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Aus der Neuen Solidarität Nr. 37/2001:

Oligarchischer Propagandakrieg gegen Putin

Anglo-amerikanische Kreise wollen Putins Eurasien-Politik zerstören und benutzen dafür den mafiosen Geschäftsmann Boris Beresowskij.


"Schweigen wäre tödlich"
Die Soros-Connection

Beresowskijs "gute Beziehungen"

Seit Ende August läuft eine Kampagne zum Sturz des russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin, die auch als Vorbereitung zu einem Anschlag auf Putins Leben zu sehen ist. Koordiniert wird dieser Angriff vom russischen Oligarchen und kriminellen Geschäftsmann Boris Beresowskij, der einen "Propagandakrieg im Herbst" gegen Putin angekündigt hat und schon früher äußerte, Putin bis zum Jahresende stürzen zu wollen. Nachforschungen haben ergeben, daß hinter Beresowskij amerikanische und britische Geheimdienstkreise sowie Netzwerke des Megaspekulanten George Soros stehen.

Hintergrund dieses Machtkampfes ist die enorme Hysterie und Verzweiflung in den höchsten Etagen der finanziell-politischen Eliten in New York, Washington und London angesichts des immer schnelleren weltweiten Wirtschafts- und Finanzzusammenbruchs. Unter solchen Umständen reagieren diese Eliten - ähnlich wie die britische Oligarchie, als sie die Dynamik hin zum Ersten Weltkrieg entfesselte - mit einer "geopolitischen" Provokation, um die entscheidenden Mächte Eurasiens zu unterminieren. Sie wollen um jeden Preis verhindern, daß eine Gruppe eurasischer Nationen entsteht, die zur Überwindung der Krise gezielt eine Politik im Sinne von LaRouches Programm der Eurasischen Landbrücke betreibt.

In den letzten Monaten hat sich Präsident Putin als fähiger Staatsmann erwiesen, der sein Land vom wirtschaftlichen Selbstmordkurs abbrachte und vielversprechende Beziehungen mit Kontinentaleuropa, mit China, Indien und anderen asiatischen Nationen aufbaute. Aus Rußland ist zu hören, daß Putin den früheren Ministerpräsidenten Jewgenij Primakow, einen der Architekten einer "eurasischen" russischen Politik, in eine wichtige außenpolitische Position berufen will. Seine Regierung hat auch Schritte ergriffen, um die Abhängigkeit der Binnenwirtschaft vom US-Dollar abzubauen und Gold als wesentliches Element für die Währung wiedereinzuführen (siehe dazu auch den Artikel auf Seite 1 sowie die letzte Ausgabe der Neuen Solidarität).

Bei einigen Anglo-Amerikanern stößt Putin mit seiner Politik auf alles andere als Gegenliebe. Ein außergewöhnlich gut unterrichteter britischer Rußland-Experte sagte dazu am 5. September in einem Hintergrundgespräch: "Ich bin mir sicher, daß Putins Leben in erheblichem Maße gefährdet ist. Es gibt Leute, die fest entschlossen sind, ihn loszuwerden, und Putin weiß das. Die Kampagne gegen ihn ist kalkuliert und koordiniert, und sie steht im Mittelpunkt eines Planes, Rußland zu destabilisieren. Putin hat sich als ein nüchterner, ruhiger und gefaßter russischer Staatschef erwiesen, und einige Leute sind darüber sehr irritiert." Der Angriff auf Putin treffe zeitlich mit einer "turbulenten, fast erdbebenartigen Debatte in Rußland über die Zukunft des Landes" zusammen, in der von Putin viel Fingerspitzengefühl gefordert sei. "Putin versucht sehr geschickt, gleichzeitig die Beziehungen mit Europa und mit China aufzubauen", fuhr der Experte fort. Dies geschieht trotz vieler Stimmen aus dem anglo-amerikanischen Lager in Rußland, die eine "eurasische" Politik Rußlands ablehnen.

"Schweigen wäre tödlich"

Der bisherige Höhepunkt des Angriffs gegen Putin war die Veröffentlichung eines 24seitigen Ausschnitts aus einem neuen Skandalbuch, das im Oktober in Rußland erscheinen soll, in dem Boulevardblatt Nowaja Gaseta am 27. August. Darin wird behauptet, der KGB-Nachfolger FSB habe zu der Zeit, als Putin im FSB nach oben rückte und 1998 dessen Chef wurde, zahlreiche Verbrechen begangen. So habe der FSB Terroranschläge organisiert, russische Politiker ermordet und den Tschetschenienkrieg vom Zaun gebrochen.

Die Autoren des Buches sind der Amerikaner Jurij Felschtinskij und der frühere FSB-Oberstleutnant Alexander Litwinenko, der seit Mai 2001 als politisch Verfolgter Asyl in Großbritannien genießt. Allerdings ist es in Rußland kein Geheimnis, daß hinter Felschtinskij und Litwinenko das Geld und die Macht Beresowskijs stehen. Ein bekannter russischer Stratege bezeichnete am 5. September das Buch und die Veröffentlichung der Nowaja Gaseta als "Meisterstück der Beresowskij-Propaganda".

Die Tageszeitung Sowjetskaja Rossija reagierte auf die Veröffentlichung der Nowaja Gaseta mit einem Artikel mit der Überschrift "Schweigen könnte gefährlich sein", der am 4. September von der Internetseite strana.ru veröffentlicht wurde. Dort heißt es: "Das Buch ist voller Fakten, Telefonnummern, Namen und analytischer und operationeller Berichte des FSB. Auf den ersten Blick scheint es von Litwinenko geschrieben. Die wahren Autoren sind der russische Exil-Geschäftsmann Boris Beresowskij und die CIA. Der zwielichtige Magnat, der wegen seiner erzwungenen Isolation und Demütigung Putin haßt, hat das Buch auf den Präsidenten geworfen wie eine Bombe. Es ist ein Sprengkörper von enormer Zerstörungskraft, der direkt gegen Putins Büro im Kreml zielt. Schweigen seitens des Präsidenten bedeutete, daß die Explosion ihn vernichtet hat."

Am 4. September brachte die Tageszeitung Moscow Times einen Bericht über das Buch mit einem in der Vorwoche geführten Interview mit Felschtinskij, der darin die Behauptungen des Buches verteidigt. Bezeichnend ist, daß Felschtinskij sagt, das Buch erzähle "die Geschichte, wie der FSB in einer mehrstufigen Operation Jelzins Reformen beendet hat". Die vom Westen diktierten "Reformen" des früheren Präsidenten Boris Jelzin waren bekanntlich in wirtschaftlicher und sonstiger Hinsicht verheerend für Rußland.

Die Moscow Times fügt auch hinzu: "Oleg Gordiewskij, ein ehemaliger KGB-Offizier, der 1985 nach Großbritannien überlief, erklärte telefonisch aus London, er habe das Manuskript gelesen und traue den Informationen." Lyndon LaRouche hat Gordiewskij schon in den 80er Jahren als Sprachrohr anglo-amerikanischer Desinformation angeprangert. Gordiewskij verfaßte übrigens schon im November 2000 einen Artikel für den zum Hollinger-Konzern gehörenden Londoner Daily Telegraph mit der Überschrift "Putin könnte schlimmer sein", als wir denken".

Die Soros-Connection

Alexander Litwinenko hat einen bemerkenswerten Werdegang hinter sich. 1998, kurz bevor Putin FSB-Chef wurde, behauptete Litwinenko auf einer Pressekonferenz, er habe verschiedene "illegale Befehle" erhalten, unter anderem zur Ermordung Beresowskijs. Wie hochrangige russische Quellen erklären, war er damals oder spätestens kurz danach von Beresowskij "gekauft". Als Putin FSB-Chef wurde, wurde Litwinenko verhaftet; 2000 ließ man ihn wieder frei mit der Auflage, Rußland nicht zu verlassen. Er tat es trotzdem, tauchte in England auf und wurde dort im Mai 2001 von der Regierung als politischer Flüchtling anerkannt.

Bei der Flucht aus Rußland half ihm russischen Presseberichten zufolge der russische Emigrant Alexander Goldfarb, ein Mitarbeiter von George Soros. Goldfarb leitet nominell ein von Soros finanziertes Programm zur Tuberkulosebekämpfung. Dies entbehrt nicht einer gewissen Ironie, denn schließlich waren es die von Soros massiv propagierte "Schocktherapie" und "Reformen", welche die Ausbreitung von Tuberkulose in Rußland massiv beschleunigten.

Als sich Litwinenko im letzten Jahr aus Rußland absetzte, begann er in der Türkei mit Goldfarb zusammenzuarbeiten; es ist stark zu vermuten, daß diese ganze Operation von Beresowskij und Soros ausgeheckt wurde. Offiziell war Goldfarb sein Übersetzer. Darüber hinaus besorgte er Litwinenko einen Rechtsanwalt in New York und organisierte seine Übersiedlung nach Großbritannien.

Felschtinskij wiederum ist ein recht bunter Vogel. Er emigrierte 1978 aus der Sowjetunion in die USA und wurde nach einiger Zeit amerikanischer Staatsbürger. Nachdem er seine Dissertation geschrieben hatte, erhielt er 1993 als erster Ausländer einen Doktortitel von der Russischen Akademie der Wissenschaften. Er hat mehrere Bücher verfaßt, die in London erschienen, und bezeichnet sich als einer der führenden Experten und Archivare über Leon Trotzki.

Beresowskijs "gute Beziehungen"

Beresowskij ist bei alledem kein Einzelgänger. Der bereits zitierte britische Experte erläuterte: "Mir erscheint das Auftauchen dieses Buches sehr ominös. Beresowskij ist verzweifelt, weil er weiß, daß sich das Netz hinter ihm zuzieht, und er führt einen persönlichen Rachefeldzug gegen Putin. Schlimmer noch ist, daß Beresowskij hier in England sehr gute Beziehungen hat. Er hat in London eine Operationsbasis, ein Büro und ein Haus sowie eine Menge finanzieller Kontakte."

Weitere Namen, die in Beresowskijs Umfeld auftauchen, sind der australische Medienmagnat Rupert Murdoch, der amerikanische Fernsehprediger Pat Robertson, der "Ramschanleihenkönig" Michael Milken sowie Robert Strauss - der als amerikanischer Botschafter in Moskau unter George Bush senior auch als "König der Diebe" bekannt wurde.

Mark Burdman

 

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