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Neue Solidarität
Nr. 52, 26. Dezember 2019

Wir brauchen die klassische Denkweise

Von Helga Zepp-LaRouche

In einem Diskussionsbeitrag zum Abschluß der letzten Vortragsrunde der Bad Sodener Konferenz sagte die Vorsitzende des Schiller-Instituts folgendes (der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt).

Ich möchte dieser ganzen Diskussion noch einen Gedanken hinzufügen, und zwar, daß wir eigentlich diese Runde nicht erst am Ende hätten haben sollen, weil sie wirklich die wichtigste Diskussion ist. Denn, wie Sie wissen, hat Friedrich Schiller nach dem Zusammenbruch der Französischen Revolution, die in den Jakobinerterror ausartete, die Ästhetischen Briefe geschrieben, und darin betonte er nachdrücklich, daß von nun an jede Verbesserung der Politik nur noch durch die ästhetische Erziehung des Menschen möglich sei.

Ich halte das für absolut wahr. Das ist wohl auch der Grund, warum ich in der Politik bin. Wenn ich nicht überzeugt wäre, daß man die Menschen so, wie sie sind, durch die ästhetische Bildung verbessern kann, dann wäre ich nicht hier.

Denn es ist völlig klar: Die Bevölkerung, wie sie jetzt ist, ist schrecklich. Das wissen wir alle. Die Menschen der gegenwärtigen Kultur sind degeneriert, sie sind dumm, sie lassen sich völlig manipulieren. Warum erheben sie sich nicht und wehren sich gegen eine Politik, die uns alle zerstören wird? Warum sind die Leute wie betäubt? Sie sind taub, sie sind nicht wach.

Und ich denke, das ist der Punkt, was Schiller gesagt hat, und das steht völlig im Einklang mit dem, wofür Lyn [LaRouche] sein ganzes Leben gewidmet hat: daß Menschen sich verbessern und bessere Menschen werden müssen. Und der Weg dazu ist die ästhetische Bildung durch große klassische Kunst.

Und Schiller hat diese umfangreiche, schöne Theorie entwickelt, warum das so ist. Er sagt, die Menschen tun in ihrem täglichen Leben dieses und jenes, sie sind banal und tun schlechte Dinge. Also mußt du sie in ihrer Freizeit erwischen. In der Freizeit muß man sie veredeln durch große Kunst. Wenn die Menschen sich in ein Kunstwerk versenken, mit dem sie sich beschäftigen, sei es ein großes Gemälde von Leonardo da Vinci oder Rembrandt oder ein deutsches Kunstlied oder ein amerikanisches Spiritual, dann werden sie zu besseren Menschen. In dem Moment, in dem sie ihren Geist mit dem Komponisten, mit dem Sänger, mit dem Orchester verbinden, hören sie auf, habgierig zu sein, sie denken nicht mehr an sich selbst. Je mehr die Menschen das tun, desto mehr werden sie also zu besseren Menschen. Und einigen Leuten würde ich sogar verschreiben, daß sie gar nichts anderes mehr tun sollten, um ihnen keinen Raum zu geben, dazwischen Böses zu tun. [Lachen.]

Deshalb halte ich diese Frage für äußerst wichtig. Denn wenn wir eine Chance haben wollen, diese Menschheit vor dem Abgrund zu retten, vor dem wir stehen, dann kann dies nur durch die ästhetische Bildung geschehen.

Ich habe es schon oft gesagt: Ich glaube nicht, daß die Chinesen an sich „dies“ oder „das“ sind. Ich befasse mich damit, weil es diese Anti-China-Kampagne gibt. Aber von Xi Jinping ist dokumentiert, daß er mit Studenten und Künstlern über die außergewöhnliche Bedeutung der ästhetischen Bildung diskutiert hat, weil die einen schöneren Geist und eine schönere Seele schafft.

Nun, ich habe noch keinen westlichen Staatschef so reden hören. Weder Frau Merkel noch, was dies betrifft, Herrn Trump, ich habe niemanden darüber sprechen hören, daß wir den höchsten moralischen Standard in der klassischen Kunst brauchen, um die moralische Verbesserung der Bevölkerung zu bewirken. Und das sind für mich die wichtigsten Kriterien.

Ich schätze wirklich, was eben gesagt wurde, über die Verstehbarkeit der Schönheit – die Tatsache, daß man Schönheit verständlich machen kann, daß sie nicht willkürlich ist. Das war der große Streitpunkt zwischen Schiller und Kant. Schiller hat sich sehr geärgert, weil Kant in einer seiner Kritiken, die Schiller in die Hände bekam, gesagt hat, in der großen Kunst könne man die Absicht des Künstlers nicht erkennen – oder wenn man sie erkenne, dann sei das schlecht. Schiller wunderte sich: Was soll das? Kant sagte tatsächlich, wenn ich eine Arabeske an die Wand male und man den Plan dahinter nicht sieht, dann ist das schöner, als wenn man den Plan des Künstlers erkennen kann.

Und das ist völlig falsch. Deshalb gibt es heute soviel Willkür in der Kunst. Die Menschen nennen Dinge Kunst, die ganz häßlich sind. Und Schiller hatte mit Körner, seinem sehr engen Freund, diese absolut notwendige Diskussion darüber, daß nur schöne Kunst diesen Namen verdient. Man sollte nicht hinnehmen, daß Kunst, die nicht schön ist, als Kunst bezeichnet wird.

Das verstößt natürlich gegen den Zeitgeist, denn die Romantiker, die eigentlich der Beginn dieses Übels waren – und das war ein bewußter oligarchischer Angriff auf die Klassiker – haben die klassische Form in der Kunst zerstört, indem sie Willkür einführten. Der Tag ist wie die Nacht, alles ist ein Traum, es gibt keine Form. Dieser ganze Kampf für die ästhetischen Gesetze, den Schiller und Goethe zehn Jahre lang geführt haben, wo sie sich wieder der griechischen Idee zuwandten, daß Schönheit, Wahrheit und das Gute eins sind,  der ist sehr, sehr wichtig.

Daraus entwickelten sie ästhetische Gesetze, von denen sie sagten, sie seien so universell und dauerhaft wie die Gesetze der Physik, des physikalischen Universums. Und das ist es, worüber Lyn immer gesprochen hat: daß es keinen, absolut keinen Unterschied zwischen den kreativen Fähigkeiten gibt, die Zugang zur Hypothese für die nächste neue wissenschaftliche Entdeckung haben, und der Frage der klassischen Kunst.

Wenn man also die Form zerstört, wenn man alles zerstört und sagt, was ein Affe mit Farbe an die Wand schmiert, das nennt man heute Kunst, dann ist das etwas, wogegen wir kämpfen müssen.

Und ich denke, das Schiller-Institut war von Anfang an als eine Renaissance-Bewegung gedacht, von Menschen, die kämpfen würden, um zu den klassischen Ideen der großen klassischen Kunst zurückzukehren, in allen Bereichen – Musik, Poesie, Malerei, Architektur, einfach jedem Ausdruck menschlicher künstlerischer Fähigkeiten. Und ich möchte Sie dringend auffordern, Teil dieser Renaissance-Bewegung zu sein. Weil wir uns in einer Welt befinden, in der alles erlaubt ist – alles, was auch immer den Menschen einfällt. Wenn man die Zeitungen liest, da kommt jemand in die Schlagzeilen, der eine noch verrücktere Idee hat als ein anderer gestern, aber die Diskussion über die Prinzipien der Wahrheit, der Schönheit, desjenigen, was die Menschen erhöht, das ist nicht berichtenswert.

Und es gibt noch eine andere Idee, die ich für sehr wichtig halte, nämlich das, was Schiller in den ästhetischen Schriften sagte: daß Schönheit etwas ist, das aus der Vernunft geschaffen wird; und wenn etwas Schönes in der heutigen Welt mit diesem Begriff der Vernunft übereinstimmt, dann ist es schön. Aber man muß nicht zuerst die Erfahrung, die sinnliche Erfahrung der Schönheit haben, und dann daraus den Begriff der Vernunft ableiten. Es funktioniert umgekehrt.

Und deshalb ist das, was Antonella [Banaudi] entwickelt hat, so entscheidend. Denn es gibt etwas, den Goldenen Schnitt und all diese Maße, die Maßstäbe sind, warum etwas schön ist und nicht. Und natürlich ist dies, wie du, Elvira [Green], gesagt hast, der beste Weg, um die Emotionen zu vermitteln. Es kommt vom Herzen, und wenn man die Emotionen der Menschen nicht erhebt, dann erfüllt man seine Aufgabe nicht.

Ich meine, jeder kennt das: Es gibt ausgezeichnete Menschen, die in allem, was sie tun, brillant sind, aber dann gehen sie nach Hause und schlagen ihre Frau. Also, offensichtlich haben wir da ein Problem, und man muß die Emotionen solcher Menschen erziehen. Und ich glaube wirklich, daß wir nur dann menschlich sein werden, wenn Menschen wirklich zu klassischen Denkern werden. Und Lyn sagte in vielen seiner Schriften, man brauche eine Riemannsche Denkweise, eine klassische Denkweise, damit die Gesellschaft überleben kann.

Deshalb denke ich wirklich, daß wir kurz davor stehen, diese kulturelle Renaissance zu starten, und ich denke, es ist ein großer Moment in der Zeit. Aber wir brauchen viele, viele weitere Menschen, die sich an diesen Bemühungen beteiligen.

Ich sehe hier Theo [Mitchell], der seit vielen, vielen Jahren Mitglied im Vorstand des Schiller-Instituts ist, und ich würde euch gerne alle einladen, mit im Vorstand zu sein, aber das wäre ein bißchen zu viel. Aber ihr solltet alle Aktivisten werden und wirklich für diese Idee kämpfen. (Applaus.)