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Aus der Neuen Solidarität Nr. 51-52/2005

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Friedrich Schiller beim Wort genommen:
Sängers Abschied

Liebe Leser, mit dem folgenden Gedicht schloß Friedrich Schiller die zu seinen Lebzeiten gedruckte, von ihm selbst zusammengestellte Sammlung seiner Gedichte - und auch wir schließen damit unseren wöchentlichen Reigen seiner Gedichte zum Schillerjahr 2005. Wir hoffen, es hat Ihnen Freude bereitet und Sie angeregt, mehr Schiller zu lesen und zu leben. Auch für das kommende Jahr planen wir eine wöchentliche Reihe mit klassischen Beiträgen - was, wird noch nicht verraten.

Sängers Abschied

Die Muse schweigt; mit jungfräulichen Wangen,
Erröten im verschämten Angesicht,
Tritt sie vor dich, ihr Urteil zu empfangen;
Sie achtet es, doch fürchtet sie es nicht.
Des Guten Beifall wünscht sie zu erlangen,
Den Wahrheit rührt, den Flimmer nicht besticht;
Nur wem ein Herz, empfänglich für das Schöne,
Im Busen schlägt, ist wert, daß er sie kröne.

Nicht länger wollen diese Lieder leben,
Als bis ihr Klang ein fühlend Herz erfreut,
Mit schönern Phantasien es umgeben,
In höheren Gefühlen es geweiht;
Zur fernen Nachwelt wollen sie nicht schweben,
Sie tönten, sie verhallen in der Zeit.
Des Augenblickes Lust hat sie geboren,
Sie fliehen fort im leichten Tanz der Horen.

Der Lenz erwacht, auf den erwärmten Triften
Schießt frohes Leben jugendlich hervor,
Die Staude würzt die Luft mit Nektardüften,
Den Himmel füllt ein muntrer Sängerchor,
Und Jung und Alt ergeht sich in den Lüften,
Und freuet sich und schwelgt mit Aug' und Ohr.
Der Lenz entflieht! Die Blume schießt in Samen,
Und keine bleibt von allen, welche kamen.

- Friedrich Schiller, 1795