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Aus der Neuen Solidarität Nr. 21/2004

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Gibt es ein universelles Menschenbild?

Auszüge aus der Prager Rede von Helga Zepp-LaRouche

In der "Erklärung von Rhodos" wird eindringlich auf die existentielle Krise hingewiesen, in der sich die Menschheit befindet und die einen Großteil der Menschen durch die derzeit vorherrschenden "Werte" der Globalisierung bedroht. Neue menschliche Werte seien daher angesichts der schrecklichen Lage in Südwestasien und der sich von Tag zu Tag dramatisch verschlechternden wirtschaftlichen Lage in vielen Ländern der Welt dringend erforderlich.

Es ist daher von großer Bedeutung, sich auf die Grundannahmen der neuen Werte zu verständigen. Im Zentrum dieser Werte steht offensichtlich die Frage nach dem Menschenbild. Vom christlichen Standpunkt aus ist klar, daß der Mensch als Ebenbild Gottes geschaffen wurde und daß sich daraus seine unveräußerlichen Menschenrechte und seine Menschenwürde ableiten. Betrachtet man aber die heutige Welt, beantwortet sich diese Frage nicht so eindeutig.

Am 16. November letzten Jahres strahlte der populäre Fernsehsender SAT-1 eine Ausgabe der Sendung "Das literarische Quartett" mit dem Thema "Der eßbare Zoo - vom Mitbürger Tier" aus. Die vier Teilnehmer der Gesprächsrunde - der "Philosoph" Peter Sloterdijk, der Biograph Rüdiger Safranski, der "Künstler" Peter Kubelka und Thilo Bode, Vorsitzender einer Organisation namens "FoodWatch" - stimmten darin überein, daß es keinen wesentlichen Unterschied zwischen Menschen und Tieren gebe. Zugleich wird derzeit ein Flut angeblicher "wissenschaftlicher Beweise" verbreitet, daß die Gene des Menschen und der Tiere praktisch gleich seien und der Mensch lediglich ein "höherer Affe" sei, der eng mit dem Schwein und anderen Tieren verwandt sei.

Dies könnte man als fehlgeleitete Sicht einiger Kulturpessimisten abtun, aber leider hat diese Sichtweise Auswirkungen auf die reale Welt, in der wir leben. Wenn der Mensch nur eine besondere Spezies Tier ist, gibt es keine Unantastbarkeit seines Lebens mehr, die ihm von allen monotheistischen Religionen der Welt zuerkannt wird. Wenn der Mensch nur als ein höheres Tier angesehen wird, dann kann man den Wert seines Lebens in Frage stellen. Besonders wenn eine sich verschärfende Wirtschaftskrise immer drastischere Haushaltskürzungen notwendig macht, könnte man sich vielleicht gezwungen sehen, menschliches Leben von einem Kosten-Nutzen-Standpunkt aus zu bewerten. Dies ist keinwegs ein hypothetisches Problem, wie uns das amerikanische Gesundheitswesen mit seinem "HMO"-System vor Augen führt. Dort entscheidet der Kostenfaktor, ob ein Patient eine bestimmte Behandlung erhält oder nicht.

Oder wie wird die Frage nach dem Wert menschlichen Lebens beantwortet, wenn internationale Finanzinstitutionen fordern, daß z.B. Argentinien seine Auslandsschulden fristgerecht bezahlen müsse, auch wenn der Großteil dieser Schulden illegitim ist, weil Argentinien seine ursprünglichen Schulden bereits mehrfach bezahlt hat, und der Präsident dieses Landes, Kirchner, betont, daß es einem Völkermord am argentinischen Volk gleichkomme, wenn die Schulden bezahlt würden. Wer hat recht: die internationalen Finanzinstitutionen, die fordern, das "System" müsse erhalten bleiben, und daher sei es legitim, das "Pfund Fleisch" einzufordern, wie es Shakespeare in seinem Schauspiel Der Kaufmann von Venedig beschrieben hat, oder der Präsident, der das Gemeinwohl seines Volkes verteidigen will? Ist menschliches Leben heilig oder nicht?

In der europäischen Geistestradition gibt es zwei gegensätzliche Strömungen zu dieser Frage. Die eine reicht praktisch bis zu Platon zurück, gründet sich auf ein Menschenbild, nach dem der Mensch ein kognitives Wesen ist und sich daher von allen anderen Lebewesen unterscheidet. Nach dieser Auffassung ist der Mensch vernunftbegabt und als Gattung zu unendlicher Selbstvervollkommnung fähig. Zudem kann er die Gesetzmäßigkeiten des Universums immer besser verstehen. Seine kognitiven Fähigkeiten ermöglichen es ihm, seine Lebensbedingungen ständig zu verbessern. So war es möglich, das Bevölkerungspotential der Menschheit von einigen Millionen Menschen vor etwa 20 000 Jahren auf heute über sechs Milliarden zu erhöhen. Kein Tier kann willentlich seine Lebensbedingungen verbessern...

Aber es gab auch eine genau entgegengesetzte geistesgeschichtliche Strömung in der europäischen Geschichte. Wie Friedrich Schiller in seiner Schrift Die Gesetzgebung des Lykurgus und Solon hervorhebt, war der spartanische Stadtstaat die frühe Version eines oligarchischen Modells, bei dem eine kleine oligarchische Elite, die sich selbst aufgrund von Geburt oder Reichtum für auserwählt hielt, über den Rest der Bevölkerung zu herrschen, die sie im wesentlichen als menschliches Vieh betrachteten... Um den privilegierten Zustand der oligarchischen Eliten zu erhalten, müssen die Massen des "menschlichen Viehs" in Rückständigkeit, Dummheit und niedrigen Bestrebungen gefangen bleiben. Im römischen Weltreich, das sich auf die spartanische Tradition gründete, geschah dies über die Losung "Brot und Spiele". Heutzutage spielt in vielen Ländern die teilweise noch bestialischere Unterhaltungsindustrie diese Rolle.

So verteidigt etwa der sehr einflußreiche Joseph de Maistre ... die spanische Inquisition und den Gebrauch der Folter zur Kontrolle der Massen... Wie alle seine oligarchischen Gesinnungsgenossen argumentiert de Maistre, der Mensch sei von Natur aus böse und bedürfe daher der oligarchischen Diktatur, um seine bösartigen Impulse unter Kontrolle zu bekommen. In ähnlicher Weise argumentierte auch die englische Aufklärung... .

Auf der entgegengesetzten, positiven Seite sah Leibniz jede individuelle menschliche Seele als Monade, in der sich implizit die gesamte Gesetzmäßigkeit des Universums "spiegelt"...

Ich persönlich schätze besonders das positive Menschenbild Friedrich Schillers, des deutschen Dichters der Freiheit. Dieser erklärte, jeder Mensch besitze das Potential, sich zu einer "schönen Seele" zu entwickeln. Eine "schöne Seele" ist ein Mensch, der seine Gefühle auf das gleiche Niveau wie seine Vernunft entwickelt hat und für den Freiheit und Notwendigkeit sowie Leidenschaft und Vernunft keine Gegensätze bilden.

Wenn der Mensch allgemein als das einzige kognitive Lebewesen angesehen wird, ist ein großer Schritt getan, um die Grundlagen für eine neue Renaissance zu legen, die die Welt so dringend braucht... Wenn sich die Jugend aller Länder in ihren Beziehungen zueinander auf die besten Traditionen ihrer jeweiligen Kulturen beziehen, wird die Menschheit ihre Kinderkrankheiten überwinden.

 

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