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Aus der Neuen Solidarität Nr. 47/2003

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Wal-Mart macht arm

Ein schlagendes Beispiel für die wirtschaftlichen und
sozialen Folgen der Globalisierung

Gemessen am Umsatz ist Wal-Mart das größte Unternehmen weltweit. Sein Erfolg beruht auf moderner Ausbeutung, d.h. Arbeit zu Mini-Löhnen und ohne Krankenversicherung sowohl bei den eigenen Mitarbeitern als auch bei den Arbeitnehmern in den Zulieferbetrieben.


Das System Wal-Mart
Dubiose Erfolgsstory

Steinzeitliche Sozialpolitik

Wozu Gewerkschaften gut sind

In den ersten drei Jahrzehnten nach dem Kriege gelang den führenden Industrienationen in Amerika, Europa und Asien eine bemerkenswerte Wiederaufbauleistung. Die deutsche Wirtschaft schaffte in der gleichen Zeit einen kaum für möglich gehaltenen Sprung an die Weltspitze im Außenhandel. Auch heute noch exportiert Deutschland mehr Güter als die fünfmal größere US-Wirtschaft, und sein Export garantiert direkt ein Drittel der hiesigen Arbeitsplätze. Das Erfolgsrezept ist einfach und galt bis vor wenigen Jahren als selbstverständlich: Beständige, hohe Investitionen in physische Infrastruktur, Forschung, Bildung und Gesundheit. Nur das im Weltmaßstab hohe Niveau bei Lebensstandard, Ausbildung und Dichte der Infrastruktureinrichtungen ließ einen industriellen Mittelstand entstehen, dessen Produkte aufgrund ihrer Qualität konkurrenzlos wurden. Ein typisches Beispiel hierfür ist der Werkzeugmaschinenbau. Die deutschen Großunternehmen, etwa im Automobilsektor, in der Elektrotechnik oder in der Luft- und Raumfahrt, profitierten wiederum von der engen Zusammenarbeit mit ihren mittelständischen Zulieferern.

An dieses Erfolgsmodell wird seit geraumer Zeit in Deutschland, wie auch anderswo, die Axt angelegt. Auf einmal heißt es, für die genannten Investitionen sei kein Geld mehr vorhanden, und man müsse sie drastisch kürzen. Entgegen aller wirtschaftlicher Vernunft werden Staaten angehalten, ihre Infrastruktur meistbietend zu verscherbeln und sodann dem Gesetz der kurzfristigen Gewinnmaximierung zu unterwerfen. Liberalisierung erhält plötzlich Vorrang vor Versorgungssicherheit, etwa im Energiesektor. Auch die Großunternehmen kappen ihre Bindungen an den hiesigen Mittelstand und versuchen durch Produktionsverlagerung ins billigere Ausland Kosten zu drücken. Mit dem Hinweis auf die "Globalisierung" wird der Anpassungswettlauf nach unten schließlich als unabänderliches Faktum hingestellt. Die Folgen für die Industrieländer sind katastrophal. Denn Qualität konnten nur wenige, aber billig kann jeder. Und billig können andere viel besser, auch wenn wir noch so viele Kosten einsparen.

Das System Wal-Mart

Wie dieser Billigwahn ganze Sektoren einer Volkswirtschaft ruinieren und Millionen von Arbeitsplätzen vernichten kann, zeigt der Fall Wal-Mart. Die amerikanische Kaufhauskette ist seit letztem Jahr gemessen am Umsatz das größte Unternehmen weltweit. Das System Wal-Mart bildet den genauen Gegensatz zu dem beschriebenen Erfolgsmodell der führenden Industrieländer in der Nachkriegszeit. Mit dem Aufstieg von Wal-Mart verschwanden die Produkte heimischer Unternehmen aus dem Angebot amerikanischer Kaufhäuser und machten Platz für Billigprodukte aus Asien und Lateinamerika. Dank seiner übermächtigen Marktstellung im US-Einzelhandel zwingt Wal-Mart nicht nur die übrigen Handelsketten, dem eigenen Beispiel zu folgen. Es zwingt zugleich die verbliebenen amerikanischen Industrieunternehmen, immer größere Teile ihrer Produktion nach Mexiko, China oder Bangladesh auszulagern, weil sie ansonsten als Verlierer des Billigwettlaufs ihren Lieferantenstatus bei Wal-Mart verlieren.

Insgesamt bleiben so unzählige Industriearbeitsplätze in den USA auf der Strecke, und Tausende von Einzelhändlern, die dem Dumping nicht folgen können, werden zum Aufgeben gezwungen. Darüber hinaus sägt Wal-Mart in den USA, und in seinen übrigen Standorten weltweit, unmittelbar am Lebensstandard der jeweiligen Bevölkerung, indem es eine Zusammenarbeit mit Gewerkschaften generell ablehnt und auf diese Weise den Abbau von sozialen Rechten vorantreibt.

Am 1. November sagte US-Präsidentschaftsbewerber Lyndon LaRouche dem Wal-Mart-System den Kampf an. Der zerstörerischen Politik von Wal-Mart müsse Einhalt geboten werden, sowohl durch einen Boykott wie durch die Aufdeckung der Methoden und ihrer Auswirkungen. LaRouche bemerkte am 1. November: "Wal-Mart ist kein Unternehmen, es ist eine ansteckende Krankheit." Wal-Mart repräsentiert die Globalisierung und "gehört zu den wichtigsten Faktoren, die in den Vereinigten Staaten für die Arbeitslosigkeit verantwortlich sind".

Dubiose Erfolgsstory

Im Jahre 1962 öffnete Sam Walton seinen ersten Wal-Mart. Schon vier Jahre später ging das Unternehmen an die Börse. Der große Aufstieg begann aber erst im Jahre 1987, als Wal-Mart seine ersten Supermärkte unter dem Namen Hypermarket USA aufmachte, mit einer gegenüber dem damaligen Kaufhausdurchschnitt zehnmal größeren Handelsfläche. Heute entsteht alle 42 Stunden irgendwo in der Welt ein neues Wal-Mart-Kaufhaus, insgesamt bereits 4700 mit 1,3 Millionen Beschäftigen. Im vergangenen Jahr brachte es Wal-Mart bereits auf einen Umsatz von 244 Mrd. Dollar, eine Vervierfachung innerhalb von zehn Jahren.

Längst hat Wal-Mart in verschiedenen Sektoren eine marktbeherrschende Stellung. Bei Lebensmitteln hat Wal-Mart in den USA einen Marktanteil von 19%. In den nächsten fünf Jahren soll dieser Anteil auf 35% hochgeschraubt werden und dabei der Umsatz in diesem Bereich von jetzt 82 auf dann 165 Mrd. Dollar steigen. Allein in Kalifornien sollen innerhalb von fünf Jahren 40 neue Supermärkte eröffnet werden - ein wesentlicher Grund für den derzeitigen Streik von 70 000 Beschäftigten bei Lebensmittelbetrieben im Süden dieses Bundesstaates. Denn in Vorbereitung auf die Wal-Mart-Offensive haben die Wettbewerber angekündigt, sowohl die Löhne wie die Beiträge für die Krankenversicherung neu zu verhandeln, das heißt zu senken. Wal-Mart vertreibt 16% aller pharmazeutischen Produkte in den USA. Bei Haushaltswaren wie Taschentüchern und Zahnpasta liegt der Marktanteil gegenwärtig bei 30% und er soll schon bald auf 50% steigen. Rund ein Fünftel aller CDs, DVDs und Videos in den USA werden durch Wal-Mart verkauft.

Bei fast allen führenden US-Herstellern von Konsumprodukten - so besonders viele gibt es allerdings nicht mehr - ist Wal-Mart der mit Abstand größte Käufer und nimmt häufig ein Fünftel bis ein Viertel der gesamten Produktion ab. Wal-Mart nutzt diese Marktmacht, um die Preise seiner Lieferanten zu diktieren. Es kann einen Produzenten zwingen, seine Preise drastisch zu senken, was dann notwendigerweise eine Auslandsverlagerung der Produktion nach sich zieht. Beispielsweise "verhandelte" Wal-Mart zu Beginn des Jahres 2001 mit dem führenden US-Hersteller von Gummi-Konsumwaren Newell Rubbermaid über neue Bedingungen für Volumen und Preise. Das Ergebnis war die Ankündigung von Newell Rubbermaid, 69 von 400 Produktionsstätten in den USA zu schließen und dabei 11 000 Arbeitsplätze abzubauen. Dies sei aber nicht genug, urteilten Wall-Street-Analysten. Denn "um die Forderungen von Schlüsselkunden wie Wal-Mart zu erfüllen", müsse das Unternehmen "etwa 50% seiner Produktion in Billiglohnländer verlagern". Inzwischen steht Wal-Mart für ein Zehntel aller US-Importe aus China, wobei es sich häufig um Produkte von ausgelagerten US-Unternehmen handelt.

Steinzeitliche Sozialpolitik

"Wäre Wal-Mart ein Land", schrieb kürzlich der Irish Independent, "so stände es im Importvolumen vor Großbritannien und Rußland". Es wäre auch ein Land mit einer für entwickelte Volkswirtschaften geradezu steinzeitlichen Sozialpolitik. Gegenüber Gewerkschaften betreibt das Unternehmen weltweit einen Konfrontationskurs. Auf wöchentlich stattfindenen Treffen werden Wal-Mart-Mitarbeiter in Sachen Arbeitnehmerverhältnisse "geschult", das heißt von dem Eintritt in eine Gewerkschaft abgeschreckt. Im US-Lebensmittelsektor zahlt Wal-Mart Löhne, die im Schnitt 23% unter denen der gewerkschaftlich organisierten Beschäftigen liegen. Mehr als Zweidrittel der Wal-Mart-Vollzeitbeschäftigten in den USA haben ein Einkommen, das unterhalb der Armutsgrenze für einen Dreipersonenhaushalt liegt. Untersuchungen zufolge ist die überwiegende Mehrheit dieser Beschäftigten nicht krankenversichert. Tausende von Mitarbeitern haben darüber geklagt, daß Überstunden nicht bezahlt wurden. Allein in dieser Hinsicht sind zur Zeit in 36 US-Bundesstaaten Gerichtsverfahren gegen Wal-Mart anhängig. Am 31. Oktober erklärte die Staatsanwaltschaft von Pennsylvania, sie werde gegen Wal-Mart ein Verfahren wegen der Verletzung von Einwanderungsbestimmungen einleiten. Dem Kaufhausriesen wird vorgeworfen, gezielt mit Subunternehmen zusammenzuarbeiten - etwa bei der Reinigung - , die illegale Einwanderer aus Tschechien, Rußland und Mexiko zu Hungerlöhnen und haarsträubenden Arbeitsbedingungen beschäftigen. Am 23. Oktober waren bei einer FBI-Razzia in 21 US-Bundesstaaten Hunderte von illegal Beschäftigen bei Wal-Mart festgenommen worden.

Wozu Gewerkschaften gut sind

Während Wal-Mart sein "Erfolgsmodell" in der Welt verbreiten will, ist die Expansion in Europa allerdings ins Stocken geraten. Im Jahre 1999 erwarb Wal-Mart 252 Kaufhäuser auf der britischen Insel. Bereits 1997 übernahm Wal-Mart die deutsche Wertkauf-Gruppe mit 21 Kaufhäusern und ein Jahr später zusätzlich 74 Kaufhäuser von Interspar. Deutschland sollte damit zum Brückenkopf für Wal-Mart auf dem europäischen Kontinent werden. Dazu wollte man zunächst das Engagement in Deutschland massiv ausweiten und für den Jahresbeginn 2001 waren den Planungen zufolge 50 neue Wal-Mart-Supermärkte in Deutschland vorgesehen. Doch es kam ganz anders. Nicht in einziger Supermarkt kam hinzu. Im Gegenteil, drei der ursprünglichen 95 Center mußten geschlossen werden. Von den übrigen 92 haben Berichten zufolge 90 noch in keinem Jahr irgendeinen Gewinn erwirtschaftet. Auf diese Weise stagniert der Marktanteil von Wal-Mart am deutschen Einzelhandel bei rund einem Prozent.

Zu den vielen Problemen von Wal-Mart in Deutschland gehört unter anderem der Konflikt mit den hiesigen Gewerkschaften. Ein Treffen von Mal-Mart-Managern mit Vertreten der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di endete am 16. Oktober 2002 in einem Eklat. Auch in Deutschland beharrte Wal-Mart auf seiner grundsätzlichen Gewerkschaftsfeindlichkeit. Einen Tarifvertrag mit ver.di werde es daher nicht geben. Daraufhin veranstaltete ver.di am 21. November 2002 einen Nationalen Aktionstag als Teil eines weltweiten Aktionstages von Gewerkschaftsorganisationen gegen Wal-Marts Sozialdumping. Zudem hat Wal-Mart Deutschland eine ganze Serie von Gerichtsverfahren verloren, weil sich das Unternehmen beharrlich weigert, seine Bilanzen zu veröffentlichen. Dafür zahlt Wal-Mart nun fleißig Bußgelder. Aber die Bilanzen bleiben nach wie vor unter Verschluß.

Wal-Marts besonderes Aushängeschild, der sogenannte "Kundenservice" - genauer gesagt, die Verpflichtung der Mitarbeiter, jeden Kunden im Umkreis von wenigen Metern anzusprechen - , wurde von deutschen Kunden als Belästigung aufgefaßt und mußte umgehend eingestellt werden. Zu Jahresbeginn 2003 beklagte Wal-Mart Deutschland einen dramatischen Umsatzeinbruch von 11% gegenüber dem Vorjahr.

Im Juni 2003 verfaßte das Institut für Weltwirtschaft und Internationales Management der Universität Bremen eine Studie "Wal-Mart in Deutschland - eine verfehlte Internationalisierungsstrategie". Die Studie beschreibt, wie Topmanager von Wal-Mart in den vergangenen Jahren nach Deutschland geschickt wurden, im Glauben, sie könnten ohne Beschäftigung mit den lokalen Gegebenheiten und Gewohnheiten und natürlich auch ohne Erlernen der hiesigen Landessprache einfach das amerikanische Geschäftsmodell kopieren. Die Grundhaltung dieser Manager gegenüber dem neuen Standort charakterisiert die Studie als "Arroganz und Kampf der Kulturen". Das alles schlug aber gründlich fehl. Das Fazit des Bremer Instituts: "Die Erfolgsaussichten von Wal-Mart Germany sind daher weiterhin als sehr gering einzustufen." Nach Analysten der Commerzbank geriet die Wal-Mart-Expansion in Europa zum Fiasko, zumindest vorläufig.

Lothar Komp

 

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