* * * Internetforum mit Helga Zepp-LaRouche * * *
Aktuelle Ausgabe Diese Ausgabe Gehe zu ... Kernthemen Suchen Abonnieren Leserforum

Artikel als
=eMail=
weiterleiten

Aus der Neuen Solidarität Nr. 21/2004

Jetzt
Archiv-CD
bestellen!

  Produktive Kreditschöpfung 
  Neues Bretton Woods
  Glass-Steagall
  Physische Wirtschaft
  Kernenergie
  Eurasische Landbrücke
  Transrapid
  Inflation
  Terror - Cui bono?
  Südwestasienkrise
  11. September und danach
  Letzte Woche
  Aktuelle Ausgabe
  Ausgabe Nr. ...
  Heureka!
  Das Beste von Eulenspiegel
  Erziehungs-Reihe
  PC-Spiele & Gewalt 
  Diskussionsforum
  Wirtschaftsgrafiken
  Animierte Grafiken

Dialog der Kulturen in der goldenen Stadt Prag

Als Gegenströmung zum "Kampf der Kulturen", wie ihn Huntington propagiert und Cheney betreibt, trafen sich in der tschechischen Hauptstadt Intellektuelle, geistige Würdenträger und andere zu einer Konferenz des "World Public Forum".


Die Frage des Menschenbildes
Warnungen vor geopolitischen Plänen

Vom 4.-6. Mai fand in Prag eine weitere Konferenz des World Public Forum - Dialogue of Civilisations statt, das Thema lautete Europa im 21. Jahrhundert: eine Begegnungsstätte der Zivilisationen. Rund 250 Politiker, Kirchenvertreter, Wissenschaftler, Intellektuelle und Künstler kamen drei Tage lang zu einem Gedankenaustausch über die Zukunft Europas zusammen.

Nach einem offiziellen Empfang im Nationalmuseum am Wenzelsplatz tagte die Konferenz im Zofin-Palast auf der idyllischen Moldau-Insel. Viele der Beiträge und Diskussionen beschäftigten sich vier Tage nach der Osterweiterung der EU mit der neuen Situation, die sich nunmehr für Europa ergeben hat. Die Konferenz wurde gemeinsam vom ehemaligen Ministerpräsidenten der Tschechischen Republik Milosh Zeman und Wladimir I. Jakunin, dem Vorsitzenden des Board of Trustees of the Center of National Glory of Russia, geleitet.

Mehrere der Teilnehmer machten sich Gedanken über die Bedeutung der Weichenstellungen für Europa in der derzeitigen Umbruchsphase. So betonte Milos Zeman in seiner Eröffnungsrede, man dürfe keineswegs die "Idee Europa" mit der Europäischen Union gleichsetzen; es sei besser, von der europäischen Zivilisation zu sprechen, zu der man nach seiner Auffassung Rußland hinzurechnen müsse. Dieser Gedanke - daß Europa als Heimat vieler Nationen und Völker, in der viele politische, wirtschaftliche und zivilisatorische Veränderungen stattfinden, die natürliche Plattform für den Dialog zwischen diesen Nationen sei und deshalb nicht auf die Grenzen der EU beschränkt sein dürfe - wurde auch in den Schlußfolgerungen am Ende der Konferenz ausgedrückt.

Wladimir Jakunin berichtete über den Fortschritt des "Dialogs zwischen den Zivilisationen" des Weltforums während der letzten zwei Jahre; die Ideen des Forums hätten eine wachsende Resonanz in Ländern wie Rußland, Indien, Griechenland, Iran, Italien, Deutschland, der Tschechischen Republik und vielen anderen gefunden. Er gedachte auch des geistigen Mitautors dieses Dialogs, J.C. Kapur aus Indien, der leider nicht persönlich anwesend sein konnte. Nicht nur die Beziehung zwischen der EU und Rußland müßten ausgebaut werden, ebenso wichtig sei die Verbesserung der bilateralen Beziehungen aller Nationen, wie z.B. Rußlands und Tschechiens. Trotz des teilweisen Verlusts der Souveränität bleibe die Frage der Souveränität ein bedeutsames Thema. Jakunin betonte die Rolle nichtstaatlicher, öffentlich zugänglicher Institutionen vor allem bei der Diskussion über menschliche Werte. Leider habe sich ein Paradigmawandel abgezeichnet, bei dem z.B. "Liebe" immer häufiger mit "Sex" und "Beruf" (Berufung) mit "Karriere" verwechselt werde. Oftmals sei die Rolle der Medien sehr negativ, diese betrieben bei der Darstellung von Schrecken, nackten Körpern, Leichen und Gewalt eine systematische Zerstörung der Grenzlinien des menschlichen Empfindungsvermögens.

Die Frage des Menschenbildes

Die Präsidentin des Schiller-Instituts, Helga Zepp-LaRouche, hielt einen Vortrag über das universelle Menschenbild, das ihrer Ansicht nach dem Dialog der Zivilisation zugrundeliegen müsse. Die Erklärung von Rhodos habe auf die große Bedrohung eines Großteils der Weltbevölkerung durch die Auswirkungen der Globalisierung und das damit verbundene Paradigma hingewiesen. Für das neue, menschlichere Paradigma sei das universelle Menschenbild, auf das man sich einigt, die wichtigste axiomatische Grundlage. Während für das Christentum das Menschenbild eindeutig definiert sei - der Mensch als Ebenbild Gottes - , wovon sich seine Würde und seine unveräußerlichen Menschenrechte ableiteten, seien die heute weit verbreiteten Ansichten zu diesem Thema keineswegs so hoch angesiedelt.

Frau Zepp-LaRouche skizzierte die heute gängigen Auffassungen - wie z.B. die, daß der Mensch nur ein höheres Tier sei, der kürzlich eine ganze Sendung des sog. Philosophischen Quartetts in einer Sendung von SAT 1 gewidmet war, ebenso wie die Behauptung einiger Genetiker, daß die Gene des Menschen diese Tierähnlichkeit bewiesen, etc. Diese Meinungen könne man leider nicht als unbedeutende Ansichten von Kulturpessimisten abtun, denn sie hätte reale Bedeutung für politische Entscheidungsprozesse. Ob das menschliche Leben als heilig und unantastbar gelte oder nicht, entscheide z.B. auch darüber, ob in der medizinischen Versorgung Kosten-Nutzendenken eine Rolle spielen dürfe oder ob Argentinien gezwungen werden könne, seine Auslandsschulden zu bezahlen, auch wenn dies nach Aussagen des Präsidenten Kirchner auf Völkermord hinauslaufe.

Es gebe in der europäischen Tradition zwei grundverschiedene Auffassungen über das Menschenbild. Die eine, auf Platon und das Christentum zurückgehende Idee fasse den Menschen als kognitives Wesen auf, das grundsätzlich von allen anderen Lebewesen verschieden sei, und das als einzige Kreatur seine Lebensgrundlagen willentlich verbessern könne. Dagegen habe es das oligarchische Konzept gegeben, das nur einer kleinen Machtelite Rechte zugesteht, während der Großteil der Bevölkerung auf den Status von menschlichem Vieh, Sklaven, Heloten oder Knechten herabgewürdigt wird. Letztlich stehe das Menschenbild der englischen Aufklärung von Hobbes, Locke, aber auch Mandeville in dieser Tradition. Auf der positiven Seite stünden u.a. Nikolaus von Kues, der den Menschen als Mikrokosmos sah, Leibniz und sein Begriff der Monade und Schiller mit seiner Idee, daß jeder Mensch eine schöne Seele werden könne.

Warnungen vor geopolitischen Plänen

Erzbischof Christopher von Prag und Tschechien griff das gleiche Thema vom Standpunkt der orthodoxen Kirche auf: Jeder Mensch sei eine Ikone Gottes und habe deshalb die Aufgabe, das Bild und die Gleichheit zu Gott zu entwickeln. Es sei seine Aufgabe, dieses Bild hell und rein zu machen. Die Hölle sei ein Ort ohne Liebe - ein Ort, wo die Menschen Rücken an Rücken stünden, sich nicht ansähen und nicht miteinander redeten. Wenn die Menschen nicht miteinander kommunizierten, dann sei dies die Hölle. In allen Kulturen gebe es solche Vorstellungen, sie würden zwar unterschiedlich formuliert, aber die allgemeine Idee sei bei allen vorhanden. Der Erzbischof dankte Frau Zepp-LaRouche, daß sie den spirituellen Charakter des Menschen betont habe.

Nachdem weitere Redner dem Plenum ihre durchaus unterschiedlichen Sichtweisen vorgestellt hatten - u.a. Gottlieb Guntern von der Creando-Stiftung, der Botschafter Serbiens und Montenegros Iljitsch Alexander, Professor Schneider von der Stiftung Wissenschaft und Politik, Professor van der Veer aus Holland, der britische Oberhausabgeordnete Robert Skidelsky, Petr Petrovitsch Tolotschko von der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften, Professor Orr aus England - , teilte sich die Konferenz in vier Arbeitsgruppen auf.

In dem Panel zu Wirtschaftsfragen betonte der ehemalige tschechische Verkehrsminister Dr. Antonin Peltroin die große Bedeutung einer integrierten Infrastruktur für die Zukunft Europas. Mehrere weitere Redner wiesen darauf hin, daß die Marktwirtschaft keineswegs soziale Stabilität gebracht habe. Frau Zepp-LaRouche hielt einen vielbeachteten Vortrag über den bevorstehenden Zusammenbruch des Weltfinanzsystems und die Möglichkeiten, diesen Krach durch eine Politik in der Tradition Franklin D. Roosevelts zu überwinden.

Eine große Sorge, die in mehreren Beiträgen zum Ausdruck kam - so in dem Vortrag von Professor Semetschkin von der Russischen Akademie der Wissenschaften - , waren geopolitische Vorstellungen, z.B. von Zbignew Brzezinski, Rußland in vier oder fünf Staaten zu zerschlagen: eine Entwicklung, die auch eine Katastrophe für alle Nachbarn Rußlands bedeuten würde. Eine solche kataklysmische Eruption würde auch die EU, Japan, China, und die Türkei völlig destabilisieren. Als absolute Provokation seien auch alle Vorschläge zu betrachten, die enormen natürlichen Ressourcen Sibiriens unter internationale Kontrolle zu bringen. Diese geopolitischen Szenarien entsprängen demselben Geist, der für den Krieg in der Mitte des 20. Jahrhunderts verantwortlich gewesen sei.

In zahlreichen Gesprächen am Rande der Konferenz wurde deutlich, daß der Wunsch, die europäische Zukunft positiv im Dialog zu gestalten, ein dringendes Bedürfnis ist, es dabei aber einen großen Spielraum für Verbesserung gibt. Weder die neuen EU-Mitglieder noch Rußland haben das Bedürfnis, von der EU-Bürokratie als Billigproduktionsländer bzw. Rohstofflieferanten behandelt zu werden, ihre Vertreter brachten sehr klar zum Ausdruck, daß sie einen ebenbürtigen Status in Anspruch nehmen. Die verschiedenen Facetten der Konferenz machten deutlich, daß Europa in dieser beispiellosen Umbruchsphase noch viel tun muß, damit das 21. Jahrhundert einen glücklicheren Verlauf nimmt als das vergangene.

Über eines waren sich alle Beteiligten einig: Der Dialog zwischen den Nationen und Zivilisationen ist unverzichtbar. Und vielleicht war es eines der hoffnungsvollsten Zeichen für die Zukunft, daß auch etliche Jugendliche aus Ost und West an dieser Konferenz teilnehmen.

zl

 

Aktuelle Ausgabe Diese Ausgabe Kernthemen Suchen Abonnieren Leserforum