Aktuelle Ausgabe Diese Ausgabe Suchen Abonnieren Leserforum

Aus der Neuen Solidarität Nr. 35/2001:

Ohne LaRouche wird es kein
neues Bretton Woods geben!

Das Weltfinanzsystem bröckelt, der Dollar ist auf Talfahrt - und der Wallstreet-Bankier Felix Rohatyn ruft im Zentralorgan der Londoner City zu einer verdrehten Version von LaRouches Vorschlag eines "neuen Bretton Woods" auf. Was steckt dahinter?


Rohatyn kennt LaRouche seit langem
"Das Schlimmste vermeiden"

Der "LaRouche-Faktor"

In dem Maße, wie die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise völlig aus dem Ruder zu gehen droht, kommt es zu scheinbar paradoxen, aber letztlich gesetzmäßigen Erscheinungen. Führende Leute des anglo-amerikanischen Establishments haben offenbar beschlossen, einige Kernideen LaRouches - wenn auch in verdrehter und doppeldeutiger Form - aufzugreifen, gleichzeitig aber zu verhindern, daß LaRouche in irgendeiner Weise in die laufende Debatte einbezogen wird. Dabei ist LaRouche der einzige Ökonom, der bereits vor mehr als sieben Jahren die jetzige Systemkrise vorhergesagt hatte.

Anfang August wies ein Kenner des britischen Establishments EIRNA darauf hin, daß genau diese Entwicklung geplant sei. Nach seiner Darstellung sei man in den höchsten Etagen des anglo-amerikanischen Establishments zu der Überzeugung gelangt, LaRouche müsse mit ständigen Verleumdungen in Schach gehalten werden, weil er "die wirkliche wirtschaftliche Lage repräsentiert, die zu verleugnen man fest entschlossen ist". Man könnte es sich nicht leisten, auch nur den kleinsten Aspekt von LaRouches Aktivitäten gutzuheißen, "denn dann gewänne alles, was LaRouche tut, an Glaubwürdigkeit". Gleichzeitig seien sich diese Kreise aber nicht zu schade, den einen oder anderen Aspekt von LaRouches Politik aufzugreifen, ohne ihn jedoch als Urheber zu nennen. "Gerade das aber wird LaRouches Einfluß vergrößern," meinte unser Gesprächspartner in London.

Kurz darauf, am 18. August, forderte der Wallstreet-Banker Felix Rohatyn, der unter Clinton amerikanischer Botschafter in Paris gewesen war, in der Financial Times ein "neues Bretton Woods". Eine solche vom amerikanischen Präsidenten einberufene Konferenz wäre "eine ernsthafte Reaktion auf wirkliche Probleme". Nun ist allgemein bekannt, daß sich Lyndon LaRouche seit langem intensiv für ein "neues Bretton Woods" einsetzt und darin von führenden italienischen Parlamentariern, Landtagsabgeordneten in den USA und anderen bekannten Ökonomen und Politikern auf der ganzen Welt unterstützt wurde.

Rohatyn ist seit langem mit den Konzepten und dem weltweiten Einfluß LaRouches vertraut. Daß er dennoch den Namen LaRouche mit keiner Silbe erwähnt, ist möglicherweise wichtiger als der Artikel selbst und läßt den Schluß zu, daß Rohatyn ganz andere Dinge im Schilde führt.

Wenn sich ein Mann wie Rohatyn zum Fürsprecher eines Vorschlags macht, der in seinen Kreisen bisher völlig tabu war, ist das ein Gradmesser für die verzweifelte Stimmung an der Wall Street und in der Londoner City. Inzwischen ist selbst in den führenden Blättern des transatlantischen Establishments offen davon die Rede, daß die Wirtschaftskrise längst die "trilateralen Säulen" des Industriesektors ergriffen hat: die Vereinigten Staaten, Japan und Europa. Darüber hinaus wird eine schwere Dollarkrise erwartet, nachdem die US-Währung seit Anfang Juli gegenüber anderen wichtigen Währungen bereits 10% an Wert verloren hat.

Rohatyn kennt LaRouche seit langem

Der heute 73jährige Felix Rohatyn war schon in den 60er Jahren ein Topbanker im einflußreichen Investmenthaus Lazard Freres. Lazard kontrollierte maßgeblich das Establishmentblatt Washington Post, das Mitte der 70er Jahre das ungeschriebene Gesetz erließ, über LaRouches Politik und seine Aktivitäten dürfe nicht berichtet werden, es sei denn in Form von Verleumdungen.

Zwischen 1975 und 1993 war er Vorsitzender der mit diktatorischen Vollmachten ausgestatteten Finanzverwaltung New Yorks, der sog. Municipal Assistance Corporation ("Big MAC"), von deren Sparbeschlüssen sich New York bis heute nicht erholt hat. Unsere Zeitung und ihr nahestehende US-Publikationen haben damals ausführlich dokumentiert, daß LaRouche und seine politische Bewegung mit ihrer Forderung nach einem Schuldenmoratorium den Hauptwiderstand gegen Rohatyn darstellten. Somit ist Rohatyn spätestens seit dieser Zeit mit den Konzepten LaRouches vertraut.

Enge Beziehungen unterhält Rohatyn zu Henry Kissinger, der in den 80er Jahren eine Hexenjagd gegen LaRouche eröffnete, die schließlich mit dessen Verurteilung und Inhaftierung endete. Und wahrscheinlich ist Rohatyn auch der Autor des einzigen Kapitels in Henry Kissingers jüngstem Buch, das etwas mit der wirklichen Welt zu tun hat. In diesem Kapitel drückt Kissinger seine fast panikartige Sorge vor einem weltweiten Finanzkrach aus. Rohatyn entstammt zwar ebenso wie Kissinger, figürlich gesprochen, den Tiefen des Danteschen Infernos, aber dumm ist er nicht.

Rohatyn, der in der Demokratischen Partei der USA eine einflußreiche Rolle spielt, ist klar, daß unter der gegenwärtigen Regierung Bush das Spiel für ihn und seine Freunde aus ist und sich LaRouches Einfluß praktisch jederzeit unkontrollierbar ausweiten könnte. Die gefährliche Imkompetenz der US-Regierung zeigt sich u.a. an der absurden Realitätsverleugnung von Finanzminister Paul O'Neill, der bis vor kurzem sogar bestritt, daß es in Argentinien eine Krise gibt - und dies für die USA immer noch bestreitet. Diese Krise könnte aber den Interessen von Rohatyns Kreisen überaus gefährlich werden. Außerdem ist Rohatyn bewußt, daß unter der Regierung Bush der Einfluß der USA weltweit massiv abnimmt, was eine erhebliche Gefahr für das "System", wie er es versteht, bedeutet.

In den letzten Wochen seiner Amtszeit als amerikanischer Botschafter in Frankreich hatte sich Rohatyn öffentlich gegen Bushs Eintreten für die Todesstrafe ausgesprochen und berichtet, daß man in Europa der bevorstehenden Wende in der amerikanischen Politik fassungslos gegenüberstünde. Er selbst sei überrascht, wie tief diese Vorbehalte in Europa seien, sagte er.

"Das Schlimmste vermeiden"

In der Financial Times schrieb Rohatyn nun: "Ich bin bereits seit einiger Zeit überzeugt, daß die Zeit für eine neue Bretton-Woods-Konferenz gekommen sei. Die Aufgaben der Institutionen, die vor 50 Jahren geschaffen wurden, müssen der heutigen Lage angepaßt werden, um den Bedürfnissen einer Welt, die sich massiv verändert hat, zu entsprechen... Trotz aller Bemühungen der letzten Jahre seitens der internationalen Finanzinstitutionen und der führenden Industrieländer hat der größte Teil der Weltbevölkerung immer noch unter Armut und Krankheiten zu leiden, und die Wohlstandsunterschiede scheinen sich eher zu verstärken als abzunehmen.

Ich bin fest von den Vorteilen der Globalisierung und des modernen Kapitalismus überzeugt, aber ich glaube auch, daß diese nicht allen offenstehen.

Ein neues Bretton Woods, einberufen durch den amerikanischen Präsidenten und den UN-Generalsekretär, müßte Vertreter der Industrienationen wie der Entwicklungsländer und ebenso Vertreter von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und führende Vertreter des Privatsektors einschließen.

Eine neue Bretton-Woods-Konferenz unter breiter Beteiligung des Privatsektors und der NGOs könnte dazu beitragen, eine Entwicklung zu stoppen, die sich sicher weiter verschärfen wird, wenn nichts unternommen würde. Sicher wäre ein solches Treffen umstritten, aber es wäre eine ernsthafte Antwort auf wirkliche Fragen. Es wäre auch eine Herausforderung an die Gegner der Globalisierung, konstruktive Vorschläge zu machen."

Der "LaRouche-Faktor"

Einiges von dem, was Rohatyn schreibt, bezieht sich direkt auf Dinge, die LaRouche seit langem fordert, etwa daß eine neue Bretton-Woods-Konferenz vom amerikanischen Präsidenten einberufen werden sollte, sowie die Einbeziehung der Entwicklungsländer. Bis hierin ist nachvollziehbar, daß Beobachter in verschiedenen Ländern zu dem Schluß gekommen sind, der "LaRouche-Faktor" trete in Rohatyns Artikel deutlich zutage.

Aber beim aufmerksamen Lesen ist leicht zu erkennen, daß der Artikel zahlreiche "delphische", d.h. mehrdeutige Elemente enthält, die weder etwas mit den ursprünglichen Bretton-Woods-Absichten Franklin D. Roosevelts noch mit dem heutigen Konzept LaRouches zu tun haben. LaRouche hat wiederholt darauf hingewiesen, daß es in erster Linie Roosevelt und keineswegs John Maynard Keynes gewesen war, der die ursprünglichen Bretton-Woods-Institutionen konzipiert hatte. Roosevelt wollte einen Rahmen für die Zusammenarbeit zwischen den führenden souveränen Nationalstaaten schaffen, in dem die USA eine führende Rolle spielten. In diesem Konzept hatten die damaligen Kolonialreiche der Briten, Holländer, Franzosen und Portugiesen keinen Platz.

In Rohatyns Artikel findet sich kein Wort über diese historische Dimension, vielmehr stimmt er ein Loblied auf das System der Globalisierung an, das in den letzten Jahren die Weltwirtschaft zugrundegerichtet hat. Auch die gewaltbereiten Globalisierungsgegner, die letztlich von den gleichen Netzwerken oder Institutionen kontrolliert werden, die auch für die Globalisierung verantwortlich sind, finden bei ihm nur positive Beachtung. Die Idee, in die Verhandlungen über ein neues Bretton Woods ein Gemisch aus NGOs und privatwirtschaftlichen Interessen einzubeziehen, garantiert ein Scheitern der Verhandlungen, und man fragt sich, ob Rohatyns Vorschlag überhaupt ernst gemeint ist.

Aber die entscheidende Frage bleibt, ob sich Rohatyn und seine Kreise zu der Erkenntnis durchringen können, daß die Idee eines neuen Bretton Woods nicht funktionieren wird, wenn ihr Urheber, der Ökonom und Staatsmann Lyndon LaRouche, nicht voll in die Planungen einbezogen wird.

Mark Burdman

 

Aktuelle Ausgabe Diese Ausgabe Suchen Abonnieren Leserforum