wird sie mit einem neuen Paradigma weitergehen?“

Hallo, ich grüße Sie überall auf der Welt, wo immer Sie jetzt gerade sitzen. Es ist mir eine Freude, zu Ihnen zu sprechen.

Als wir den Titel der Konferenz wählten, „Die Welt am Scheideweg: zwei Monate unter der neuen US-Regierung“, hatten wir mit Turbulenzen gerechnet. Dennoch ist es unheimlich, wie vorausschauend diese Worte waren. Daß ein amtierender US-Präsident den russischen Präsidenten einen Mörder nennt, wie es Präsident Biden in einer ABC-Fernsehsendung tat, bricht ein Tabu. Es war eine Fangfrage von [dem Interviewer] Stepanopoulos, aber sie hat funktioniert. Glücklicherweise bewies Präsident Putin guten Humor, indem er Biden zu einer Live-Internetdebatte einlud, „vielleicht am Freitag oder Montag“, weil er vorher übers Wochenende in die Taiga fahren wolle, und ihm ansonsten gute Gesundheit wünschte.

Dennoch, wenn der Präsident des mächtigsten Landes, das 5800 Atomsprengköpfe hat, so etwas über den Präsidenten Rußlands sagt, das 6375 Atomsprengköpfe hat (Stand Januar 2020), dann zeigt das, in welcher Gefahr wir uns befinden.

Wenn man die Vielzahl der jüngsten Äußerungen und Militärdoktrinen betrachtet, die Rußland und China immer mehr als strategische Rivalen, Gegner und Feinde definieren, sieht es so aus, als befänden wir uns im vierten oder fünften Akt einer globalen Tragödie, die sich schnell dem nähert, was Schiller den „Punctum saliens“ nannte: den Punkt im Drama, an dem alle vorherigen Entwicklungen zu einem Moment der Entscheidung zusammenkommen, an dem es vom Charakter, der Vision und den Handlungen der Hauptdarsteller auf der Bühne abhängt, ob sie eine Lösung auf einer höheren Ebene finden können, ob sie auf ein neues Paradigma auf einer höheren Ebene des Denkens zugreifen können und dem tragischen Ausgang entgehen, oder ob sie die Logik der fehlerhaften Axiome ausspielen und das Drama als Tragödie endet.

Lyndon LaRouche hat in einem Artikel in EIR vom 9. November 2007 unter dem Titel „Die Macht der Tragödie“1 etwas Erstaunliches gesagt, was den Grund betrifft, warum wir uns entschieden haben, das erste Panel diesmal der Notwendigkeit einer Renaissance der Klassik zu widmen. Denn gerade in den größten klassischen Kunstwerken findet man das Niveau des Denkens, das man braucht, um mit dieser Krise umzugehen. LaRouche wies darauf hin, daß man seit Wladimir Wernadskij und Albert Einstein um die Aufteilung des Universums in streng definierte Phasenräume weiß – das Abiotische, die Biosphäre und die Noösphäre –, daß es aber noch einen vierten, allgemeinen Phasenraum gibt, der „die Ebene der klassischen Tragödie, der physikalischen Wissenschaft, der klassischen künstlerischen Komposition und das Thema der Staatskunst, wie es Aischylos, Platon, Shakespeare, Lessing und Schiller kannten, zu einem einzigen Gegenstand vereint. Dieser vierte Phasenraum ist die wahre Substanz der Geschichte.“ Wenn die Menschheit eine Lösung für die vielen gegenwärtigen existentiellen Krisen finden will, dann müssen die politischen Führer auf allen Ebenen der Gesellschaft auf das Denken dieses vierten Phasenraums zugreifen!

Die Menschheit am Punctum saliens

Die russische Reaktion auf Bidens Bemerkung zeigt, sie sehen, daß wir uns an einem solchen Punctum saliens befinden. Konstantin Kossatschow, stellvertretender Sprecher des russischen Föderationsrates, nannte es eine Bruchlinie: „Diese rüpelhaften Bemerkungen haben alle Erwartungen, daß die neue Administration eine neue Politik gegenüber Rußland verfolgen wird, zunichte gemacht.“ Und mit echtem Zorn: „Diese Bemerkungen kommen vom Präsidenten eines Landes, das alle zwölf Minuten irgendwo auf der Welt eine Bombe abwirft, wodurch seit 2001 mehr als 500.000 Menschen im Zusammenhang mit US-Aktionen ums Leben gekommen sind. Könnten Sie das kommentieren, Mister Biden?“

Es ist erschreckend, wie sich diese Krise in den letzten Jahren aufgebaut hat, so gut wie ohne Bewußtsein in der Öffentlichkeit, ohne öffentlichen Diskurs, ohne Debatte unter Intellektuellen, geschweige denn in den Parlamenten, Schritt für Schritt, dem Abgrund entgegen.

Im Bereich der Militärdoktrinen gab es mit der Veröffentlichung der US National Security Straetgy (NSS) im Dezember 2017, die erstmals Rußland und China als geopolitische Rivalen definierte, eine deutliche Verschiebung in Richtung Konfrontation mit Rußland und China. Es folgte die National Defense Strategy im Januar 2018, gefolgt von der Nuclear Posture Review (NPR) und der Schaffung eines US-Weltraum-Kommandos und einer U.S. Space Force, deren Ziel die amerikanische Vorherrschaft im Weltraum ist, um China daran zu hindern, neue Regeln im Weltraum zu definieren.

Im März 2021 veröffentlichte das Weiße Haus die Interim National Security Strategic Guidance. Das 24seitige Dokument erklärt die klare Absicht, die „Demokratien“ der Welt gegen die „bösartigen“ Einflüsse Rußlands und Chinas auszurichten, eine „regelbasierte Ordnung“ in der Welt wiederherzustellen, die NATO praktisch zu globalisieren, mit einem klaren Fokus auf die Bildung von Allianzen im Indopazifik gegen Rußland und China, und schnell in eine Position der internationalen Führung in der globalen Klimawandel-Agenda zurückzukehren, die globalen Kohlenstoffemissionen zu senken und sicherzustellen, daß die USA und nicht China die Regeln bestimmt. All dies soll „ein durchsetzungsfähigeres und autoritäreres China übertrumpfen“ und sich im strategischen Wettbewerb mit China oder jeder anderen Nation durchsetzen. Das Klima wird zur nationalen Sicherheitspriorität erhoben. „Wir werden Klimarisikoeinschätzungen in unsere Kriegsplanung, -modellierung und -simulation einbeziehen, und wir werden die Widerstandsfähigkeit von Missionen stärken und Lösungen entwickeln, die unsere Fähigkeiten optimieren und unseren eigenen Kohlenstoff-Fußabdruck reduzieren.“

Ist das nicht sehr seltsam, daß der Klimaschutz zur nationalen Sicherheitspriorität erklärt wird?

Doch während diese „offiziellen“ Dokumente zumindest formal im Bereich der militärischen Fachsprache bleiben, wird dieser Schein nicht mehr gewahrt in Papieren wie „Das längere Telegramm“, das am 28. Januar 2021 vom Atlantic Council veröffentlicht wurde, verfaßt von einem anonymen ehemaligen Regierungsmitglied mit „umfassendem Wissen“ über China und angeblich eines der wichtigsten Papiere, die der Council je veröffentlicht hat. (Der Titel ist eine bewußte Anspielung auf das „Lange Telegramm“ von George Kennan aus dem Jahr 1946, das zur Eindämmung der Sowjetunion aufgerufen hatte.)

Dieses Dokument ruft dreist zu einem Insider-Coup gegen Präsident Xi Jinping durch abtrünnige führende Mitglieder der KP Chinas auf, die bereit sind, die Idee eines eigenen chinesischen Entwicklungsmodells aufzugeben und sich der amerikanischen Vorherrschaft auf der Welt zu unterwerfen. Und wer sind die Hauptfinanziers dieser Denkfabrik? Einige der führenden US-Waffenhersteller wie Raytheon, General Atomics, Boeing, Lockheed Martin, Northrop Grumman, und die NATO.

Von der gleichen Art ist die vom britischen Geheimdienst gesteuerte Nawalny-Operation, die im wesentlichen das gleiche Ziel hat, eine Regimewechsel-Operation gegen Präsident Putin zu katalysieren.

Bevor es nun zum Dritten Weltkrieg kommt – denn das ist die Zuspitzung, auf die wir hier blicken –, lassen Sie uns überlegen, was hier passiert.

Haben wir nicht erst vor kurzem, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, gehört, daß wir das „Ende der Geschichte“ erreicht hätten, was eines der idiotischsten Dinge ist, die je gesagt wurden? Daß von diesem Zeitpunkt an die westlichen Demokratien die ganze Welt übernehmen würden und alle dem westlichen Wertesystem zustimmen würden, der neoliberalen Ökonomie, der Gender-Politik, dem Dekonstruktivismus in der Kunst, etc. etc.?

Die verpaßte Chance von 1989

Ein kurzer Rückblick ist hier sinnvoll, denn das ist die Lektion, die gelernt werden muß, wenn eine Tragödie vermieden werden soll. Es gibt tatsächlich eine Rivalität zweier konkurrierender Systeme – zwei völlig unterschiedliche Auffassungen von der Welt, der Rolle des Menschen in ihr und einer damit verbundenen Vision von der Zukunft der Menschheit.

Im Jahr 1978, als Deng Xiaoping nach dem tiefen Tal der Kulturrevolution die Reform- und Öffnungspolitik einleitete, war China eines der ärmsten Länder der Erde. Indem er die besten Aspekte der Tradition der Physikalischen Ökonomie anwandte, wie sie von Gottfried Wilhelm Leibniz begründet und von Hamilton, List, Carey und Witte weiterentwickelt wurde, brachte er China auf einen Kurs kontinuierlicher Innovation, der in den 40 Jahren seither 850 Millionen Chinesen aus der meist extremen Armut herauskatapultierte, was für jeden unvoreingenommenen Geist eine der herausragenden, wenn nicht die größte kulturhistorische Leistung der Weltgeschichte darstellt. Das Ziel, die extreme Armut in ganz China vor Ende 2020 zu beseitigen, wurde erreicht, während in den USA und der EU der Trend gegenläufig ist.

1991 haben wir den Vorschlag des Produktiven Dreiecks Paris-Berlin-Wien, der die Antwort von Lyndon LaRouche, meinem verstorbenen Mann, auf den Fall der Berliner Mauer 1989 war, zur Eurasischen Landbrücke erweitert. Nach dem Vorbild der alten Seidenstraße ist dies ein System von Entwicklungskorridoren, das die Bevölkerungs- und Industriezentren Europas mit denen Asiens verbinden soll, um so alle Binnengebiete des eurasischen Kontinents zu industrialisieren.

Diese Idee war ein naheliegender Gedanke für jeden, der aus der philosophischen Tradition von Nikolaus von Kues (Kusanskij), Wernadskij, Krafft Ehricke kam. Nämlich, daß sich das Leben mit Hilfe der Photosynthese entwickelt hat, aus den Ozeanen heraus; daß sich Organismen mit einem Stoffwechsel mit höherer Energieflußdichte entwickeln würden und daß sich schließlich eine Gattung entwickeln würde, deren schöpferische Vernunft eine ganz neue Kategorie von Existenz im Universum begründen würde – der Mensch. Der natürliche Verlauf der Evolution dieser neuen Gattung würde darin bestehen, sich an den Ozeanen und Flüssen anzusiedeln und durch die Entwicklung der Infrastruktur ins Landesinnere zu ziehen.

Die Erschließung und Entwicklung der landumschlossenen Gebiete unserer Kontinente durch diese Entwicklungskorridore war eine ziemlich offensichtliche Idee, als der Eiserne Vorhang fiel. Wenn die infrastrukturelle Erschließung aller Kontinente des Planeten abgeschlossen ist, wäre die nächste Phase dieser Entwicklung der Aufbau von Infrastruktur im nahen Weltraum – Kolonien auf dem Mond und Mars als Sprungbrett für die Menschheit, um eine galaktische Spezies zu werden.

Ich habe 1990 in vielen Reden gewarnt, wenn man den Fehler mache, den zusammengebrochenen kommunistischen Volkswirtschaften ein hemmungsloses System der freien Marktwirtschaft überzustülpen, dann könne man vielleicht noch eine Weile die Kasinowirtschaft fortsetzen, aber dann werde es zu einem noch größeren Zusammenbruch des gesamten Systems kommen.

Wenn das Produktive Dreieck und die Eurasische Landbrücke umgesetzt worden wären – es gab damals große Unterstützung dafür –, dann wäre dies der perfekte Friedensplan für das 21. Jahrhundert gewesen. Aber das wurde vom Westen aus geopolitischen Gründen abgelehnt. Stattdessen bestand die Idee insbesondere in den Vereinigten Staaten und Großbritannien und Frankreich darin, die ehemalige Supermacht Sowjetunion in ein rohstoffproduzierendes Dritte-Welt-Land zu verwandeln. Jeffrey Sachs‘ „Schocktherapie“ in der Jelzin-Zeit bewirkte tatsächlich eine Bevölkerungsreduktion um etwa eine Million Menschen pro Jahr, so daß es sich wirklich um einen Völkermord handelte. In den Vereinigten Staaten begründete die Politik von PNAC – dem „Projekt für ein neues amerikanisches Jahrhundert“ – 1992 die Idee von Dick Cheney, daß die Vereinigten Staaten die einzige Supermacht bleiben und niemals einen Rivalen auf strategischer Ebene zulassen würden.

Im Juni 1992 wurde auf dem Erdgipfel in Rio in Brasilien die entsprechende Politik vorgeschlagen. Dies war der Beginn einer gigantischen globalen Offensive der malthusianischen Politik, in der die bisherige Politik des Club of Rome und dessen Idee von den „Grenzen des Wachstums“ bekräftigt wurden. Lyndon LaRouche hat dem damals ein eindrucksvolles Buch entgegengesetzt: Es gibt keine Grenzen des Wachstums.

Der Rio-Gipfel war auch die Bestätigung von Henry Kissingers Doktrin NSSM-200 von 1974,2 einem unglaublich skandalösen Dokument, das Bevölkerungsreduzierung forderte und die Idee vertrat, die „Lebensmittelwaffe“ als Mittel zur Bevölkerungskontrolle einzusetzen.

Die Argumente dieser geforderten malthusianischen Herrschaft über eine unipolare Welt sollten sich oft ändern. Das wechselte von „begrenzten Ressourcen“ zum wachsenden „Ozonloch“, zum „sauren Regen“, zum „Waldsterben“, zu „Kernenergie gleich Faschismus“ und jetzt, in der letzten Zeit, zum „Klimawandel“. Das eigentliche Problem war jedoch immer die oligarchische imperiale Ordnung einer kleinen Elite und die Bevölkerungskontrolle.

China nutzt seine Chance

Im selben Jahr 1992, nur 14 Jahre nach Inkrafttreten von Dengs Reformpolitik, hatte China bereits einige Fortschritte erzielt, jedoch hauptsächlich in den Küstenregionen, im Rest des Landes herrschte immer noch große Armut. 1996 nahm ich an einer Konferenz in Beijing teil, die wir der chinesischen Regierung zwei Jahre zuvor vorgeschlagen hatten, mit dem Titel „Die Entwicklung der Regionen entlang der eurasischen Landbrücke“. Sie definierte die langfristige, strategische Perspektive für China bis 2010. Diese Politik wurde jedoch durch die Asienkrise von 1997 unterbrochen.

Im Jahr 2001 wurde China eingeladen, der WTO [Welthandelsorganisation] beizutreten, in der Erwartung, die Integration in den Weltmarkt würde dazu führen, daß China „westliche Werte“, westliche Demokratie usw. annimmt, d.h. den Washingtoner Konsens, die „regelbasierte Ordnung“ der Kasinowirtschaft der Wall Street und der City of London akzeptiert.

Aber statt das „Ende der Geschichte“ anzuerkennen, griff China die Tradition von 5000 Jahren chinesischer Geschichte und Kultur neu auf. Xi Jinping verkündete 2013 in Kasachstan die Neue Seidenstraße (BRI), die in den siebeneinhalb Jahren seither das größte Infrastrukturprogramm in der Geschichte wurde, an dem 150 Länder mitarbeiten. Wie der amerikanische Komiker Bill Maher in einem kurzen Video erklärte: Wer das nicht anerkennt, der ist „ein dummes Volk“. China baute 40.000 km Schnellzugstrecken, 500 neue Städte für Millionen von Menschen, es hat modernste Kernfusionsforschung, eine Mission zur erdabgewandten Seite des Mondes und eine Mission zum Mars, und wie Xi Jinping kürzlich sagte: China ist dem Ziel der großen Verjüngung der chinesischen Nation näher als je zuvor in der Geschichte und dabei, eine Weltmacht in Wissenschaft und Technologie zu werden.

Und auch Putin wurde erst zu dem Dämon, als der er vom atlantischen Establishment dargestellt wird, nachdem er begonnen hatte, den Status Rußlands als Weltmacht zu bekräftigen, statt nur als „Regionalmacht“, wie es Obama unverantwortlicherweise gefordert hatte, als er zum zweiten Mal das Präsidentenamt antrat.

Tappt Amerika in die Thukydides-Falle?

Wo wird das also enden? Wenn die Biden-Administration, das „Globale Großbritannien“, die NATO und die EU darauf beharren, Rußland und China einzudämmen, deren strategische Partnerschaft angesichts der aggressiven Politik der westlichen Allianz immer stärker wird, wird es dann unweigerlich zum Dritten Weltkrieg kommen, den niemand überleben würde? Xi Jinping brachte es 2015 bei einer Reise nach Seattle auf den Punkt: „So etwas wie die sogenannte Thukydides-Falle gibt es auf der Welt nicht. Aber wenn große Länder immer wieder den Fehler einer strategischen Fehlkalkulation machen, könnten sie sich selbst solche Fallen schaffen.“

Der chinesische Botschafter in den USA, Cui Tiankai, verwies mehrfach auf einen Artikel des Historikers Professor Graham Allison, der die Frage gestellt hatte, ob die USA und China im Begriff seien, genau in diesem Konflikt zu landen, den der erste griechische Historiker Thukydides beschrieben hat, und in den Krieg gegeneinander zu ziehen.

Thukydides, der von 460-404 v.Chr. lebte, hat uns vermittelt, wie das schöne klassische Griechenland unterging, nachdem die Konkurrenz zwischen Sparta und Athen zum Peleponnesischen Krieg geführt hatte. Nach den Perserkriegen 500-479 und 470-448 v.Chr., in denen sich Athen als siegreich über die Perser erwiesen hatte, war es zu einer Art politischer Supermacht aufgestiegen, was das oligarchisch regierte Sparta verärgerte, das zuvor die dominierende Macht gewesen war und sich durch das Eingehen verschiedener Bündnisse an der Macht zu halten versuchte. Nach dem endgültigen Sieg Athens über die Perser und dem sogenannten Kallias-Frieden hätte es den Attischen Bund eigentlich auflösen können, doch unter dem Einfluß der Sophisten in Athen wandelte es sich zu einem attischen Imperium und machte die bisherigen freiwilligen Verbündeten zu Tributzahlern und Vasallen.

Am berühmtesten und aufschlußreichsten für unsere heutige Situation ist die Geschichte, wie Athen die Bewohner der Insel Melos in das neue Arrangement zwang, die Thukydides im 5. Buch im Dialog zwischen dem Gesandten aus Athen und dem Vertreter von Melos schildert. Der Athener bemerkt, mit dem Sieg über die Perser hätte Athen das Recht erworben, zu herrschen; der Mächtige tue, was er will, und der Schwache habe zu gehorchen. Der Vertreter von Melos argumentiert, wenn Athen schon das Gesetz nicht respektiere, sollte es bedenken, daß sich andere an seiner Härte ein Beispiel nehmen könnten, wenn es selbst einmal besiegt würde.

Der Athener antwortet, die Melosianer sollten sich der Herrschaft der Athener unterwerfen, da dies für beide Seiten von Vorteil wäre. Der Vertreter von Melos fragt erstaunt, wie die Sklaverei so vorteilhaft sein könne wie die Herrschaft, worauf der Athener antwortet, es wäre besser, ein Untertan zu werden, als getötet zu werden, und für sie wäre es ein Gewinn, wenn sie sie nicht töten müßten. Auf die Frage, ob sie nicht neutral bleiben könnten, antwortet der Athener, nein, da ihre Feindschaft Athen weniger schaden würde als ihre Freundschaft, die als Zeichen der Schwäche Athens gedeutet würde. So oder so gelte auf der ganzen Welt das Prinzip des Stärkeren. Die Melosianer argumentierten, daß sie ihre Unabhängigkeit, die sie seit 700 Jahren besaßen, nicht aufgeben könnten, sondern neutral bleiben wollten. Kurz darauf begann Athen die Feindseligkeiten, das Volk von Melos mußte sich bedingungslos ergeben, und die Athener töteten alle Männer und verkauften die Frauen und Kinder in die Sklaverei.

Thukydides beschreibt dann weiter, wie die Maßlosigkeit die Athener sie zu immer offensiverem Verhalten verleitet, bis schließlich zur Sizilianischen Expedition 415-413 v.Chr., bei der sie eine vernichtende Niederlage erleiden, von der sie sich nie mehr erholten.

Im Zeitalter der thermonuklearen Waffen sollte man sich also zweimal überlegen, ob man eine Thukydides-Falle schafft, wo keine sein muß.

Der „Great Reset“

Der wichtigste Konflikt ergibt sich aus den völlig gegensätzlichen Entwicklungswegen dieser beiden Systeme. China und im Prinzip auch die Länder, die mit ihm bei der BRI zusammenarbeiten, legen größten Wert auf Innovation, wissenschaftliche und technologische Durchbrüche zur Verbesserung des Lebensstandards ihrer Bevölkerung, auf die Förderung der Kreativität der Bevölkerung als Quelle der Innovation. Die Marschroute der malthusianischen Fraktion auf der anderen Seite ist es, in der Geschichte rückwärts zu gehen, zu niedrigeren Energieflußdichten, geringerem Verbrauch, weniger Menschen.

Der koordinierte Vorstoß der Zentralbanker seit dem berüchtigten Treffen in Jackson Hole/Wyoming im August 2019 für einen „Regimewechsel“, den „Great Reset“, die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft, „Shifting the Trillions“, wie es in Papieren der EU und der deutschen Regierung heißt, alle Investitionen in grüne Technologien zu lenken – all das bedeutet eine dramatische Senkung des Lebensstandards der Bevölkerung in den USA und Europa, eine Zunahme der Armut weltweit, und angesichts der bereits wütenden Pandemie und des Hungers auf der Welt eine massive Reduzierung der Bevölkerung im sogenannten Entwicklungssektor, einen Genozid.

Aischylos stellt diesen Konflikt in seiner Trilogie Der gefesselte Prometheus dar – den Konflikt zwischen Zeus, dem olympischen Gott, als Inkarnation des oligarchischen Systems, und Prometheus, den Zeus dafür bestraft, daß er den Menschen das Feuer und damit Fortschritt und Produktivität gebracht hat.

Womit wir es zu tun haben, was diesen beiden, direkt gegensätzlichen Entwicklungssträngen zugrunde liegt, ist das unterschiedliche Menschenbild.

Das prometheische Bild sieht in jedem Menschen eine enorme Bereicherung für die ganze Menschheit, da jedes Individuum das Potential hat, grundlegende Entdeckungen in der Naturwissenschaft und in der Gestaltung großer klassischer Kunst zu machen. Ein schöpferischer Mensch kann die Entdeckung eines universellen physikalischen Prinzips machen, das eine völlig neue Plattform schaffen kann, die wiederum die gesamte Produktionsweise der Menschheit auf einem qualitativ höheren Produktivitätsniveau neu definieren kann – wie z.B. die Dampfmaschine, Antibiotika, Kernkraft, Laser, etc.

Das malthusianische Menschenbild hingegen sieht in jedem Menschen einen Parasiten, eine Belastung für Mutter Natur, eine kohlenstoff-fressende Last, die zur globalen Erwärmung beiträgt, und deshalb gelte: Je weniger solcher Plagegeister es gebe, desto besser.

Natürlich ist das ganze malthusianische Argument ein wissenschaftlicher Betrug, denn das Computerprogramm, auf dem die sogenannte Studie Die Grenzen des Wachstums basierte, war ein manipuliertes Programm, bei dem zuerst das gewünschte Ergebnis festgelegt und dann das Programm entsprechend gestaltet wurde. Die Autoren Meadows und Forrester gaben später zu, daß sie die Rolle des wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts bei der Definition, was eine Ressource ist, ausgelassen hatten. Die malthusianische Argumentation ist eine glatte Lüge der Oligarchie, verstärkt durch die politische Korrektheit, die von den Mainstream-Medien verbreitet wird, die von der Wall Street und der City of London kontrolliert werden, neuerdings auch von den sozialen Medien, die von den IT-Giganten des Silicon Valley, Stiftungen und Thinktanks kontrolliert werden, die die Interessen des Finanzsektors widerspiegeln.

Der künstlich herbeigeführte Paradigmenwechsel, den der Club of Rome im Auftrag der internationalen Oligarchie in Gang gesetzt hat – nicht neu, aber mit Millionen von Dollars in vielen Sprachen propagiert –, war sehr effektiv. Die „Vergrünung“ von Millionen von Köpfen und damit ein Mangel an wissenschaftlicher Strenge macht sie anfällig für alle Arten von Lügen, auch für die über Rußland und China.

Die Tragödie der heutigen Zeit

LaRouche schreibt in Die Macht der Tragödie: „Hier, in dieser Unterdrückung der wissenschaftlichen und verwandten schöpferischen Kräfte des menschlichen Verstandes der Masse der Bevölkerung, liegt das Wesen der Hauptkraft der Tragödie.“ Es ist diese „unsichtbare, aber nichtsdestoweniger wirksame Macht der Tragödie“, von der LaRouche spricht, „die den Willen der Menschen beugt, um dem gefürchteten Zorn der mächtigen, satanischen Figur des fiktiven Zeus zu entgehen“, die angesprochen und verändert werden muß.

Lyndon LaRouche wies darauf hin, daß die Tragödie unserer Zeit auf dem völligen Fehlen eines wissenschaftlichen und rigorosen Verständnisses der Bevölkerung beruht, daß aber der Begriff der Tragödie Gegenstand einer strategischen, nachrichtendienstlichen Beurteilung sein muß, die von jedem ernsthaften Betrachter der gegenwärtigen Situation in den USA untersucht werden muß.

Beginnen wir also mit einer nüchternen Einschätzung der Lage.

Es ist ganz klar, daß die Politik des neoliberalen Wirtschafts- und Kultursystems völlig versagt hat. Wenn man sich die Pandemie anschaut, wie kommt es dann, daß alle asiatischen Kulturen so viel besser abgeschnitten haben – weniger Todesfälle, schnellere Rückkehr zum normalen Wirtschaftsleben? Es liegt daran, daß sie auf einem Wertesystem basieren, das das Gemeinwohl in den Vordergrund stellt, im Gegensatz zur neoliberalen Idee einer individualistischen Freiheit, in der alles erlaubt ist.
Schauen Sie sich die Hungersnot an, die absolut unglaubliche humanitäre Krise im Jemen, in Syrien, in vielen Ländern Afrikas und Lateinamerikas. Hunger von biblischen Ausmaßen ist das Ergebnis dieser neoliberalen Politik des Westens. Warum beginnt der Westen keine sogenannte „Impfdiplomatie“, wie er sie Rußland und China vorwirft? Warum hat er die Entwicklungsländer nicht entwickelt? Als Papst Johannes Paul II. 1990 gefragt wurde, ob der Zusammenbruch der Sowjetunion beweise, daß das westliche System moralisch überlegen sei, antwortete er, absolut nicht, weil es von „Strukturen der Sünde“ geprägt sei. Schauen Sie sich die Dritte Welt an, sagte er, und dann sehen Sie den Grund, warum ich das sage.
Das Versagen des Westens ist das Ergebnis einer tiefen kulturellen Krise, die nur mit der Dekadenz in der Endphase des Römischen Reiches vergleichbar ist. Schauen Sie sich unsere Populärkultur an: die Unterhaltung, die von satanisch bis pervers reicht, die geistige Abstumpfung des meisten, was die Menschen als Unterhaltung ansehen. Wir haben eine Erosion, fast eine Amnesie des kulturellen Gedächtnisses unserer großen Traditionen erlebt. Die große Mehrheit der Jugend hat keine Ahnung von klassischer Kultur. Sie denken, daß die Rolling Stones „klassisch“ sind. Die Zeitgenossen wissen nicht einmal, daß sie es vergessen haben.

Die Universalgeschichte der Menschheit

Um dem abzuhelfen, schaue man sich die Universalgeschichte so an, wie Schiller sie in seiner berühmten Jenaer Antrittsrede 1789 beschrieben hat. Er sagte, es habe nur ein paar tausend Jahre gedauert, bis sich der Mensch vom asozialen Höhlenmenschen zur hohen klassischen Kunst entwickelt hat: Dante, Shakespeare, Bach, Beethoven oder Schiller.

Das hat mit dem absoluten Unterschied zwischen dem Menschen und allen anderen Lebensformen zu tun. Der Beweis dafür ist die Fähigkeit zur willentlichen Erhöhung der relativen potentiellen Bevölkerungsdichte, die es der Menschheit innerhalb einiger Jahrtausende ermöglichte – insgesamt vielleicht 10.000 oder 20.000 Jahre –, ihre Bevölkerungsdichte von ein paar Millionen auf heute fast acht Milliarden Menschen zu erhöhen. Wie Lyndon LaRouche oft betont hat, war kein Menschenaffe und kein domestiziertes Haustier jemals in der Lage, diese kreative Fähigkeit des Menschen nachzuahmen. Sie können vielleicht Aspekte des menschlichen Verhaltens imitieren, aber sie haben nie ein physikalisches Prinzip entdeckt.

Und das ist der absolut grundlegende Unterschied zwischen der Biosphäre und der Noosphäre, wenn man alle Schöpfer der menschlichen Kultur studiert, wie sie sich entwickelt haben: die Ursprünge der chinesischen, indischen, mesopotamischen, ägyptischen und griechischen Kultur, oder wie die konfuzianische Philosophie die Grundlage für die folgenden 2500 Jahre der chinesischen Geschichte gelegt hat. Schauen Sie sich die Weisheit der vedischen Schriften an; die Bibliothek von Alexandria in Ägypten; das klassische Griechenland; die Gupta-Zeit in Indien; die Zusammenarbeit von Harun al-Raschid mit Karl dem Großen, die zur karolingischen Renaissance führte, die es Europa ermöglichte, seine Schätze aus der Vergangenheit wiederzuentdecken; die Song-Dynastie; die Zusammenarbeit Friedrich von Hohenstaufens mit der arabischen Welt; die andalusische Renaissance; die italienische Renaissance; die Entstehung des souveränen Nationalstaates durch Cusanus und Ludwig XI. in Frankreich; Shakespeare; die Entwicklung der klassischen Musik von Bach, Beethoven, bis Brahms; Shelley, Keats, Lessing, Schiller, Edgar Alan Poe. Alle diese Kulturen haben zum menschlichen Fortschritt beigetragen, und es ist die Gesamtheit und Kontinuität dieser großen Werke der Kunst, der Wissenschaft, der Poesie, der Musik und der Architektur, der Malerei und der Staatskunst, die den vierten Phasenraum in unserem Universum bildet.

Das ist die Universalgeschichte, die uns als menschliche Gattung auszeichnet und zu der viele große Geister beigetragen haben, die die Menschheit unsterblich macht.

Es hat in der Geschichte oft eine Debatte darüber gegeben, ob Tiere eine Seele haben, und jeder Besitzer eines Haustieres wird bekräftigen, daß diese Tiere eine Seele haben. Aber ich stimme mit Ibn Sina (Avicenna) überein, daß Tiere zwar eine Seele haben, aber nur eine kollektive Seele, denn man erinnert sich nicht an einen bestimmten Hund, der das Vergnügen von jemandem war, der im 4. Jahrhundert lebte, aber man erinnert sich sehr wohl an die Seele von Sokrates. Wenn jeder Mensch diese Universalgeschichte rekapituliert, dann nimmt er an diesem vierten Phasenraum teil.

Was ist zu tun?

Wenn wir einen Dialog dieser verschiedenen Kulturen haben, den wir unter den Vertretern all dieser Kulturen brauchen, dann haben wir eine sehr konkrete Möglichkeit, die gegenwärtige Krise zu lösen. Es gibt viele konkrete Schritte, die wir unternehmen müssen, um aus dieser Krise herauszukommen:

Aber nichts von alledem wird funktionieren, wenn wir nicht ein neues Paradigma der klassischen Kultur haben, das sich auf das Wesen der Identität der Menschheit bezieht.

Im Gegensatz zu den Liberalen, die sagen, alles sei erlaubt und jeder solle nach seinem eigenen Geschmack handeln, sagen wir, daß der Mensch sich durch ästhetische Erziehung grenzenlos vervollkommnen kann – moralisch, intellektuell und emotional. Und jeder Mensch hat mit dieser Methode der ästhetischen Erziehung das Potential, eine schöne Seele und ein Genie zu werden. Nur wenn wir als Menschheit als Ganze diesen Sprung machen, wird die Menschheit sicher sein.

Ich danke Ihnen.


Anmerkungen

1. Siehe https://larouchepub.com/lar/2007/3444mask_pelosi_tragedy.html

2. Siehe https://pdf.usaid.gov/pdf_docs/Pcaab500.pdf