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Aus der Neuen Solidarität Nr. 33-34/2003

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Religion und Freiheit:
Welche Welt gestalten wir im 21. Jahrhundert?

Von Helga Zepp-LaRouche

Anläßlich des Besuchs von Lyndon LaRouche und Helga Zepp-LaRouche im Juni in der Türkei veröffentlichte das türkischsprachige Magazin Yarin in seiner Internetausgabe folgenden Artikel der BüSo-Bundesvorsitzenden:

Wenn man die Spannungen zwischen dem Laizismus der kemalistischen Tradition und der Tendenz zur Islamisierung in der Türkei nur von einem rein innenpolitischen Standpunkt betrachtet, kann man leicht einen wichtigen Aspekt dieser Frage übersehen. Ich habe viele islamische Freunde in verschiedenen Ländern und kenne deren Ansichten über die nicht zu leugnende Dekadenz der westlichen Zivilisation, die sich längst von ihrer klassischen humanistischen Tradition abgewandt hat. Nach dem jüngsten anglo-amerikanischen Krieg gegen den Irak, dem unverhohlenen Versuch, die ganze Welt einem neuen amerikanischen Weltreich zu unterwerfen und die Türkei zur Teilnahme an einem Krieg zu zwingen, der ihre existentiellen Sicherheitsinteressen verletzt hätte, scheint es verständlich, daß sich mehr und mehr Menschen dem Islam und seiner entschlossenen anti-imperialistischen und anti-kolonialistischen Haltung zuwenden.

Die Arroganz gewisser Kräfte in der Europäischen Union, die mit zunehmend rabiateren Maßnahmen Europa als relative Wohlstandsinsel abschotten und die Verhandlungen über einen Beitritt der Türkei auf die lange Bank zu schieben versuchen, wirken in die gleiche Richtung: Sie geben den Islamisten Auftrieb.

Aus diesem Blickwinkel übersehen wir leicht folgende Tatsache: Das oligarchische System, das in seiner radikalsten Form in der Politik der imperialen Fraktion in den USA zum Ausdruck kommt und in seiner weniger aggressiven Form in Europa, behandelt die ärmeren Schichten seiner eigenen Länder nicht wesentlich besser als etwa die Türkei.

In Europa und den USA gibt es zwei grundsätzlich verschiedene Traditionen. Der deutsche Dichter und Historiker Friedrich Schiller hat als erster explizit darüber geschrieben. Der Stadtstaat Sparta war eine frühe Ausformung des oligarchischen Staatsmodells, während das Athen Solons dem republikanischen Modell folgte. Schiller beschreibt Sparta als einen auf den ersten Blick anscheinend perfekt funktionierenden Staat, der sich aber bei näherem Hinsehen als menschenverachtendes Gebilde entpuppt, bei dem die niederen Schichten, die Heloten, den Interessen einer kleinen oligarchischen Machtelite aufgeopfert werden. Dem gegenüber stellt er den Stadtstaat Athen unter der Führung des weisen Solon mit einem politischen System, bei dem das Gemeinwohl der Bevölkerung der Zweck ist. Sinn dieses politischen Modells ist "Fortschreitung" der Menschheit.

In der Tradition Spartas stehen das Römische Reich und alle imperialen Regierungsformen seitdem. Umgekehrt war Solons Athen das Vorbild für alle dem Gemeinwohl verpflichteten Regierungsformen wie z.B. in Frankreich unter Ludwig XI., im Florenz der Renaissance, wie auch für die Politik Colberts und der preußischen Reformer Anfang des 19. Jahrhunderts in Deutschland.

In den USA sind diese beiden diametral entgegengesetzen Traditionen ebenfalls fortgesetzt worden: auf der einen Seite die explizit dem Gemeinwohl verpflichtete Tradition der Gründerväter und der amerikanischen Revolution, zu der Lincoln, F.D. Roosevelt, Martin Luther King und heute Lyndon LaRouche gehören; auf der anderen Seite wurde mit der anglophilen Opposition gegen die amerikanische Revolution die oligarchische Tradition fortgeführt, die sich wiederum in der Sklavenhaltermentalität der Südstaatenkonföderation, in der rassistischen Politik von Teddy Roosevelt, Woodrow Wilson und Nixon fortsetzte, und die heute in der Politik des neokonservativen Flügels der Bush-Administration zum Ausdruck kommt.

Ein typischer Vertreter dieser neokonservativen Revolution, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Ideen von 1776 auszumerzen, ist der berüchtigte Samuel Huntington. Um die gegenwärtige strategische Lage zu verstehen, muß man sein ansonsten inkompetentes Buch von 1996 "Krieg der Zivilisationen" ernstnehmen. In diesem Buch behauptet Samuel Huntington, es werde notwendigerweise zu einem Krieg zwischen Christentum, Judaismus, Islam, Hinduismus und Konfuzianismus kommen, weil es zwischen diesen Religionen und Kulturen keinerlei verbindende Prinzipien gäbe. Einmal davon abgesehen, daß Huntington mit seinem Machwerk beweist, daß er von all diesen Kulturen nicht die geringste Ahnung hat: Dieses Buch ist keine akademische Abhandlung sondern die operationelle Basis der Politik der Bush-Administration.

Schon in der ersten Bush-Administration versuchten Cheney, Rumsfeld und Co. nach dem Kollaps der Sowjetunion den Ost-West-Konflikt durch einen neuen Nord-Süd-Konflikt zu ersetzen, wobei vor allem der Islam zum neuen Feindbild erklärt wurde.

Dieses Freund-Feind-Denken geht auf die Mentoren der Neocons, Leo Strauss, Carl Schmitt und Alexandre Kojève zurück und wurde nach dem 11. September die dominierende Politik der USA. Doch Huntingtons Szenario des Kriegs der Kulturen funktioniert nur, wenn die fundamentalistische Tradition in den jeweiligen Kulturen und Religionen herrscht. Es funktioniert nicht, wenn in diesen Kulturen und Religionen der ökumenische Geist dominiert und auf Völkerverständigung ausgerichtet ist.

Beide Tendenzen finden sich in allen großen Religionen und Kulturen. Im Christentum gibt es die fundamentalistische Tendenz von den Kreuzfahrern bis heute zu den sendungsbewußten protestantischen Fundamentalisten in den USA, die meinen, in den wörtlichen Zitaten aus der Bibel liege die konkrete Anweisung für alle Probleme der Gegenwart. Offenbarung und Vernunft erscheint ihnen als unversöhnlicher Gegensatz. Doch ebenso gibt es die Tradition des Christentums, die eine ökumenische Verständigung zwischen den Religionen als gottgewollt ansieht und davon ausgeht, daß es keinen Widerspruch zwischen Glauben und Vernunft gibt. Dazu gehören Augustinus, Abälard, Nikolaus von Kues und auf der protestantischen Seite Leibniz und die Dichter Lessing und Schiller.

In der Geschichte des Hinduismus sind die Schriften der Rigveda und der Upanischaden auf Toleranz und Verständigung ausgerichtet, im Gegensatz zu gewissen fundamentalistischen Tendenzen heute, die entgegen der wahren Tradition Indien in einen theokratischen Staat verwandeln wollen, in dem die "Hinduva" regiert. Im Judentum stehen sich in gleicher Weise die Orthodoxie und die ökumenische Tendenz von Philo von Alexandrien, Moses Maimonides und Moses Mendelsohn gegenüber. Im Islam, wo ebenfalls beide Tendenzen eine lange Tradition haben, stehen Denker wie Al Farabi, Al Kindi oder Ibn Sina für Dialog und Verständigung.

Der 30jährige Krieg, der eine Auseinandersetzung zwischen zwei fundamentalistischen Versionen des Christentums war, brachte in Europa die Erkenntnis, daß an die Stelle des religiösen Eifers die Vernunft treten muß, soll die Gesellschaft die Grundlagen ihrer Existenz nicht selbst zerstören. Der Westfälische Frieden war das Resultat dieses Prozesses. Mit ihm wurde nicht nur der Religionskrieg beendet, sondern auch das moderne Völkerrecht begründet, auf dem unter anderem die UN-Charta basiert.

Wenn jede Religion unversöhnlich dabei bleibt, daß sie die allein selig machende ist, dann kommt es immer wieder zu solchen Massakern, wie sie z.B mit der unrühmlichen Geschichte der Kreuzzüge verbunden sind. Das Beispiel der Kreuzzüge verdeutlicht, wie diese fundamentalistischen Strömungen, z.B. bei Bernhard von Clairvaux, sehr oft den ganz konkreten Wirtschaftsinteressen der jeweiligen oligarchischen Kräfte von Nutzen waren; denn sie halfen dabei, die Handelswege Venedigs und anderer italienischer Stadtstaaten in der Levante auf lange Zeit zu sichern. Eine ganz ähnliche Verknüpfung gibt es heute zwischen der imperialen Politik der Neocons in den USA und den fundamentalistischen Ansichten der christlichen Rechten.

So schreibt der renommierte Historiker Heinrich August Winkler in der deutschen Wochenzeitschrift Die Zeit vom 26.Juni 2003:

Der Weltfriede kann nur zurückgewonnen werden, wenn man der Konfrontationsstrategie Huntingtons überall in der Welt bewußt den Dialog der Kulturen entgegensetzt. Und in der Tat, wenn man die Universalgeschichte der Menschheit betrachtet, wird deutlich, auf welcher Ignoranz die Thesen Huntingtons beruhen. Denn das, was allen Kulturen und Religionen der Welt gemeinsam ist, ist die Betonung der kognitiven Fähigkeiten des Menschen, die ihn absolut von allen anderen Lebewesen unterscheiden.

Wenn ein Mensch irgendwo auf der Welt ein gültiges universelles Prinzip in Wissenschaft oder Kunst entdeckt, dann ist dieses Prinzip von jedem anderen Menschen, gleich welcher Kultur oder Religion er angehört, replizierbar. Wenn man die Universalgeschichte auf die großen Entdeckungen solcher universeller Prinzipien hin untersucht, sieht man sofort, daß die Fackel des Fortschritts mal von dieser, mal von jener Zivilisation weitergetragen wurde.

Daß der Mensch immer wieder solche Entdeckungen machen kann, die sein Wissen über die Naturgesetzlichkeit immer weiter vervollkommnen, hängt mit der spezifischen Charakteristik seiner kognitiven Fähigkeiten zusammen. Die drei großen monotheistischen Religionen, aber auch der Hinduismus, gehen davon aus, daß diese Vernunftfähigkeit des Menschen nicht etwa das Resultat eines evolutionären Prozesses von unten ist, sondern vielmehr eine bestimmte Form der Teilnahme des Menschen an Gott darstellt.

Im Christentum findet sich die Idee des Menschen als Ebenbild Gottes, der die edelste Fähigkeit des Schöpfergottes repliziert und auf Erden den Schöpfungsprozeß als Instrument Gottes weiterführt. Nikolaus von Kues spricht auch davon, daß der Mensch fähig ist zur "capax Dei", zur Teilhabe an Gott. Eine ähnliche Idee existiert im Islam. Im Islam ist der Mensch zum Kalifen Allahs (zum Vertreter Gottes auf Erden) ernannt (Koran 2:30) und Gott hat dem Menschen die Seele eingehaucht, d.h. die Seele des Menschen stammt von Gott (Koran 32:9). Aber auch im frühen Hinduismus der Rigveda und der Upanischaden existiert die gleiche Idee, daß Gott in jedem Menschen anwesend ist.

Es ist diese kognitive Kapazität des Menschen, die es ihm erlaubt hat, durch eine lange Reihe von immer weiter verbesserten Erfindungen das Bevölkerungspotential der menschlichen Gattung von wenigen Millionen (dem maximalen Bevölkerungspotential etwa von Menschenaffen) auf über sechs Milliarden Menschen zu erhöhen. Wenn wir die bekannten Technologien überall auf der Welt einsetzen würden, läge das Bevölkerungspotential schon heute bei rund 25 Milliarden Menschen. Die tatsächliche Entwicklung der Menschheit entspricht also durchaus dem 1. Buch der Genesis der Bibel, in dem es heißt, daß der Mensch über Vögel und Fische herrschen, sich die Erde untertan machen und sich vermehren soll.

Es ist offensichtlich, daß der Mensch im Laufe seiner Entwicklung - wenn man den großen Bogen dieser Entwicklung betrachtet - innerlich und geistig freier geworden ist. Je mehr der Mensch zur Sicherung seiner Lebensgrundlagen seine eigene Muskelkraft durch Anwendung der in Technologie umgewandelten Ergebnisse seiner kognitiven Fähigkeiten im Produktionsprozeß ersetzen konnte, desto höher stieg seine Lebenserwartung und um so mehr konnte die Arbeitsteilung sich differenzieren. Dieser Fortschritt ist keine Option, die man wählen kann oder auch nicht, sondern Teil der Schöpfungsordnung. Wird die Schöpfungsordnung verletzt, geht die entsprechende Gesellschaft unter. Die Museen der Welt sind voller Beispiele von Zivilisationen, die stagnierten und deshalb untergingen.

Die reale Universalgeschichte der Menschheit ist also der Beweis, daß Fortschritt notwendig ist, und daß es keinen Gegensatz zwischen Glauben und Vernunft zu geben braucht. Die Gesetze der Schöpfungsordnung sind wißbar, und die schöpferische Vernunft kann sich dem großen Plan Gottes nähern und ihn immer besser verstehen. Daß der Fortschritt manchmal von oligarchischen Interessen instrumentalisiert wird, und als Folge davon die menschliche Entwicklung der Gesellschaft auf der Strecke bleibt, ist ein politisches Problem, ändert aber nichts an der Schöpfungsordnung.

Ein Staat, der dem Gemeinwohl verpflichtet ist, wird also immer dafür Sorge tragen, daß die kognitiven Fähigkeiten seiner Bürger auf die bestmögliche Weise gefördert werden. Dazu gehört die maximale Ausbildung aller im Menschen potentiell angelegten Fähigkeiten.

Die Menschheit ist heute an einem absoluten Scheidepunkt angekommen. Wenn wir dem Absturz in ein neues finsteres Zeitalter entgehen wollen, der unweigerlich das Resultat eines Krieges der Religionen und Kulturen wäre, dann müssen wir den Dialog dieser Kulturen ernsthaft betreiben. Wenn sich jede Kultur auf die jeweils besten Traditionen der jeweilig anderen bezieht - also auf die Perioden und Ideen, in der diese Kultur eine Hochphase hatte und die Menschheit als Ganze vorangebracht hat - dann ist die Verständigung einfach. Es geht dabei nicht um ein definitives Ergebnis, nicht um ein Dogma, wer besser war, oder wer recht hatte. Es geht um den Prozeß des Dialoges und die Tatsache, daß Vertreter verschiedener Kulturen und Religionen miteinander sprechen, sich kennen und schätzen lernen, ist das Ziel. Sie werden in diesem Prozeß zu besseren Menschen. Eine neue kulturelle und moralische Renaissance wird ebenso wie frühere nur möglich sein, wenn wir uns auf die besten klassischen Perioden der Vergangenheit beziehen und aus dieser Berührung dann etwas Neues schaffen. Das wird diesmal nur möglich sein, wenn wir die besten Traditionen der Universalgeschichte berücksichtigen.

 

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