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Aus der Neuen Solidarität Nr. 12-13/2003

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Wer reorganisiert nun das kollabierende Finanzsystem?

Wegen des fortdauernden Dramas um den Irakkrieg nahm die Weltöffentlichkeit nur nebenbei Notiz von der nicht weniger dramatischen "Todespirale", in welche die Finanzmärkte von Tokio, London, Frankfurt bis New York eingetreten sind. Die Zentralbanken bereiten sich auf den Notstand vor.


Haben die Zentralbanken einen Plan?

Tokio, 11. März. Zum ersten Mal seit Januar 1983 schließt der Nikkei-Index auf einem Niveau unterhalb von 8000 Punkten. Gut 13 Jahre nach dem Platzen der Immobilien- und Aktienblase ist der japanische Aktienindex damit bei weniger als einem Fünftel seines Höchstwertes angekommen.

Für die führenden Banken des Landes, einst die größten der Welt, bahnt sich eine Katastrophe an: Am 31. März müssen sie erstmals unter leicht verschärften Bedingungen ihre Bilanzen vorlegen. Während man bei der Bewertung der faulen Schulden immer noch anderthalb Augen zudrückt, müssen die Aktienportfolios der Banken neuerdings zum aktuellen Marktwert angegeben werden. Es wird befürchtet, daß das Eigenkapital einiger japanischer Banken aufgrund der Kernschmelze auf dem Aktienmarkt bereits unter die gesetzlich vorgeschriebene Mindestgrenze gefallen ist.

Regierung und Zentralbanken werden bedrängt, unverzüglich zu intervenieren. Die Regierungspartei LDP schlägt vor, das Inkrafttreten der verschärften Bilanzvorschriften noch einmal um vier Jahre zu verschieben, so daß die Banken den Wert ihrer Aktienpakete weiterhin zu den Phantasiepreisen längst vergangener Zeiten angeben können. Andere fordern, die Regierung solle über die staatlichen Rentenfonds verstärkt Aktien aufkaufen. Hiroshi Okuda, Chef von Toyota Motors und zugleich des Japanischen Industrieverbandes, drängt, die Zentralbank selbst müsse sich als Käufer letzter Instanz am Aktienmarkt betätigen.

Die Bank von Japan versucht, die Panik auf den Märkten erst einmal zu dämpfen, und gibt bekannt, sie habe innerhalb von zwei Tagen zusätzlich rund 17Mrd. Dollar an kurzfristigen Geldern in das Bankensystem gepumpt. Mit einem ähnlich hohen Betrag hatte die Bank von Japan bereits im Januar und Februar an den Währungsmärkten - gegen den Yen und für den US-Dollar - interveniert. Am 12. März beruft Regierungschef Koizumi Minister und Zentralbankvertreter zu einer Notstandssitzung zusammen. Zu außergewöhnlichen Maßnahmen kann man sich noch nicht durchringen. Aber Koizumi gibt bekannt, man werde alles tun, "um eine Finanzkrise zu verhindern".

London, 12. März. In der City herrscht Panik. Das Schicksal von Tony Blair scheint inzwischen genauso gefährdet wie das der führenden Lebensversicherungen. Der FTSE-100-Index stürzt erneut um 5% nach unten und erreicht den tiefsten Stand seit April 1995. Die Lebensversicherer, die bis zu 70% der Einzahlungen ihrer Kunden in Aktien angelegt hatten, stehen vor dem Untergang und sind zu weiteren Notschlachtungen ihrer Aktienpakete gezwungen.

Die oberste Finanzaufsicht FSA betont, sie verfolge die Lage intensiv und stehe Gewehr bei Fuß zur Rettung des Versicherungssektors. Robert Buckland von der Citigroup London beschreibt die Stimmung folgendermaßen: "Wir befinden uns auf unerforschtem Terrain. Dies sind historische, beispiellose Vorgänge - zumindest für die letzten 40 Jahre. Niemand in der City kann behaupten, jemals zuvor so etwas erlebt zu haben. Dies ist eine Art nach unten sausender Todesspirale."

Frankfurt, 12. März. Erstmals seit November 1995 fällt der DAX-30-Index unter die Marke von 2200 Punkten. Er hat damit 73% seines Höchstwertes vom 10. März 2000 eingebüßt - der größte Aktiencrash in Deutschland seit 1929. In diesen drei Jahren ist der DAX-30 von 8136 Punkten auf zeitweise 2189 Punkte zusammengeschrumpft. Allein der Marktwert der 30 führenden deutschen Aktien schmolz in diesem Zeitraum von gut einer Billion Euro auf 320Mrd. Euro zusammen, d.h. rund 700Mrd. Euro haben sich hier in Luft aufgelöst, ein Betrag, mit dem man alle Haushaltsdefizite der Regierung über mehr als ein Jahrzehnt hinweg begleichen könnte.

Dabei handelt es sich schon lange nicht mehr um eine Korrektur der "New Economy"-Blase, welche etwa die Kurse der Deutschen Telekom von einst 103 Euro auf nunmehr 9 Euro herunterdrückte. Seit Anfang 2002 trifft der Aktiencrash in Deutschland insbesondere die großen Banken und Versicherungen und hat inzwischen sämtliche Sektoren erfaßt. Dennoch kamen Anleger beim DAX noch deutlich besser weg als auf dem "Neuen Markt": Dort verloren die Kurse in den letzten drei Jahren bis zu 97%.

Kursverluste von DAX-Unternehmen
UnternehmenHöchststandStand 12.03.03Veränderung
MLP168,05,8-97%
Infineon92,56,0-94%
HypoVereinsbank89,47,4-92%
Deutsche Telekom102,99,1-91%
Allianz433,557,0-87%
Commerzbank44,05,6-87%
TUI58,27,9-86%
Müchener Rück388,064,6-83%
Bayer56,910,6-81%
ThyssenKrupp33,57,0-79%
Metro75,015,9-79%
DaimlerChrysler101,523,9-76%
Siemens127,032,6-74%
SAP262,068,1-74%
Deutsche Lufthansa27,77,4-73%

Der deutsche Finanzsektor wurde vom dreijährigen Aktiencrash besonders schwer getroffen. Zu allem Überfluß haben sich die amerikanischen und britischen Ratingagenturen nun auch noch auf die Banken und Versicherungen des europäischen Kontinents eingeschossen.

So erklärte die britische Ratingagentur Fitch Anfang März, eine "Vielzahl" von Lebensversicherungen in Deutschland werde ohne "massive Zuführung" von neuem Kapital im Verlaufe des Jahres 2003 in eine "existenzbedrohende" Lage geraten. Die Zahlungsunfähigkeit einiger größerer deutscher Lebensversicherungen könne daher nicht mehr ausgeschlossen werden. Zu den am meisten gefährdeten Instituten zählt laut Fitch die Mannheimer Lebensversicherung.

Zugleich schockte der amerikanische Großinvestor Warren Buffett den weltweiten Versicherungssektor mit der Warnung, ein führendes Rückversicherungsunternehmen könne den Zahlungsverpflichtungen gegenüber seinen Kunden, dabei handelt es sich um Dutzende ohnehin angeschlagener Versicherungen, schon seit geraumer Zeit nicht mehr nachkommen. Schnell machten Gerüchte die Runde, Buffett könne nur die Rückversicherungssparte des Kölner Gerling-Konzerns gemeint haben. Diese schließt in der Tat seit einem halben Jahr keine neuen Geschäfte mehr ab und soll nach Möglichkeit verkauft werden, kommt aber nach Darstellung von Gerling sämtlichen Verpflichtungen nach.

Fitch entdeckte sodann ein weiteres Problem europäischer Banken und Versicherungen: Kreditderivate. Mit diesen neuen Finanzinstrumenten - das weltweite Volumen ist in den vergangenen drei Jahren geradezu explosionsartig angewachsen und beträgt nunmehr rund 2 Billionen Dollar - können Banken ihre Kreditrisiken an andere Finanzinstitute abtreten, zumeist an Versicherungen oder risikofreudige Fonds. Die Banken zahlen der Gegenpartei dabei einen vereinbarten Betrag.

Wenn der Kreditnehmer zahlungsunfähig wird, muß die Gegenpartei des Kreditderivatgeschäfts für den vollen Schaden geradestehen. Fitch hat herausgefunden, daß viele europäische Banken Kreditderivate nicht nur zur Minderung ihres Kreditrisikos einsetzen, sondern umgekehrt gezielt die Kreditrisiken anderer Banken übernehmen, um auf diese Weise, sofern alles gut geht und der Kreditnehmer nicht pleite geht, in trüben Zeiten etwas nebenbei zu verdienen.

Haben die Zentralbanken einen Plan?

Wie sehr die europäischen Regierungen und Zentralbanken über die Lage auf den Finanzmärkten und insbesondere bei Banken und Versicherungen alarmiert sind, belegt die am 10. März verkündete Einigung auf entsprechende Notfallpläne. Die Aufsichtsbehörden und Zentralbanken aller Mitgliedsstaaten der Europäischen Union unterzeichneten eine Absichtserklärung, in der konkrete Vorbereitungen und Notmaßnahmen für den Fall einer systemgefährdenden Finanzkrise in Europa festgelegt werden. Die Einzelheiten des Memorandums wurden nicht veröffentlicht. Aber Edgar Meister, Vorstandsmitglied der Bundesbank, versicherte, durch die Einigung sei sichergestellt, daß nationale und internationale Aufsichtsbehörden und Notenbanken binnen vier Stunden nach dem Ausbruch eines grenzüberschreitenden, finanziellen Notfalls auf koordinierte Weise in das Geschehen eingreifen könnten.

Bankenkrisen sind natürlich kein europäisches oder japanisches Privileg. Dies unterstreicht die überraschende und dramatische Stellungnahme eines Vorstandsmitglieds der US Federal Reserve vom 10. März. William Poole, Gouverneur der Federal Reserve von St. Louis, warnte eindringlich vor den Gefahren des Platzens der amerikanischen Immobilienblase, insbesondere für die beiden Giganten des Hypothekenkreditgeschäfts, Fannie Mae und Freddie Mac.

Die beiden Institute - die zwar vom Staat geschaffen wurden, aber über keine explizite Regierungsgarantie verfügen - haben ausstehende Hypothekenkredite in Höhe von zusammen 3,1 Billionen Dollar in ihren Büchern. "Sollte ein Managementfehler oder ein unvorhersehbarer Schock eine der beiden Firmen treffen, könnte das eine Krise an den US-Finanzmärkten mit ernsten Schäden für den Wohnungsbau und die US-Konjunktur auslösen," betonte Poole. Innerhalb von "wenigen Tagen oder sogar Stunden", fügte er hinzu, könne dann eine die gesamte Volkswirtschaft bedrohende Krise losbrechen. Aufgrund der enormen Verbindlichkeiten von Fannie Mae und Freddie Mac kämen die Kreditmärkte in massive Schwierigkeiten. Poole: "Was würde geschehen? Ich weiß es nicht. Niemand weiß es."

Lothar Komp

 

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