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Aus der Neuen Solidarität Nr. 33-34/2003

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SEAFLOP 21: die neue amerikanische Marinestrategie

In der neuen amerikanischen Marinestrategie tritt ihre imperiale Stoßrichtung deutlich hervor - und mit ihr enorme Schwachstellen.


Hauptsache Angriff
Eine magere Verteidigung

Der Lehrer von Scharnhorst, Graf Wilhelm von Schaumburg-Lippe, war überzeugt, der Krieg sei das Schlimmste und Fürchterlichste. Krieg sei nur zu rechtfertigen, wenn durch ihn ein Land, das die höchsten moralischen Werte verkörpern müßte, zu verteidigen sei. Für den Grafen Wilhelm war die Verrohung und Bestialisierung der Soldaten im Krieg ein unbedingt zu vermeidendes Problem. Ihm war klar, daß man Offizieren das höchste moralisch-philosophische Niveau vermitteln mußte. Aus diesem Grunde machte er Moses Mendelssohn zu seinem Vorbild.

Aber aufgrund der verbreiteten Verherrlichung Napoleons ist die Idee der Verteidigung schon fast als etwas Unmilitärisches verschrien, als einer großen, ja man könnte sagen, imperialen Nation praktisch unwürdig.

Wenn man die Welt unreflektiert in Gut und Böse unterteilt und an eine fast schon göttliche Mission glaubt, die Welt beherrschen zu müssen, hat das natürlich Auswirkungen auf die eigene Militärstrategie. Ein gutes Beispiel für diese falsch verstandene Hybris ist die neue Marineplanung der Vereinigten Staaten Seapower 21. Dieses Strategiepapier vom Oktober 2002 bietet auch ein ganz neues Spektrum ungewollter Poesie: Das Konzept basiert auf Sea Strike, Sea Shield, Sea Basing. Zur Durchsetzung dieser Strategie sollen sogenannten Carrier Strike Groups, Expeditionary Strike Groups und Expeditionary Strike Forces aufgebaut werden. Die Versorgung dieser weitverstreuten einzelnen Strike Groups wird durch die neue Combat Logistics Force gewährleistet. Was wollen uns diese "Metaphern" sagen?

Es ist nichts anderes als das alte Konzept der Carrier Battle Groups [Trägerkampfgruppen] und der Amphibious Battle Groups [Amphibische Kampfgruppen] in neuer Form. Während man sich früher mit der Zweikriegsdoktrin begnügte - d.h. man glaubte, zwei mittlere Konflikte gleichzeitig auf der Grundlage von Flugzeugträgern und amphibischen Landungskapazitäten führen zu können - , hat man diese Strategie "im Rahmen des weltweiten Kampfes gegen den Terror" jetzt "globalisiert". Da die Zahl der zwölf ehemaligen Carrier Battle Groups für weltweite militärische Operationen nicht ausreicht, macht man daraus nun durch geschicktes Umverteilen und Umbenennen insgesamt 37 selbständige Strike Groups.

Hinter alledem steht das Dogma, wonach Kriege durch die "Blue-Water-Navy" gewonnen werden, in der Flugzeugträger die alles dominierende Rolle spielen - gerade so wie im Zweiten Weltkrieg. Aber hinzu kommt heute der Einsatz der "Informationstechnologie" mit ihren fast "magischen" Möglichkeiten. Wie aber schon das neue amerikanische Gesellschaftsspiel "Wo versteckt sich Saddam?" und das von "W" persönlich am 1. Mai an Bord eines Flugzeugträgers verkündete "Kriegsende" in Irak zeigen, stößt die sogenannte "Informationsüberlegenheit" schnell an ihre Grenzen.

Schon die "sicheren Informationen" über den Kriegsgrund des Irakkrieges lassen nur zwei alternative Erklärungen zu. Entweder waren die Informationen erlogen oder beruhten auf schlampiger Geheimdienstarbeit. Denkbar und wahrscheinlich ist eine Kombination aus beidem.

Admiral Vernon Clark beschreibt die neue Marinestrategie der USA mit folgenden Worten: "Die globale Lage und unsere Verteidigungsstrategie erfordern ein Militär mit der Fähigkeit, schnell auf ein breites Spektrum von Szenarien zu reagieren und die amerikanischen Interessen zu verteidigen." Alles klar?

Ein zukünftiger Krieg zwischen Großmächten wäre zweifelsohne hauptsächlich ein Seekrieg - aber er sähe etwas anders aus, als die US-Marinestrategie ihn plant. Dieser Seekrieg wäre primär ein U-Boot-Krieg. Die Antwort speziell Rußlands, Chinas, Indiens auf die amerikanische Militärdoktrin ist eine Intensivierung der Zusammenarbeit und Koordination im Bereich vor allem des U-Bootbaus und zweitens der Aufbau einer informellen militärstrategischen Kooperation.

Hauptsache Angriff

Da die USA als selbsternannte "einzige verbleibende Weltmacht mit göttlicher Mission" sich mehr mit dem Angriff beschäftigt, fällt eine Strategie der Landesverteidigung sehr knapp aus, wenn nicht sogar fast völlig unter den Tisch. Den amerikanischen Ideologen scheint die Vorstellung, andere große Staaten könnten als Reaktion auf existenzielle Bedrohung und Aggression nicht mit Unterwerfung, sondern mit einer durchdachten militärischen Gegenstrategie reagieren, die an den Schwachpunkten der US-Strategie ansetzt, völlig entgangen zu sein. Diese mentale Blockade basiert natürlich auch auf einem rassistisch gefärbten Überheblichkeitswahn.

Einige Fakten zur U-Boot-Rüstung: Seit Ende der 80er Jahre und verstärkt in den letzen Jahren liefert Rußland modernste U-Boot-Technologie an China und Indien. So erhielt Indien zehn U-Boote der Klasse Kilo I, ein hochmoderner dieselelektrischer Typ. Diese U-Boote sind mit neuen Mittelstreckenraketen vom Typ SSNX27/3 ausgerüstet, die aus Torpedorohren abgeschossen werden können. Indien baut darüber hinaus mit russischer Unterstützung auf der Mazagon-Werft in Bombay das erste eigene Nuklear-U-Boot mit Mittelstreckenraketen. Schon zum Üben erhalten die Inder ein russisches Atom-U-Boot vom Typ Akula I-Mod, das hauptsächlich mit SSN21-Marschflugkörpern bewaffnet ist. Diese auch aus Torpedorohren verschießbaren und nuklear bestückbaren Waffen fliegen fast in Bodennähe und haben eine Reichweite von fast 3000 Kilometern.

Den gleichen U-Boot-Typ Kilo I und auch Kilo II erhalten auch die Chinesen. Es wurden bereits drei Kilo I geliefert, und zehn Kilo II sind in der Auslieferung. Die oben genannten SSN21-Marschflugkörper können von jedem U-Boot mit Torpedorohren des Kalibers 53,3 cm verschossen werden. Damit werden diese sog. konventionellen U-Boote zu strategischen Nuklearwaffenträgern. Das gleiche gilt übrigens auch für die drei von Deutschland für Israel gebauten und auch bezahlten U-Boote der Dolphin-Klasse, die entsprechend mit amerikanischen Tomahawk-Marschflugkörpern bestückt werden können.

Alle diese U-Boote können darüber hinaus auch Minen legen, die ebenfalls nuklear bestückt sein können. Auf die enormen militärischen Möglichkeiten, die sich durch modernste Minenentwicklungen ergeben, werden wir in einem weiteren Beitrag näher eingehen.

China hat genau wie Indien damit begonnen, auf der Bohaiwerft in Huludao eigene atomwaffentragende Nuklear-U-Boote zu bauen. Im Fall Chinas handelt es sich um den Typ 093, der Mittelstreckenraketen tragen kann, sowie den Typ 094/Daqingyu-Klasse mit Julong 2- Interkontinentalraketen.

Eine magere Verteidigung

Wie sieht nun der amerikanische Küstenschutz aus? Die großen amerikanischen nuklearen Angriffs-U-Boote, hauptsächlich vom Typ der Los Angeles- und Improved Los Angeles-Klasse sind mit ihren 7000 Tonnen für die flachen Gewässer des amerikanischen Kontinentalsockels, mit Wassertiefen von 30-100 Metern, völlig ungeeignet. Diese U-Boot-Typen werden vorrangig als Jagd-U-Boote (Hunterkiller) gegen andere strategische U-Boote oder als Begleitschutz für Flugzeugträger eingesetzt. Die USA verfügen über kein einziges küstentaugliches U-Boot. Die Lage bei der Minensuche sieht nicht viel besser aus. Die USA verfügen über 26 Minensuchboote, von denen ein großer Teil als eine Art koloniales Kanonenboot im Ausland eingesetzt werden.

Der Vorteil dieselelektrischer U-Boote oder deren Weiterentwicklung - siehe Typ 212 der Bundesmarine mit Brennstoffzellenantrieb - besteht im Küstenvorfeld vor allem darin, daß die U-Boote eine vergleichsweise geringe Größe aufweisen und in der Lage sind, durch Abschalten aller Motoren den Geräuschpegel und damit die Ortbarkeit drastisch abzusenken. Im Gegensatz dazu müssen Nuklear-U-Boote mindestens die Pumpen für die Reaktorkühlung laufen lassen und besitzen damit eine hohe Geräuschemission.

Als neuste Entwicklung kann der Typ 212 untergetaucht wochenlang operieren und besitzt damit ein fast an Nuklear-U-Boote heranreichendes Einsatzspektrum. Es wäre durchaus vorstellbar, daß bei einem neuen, vielleicht mit Nuklearwaffen geführten amerikanischen "Präventivkrieg", durch den sich andere Großmächte existenziell bedroht sehen, diese für die Amerikaner ganz unerwartet nicht mit Interkontinentalraketen antworten (weshalb Washington ja die "Nationale Raketenabwehr" forciert). Vielmehr könnten andere Großmächte mit den oben beschriebenen Waffen des Unterwasserkrieges zurückschlagen. Als Warnung wäre auch denkbar, das amerikanische Küstengebiet teilweise zu verminen. Als historisches Beispiel sei hier nur die deutsche U-Boot-Kriegsführung mit "Operation Paukenschlag" und "Operation Neuland" (Verminung und Torpedoangriffe bis direkt vor New York oder dem Mississippi) von 1942 erwähnt, die die Amerikaner fast vollkommen unvorbereitet an ihren Küsten traf.

Es scheint offensichtlich, daß uns nur ein dramatisches Umdenken, vor allem im amerikanischen Militär, vor einer eventuellen militärischen Katastrophe bewahren kann. Die "Lakeitel"-Mentalität, die schon im Irakkrieg zu katastrophalen Folgen führte, könnte für die gesamten Vereinigten Staaten zu einem ganz bösen Erwachen führen. Die USA müssen aufhören, von einer weltweiten Pax Americana zu träumen, und sich wieder als berechenbarer Partner in die Völkergemeinschaft eingliedern.

Andreas Ranke

 

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