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Aus der Neuen Solidarität Nr. 30/2001:

US-Wirtschaft: Ein Erfolg will sich nicht einstellen

Bilanzen. Das Gerede von einer "zyklischen Abschwächung" bricht in sich zusammen. Im Unternehmenslager jagt eine Hiobsbotschaft die andere.


Düstere Aussichten

Befände sich die amerikanische Wirtschaft in einer gewöhnlichen zyklischen Krise, dann wäre alles ganz einfach. Man warte ein paar Quartale mit negativem Wachstum ab, senke in der Zwischenzeit kräftig die Zinsen und füge noch das eine oder andere Stimulierungsmittel wie etwa Steuersenkungen hinzu. Schon bald sind die überschüssigen Lagerbestände der Unternehmen abgebaut und der neue Wirtschaftszyklus kann beginnen. Auch die Aktienkurse schießen dann wieder in die Höhe.

Doch diesmal ist alles irgendwie anders. Zwar befolgen Greenspan und Bush getreu die übliche Rezeptur, aber ein Erfolg will sich nicht einstellen. Im Gegenteil: nachdem das erste Quartal schon eine Katastrophe war, brachte das zweite Quartal den größten Gewinneinbruch der US-Unternehmen seit mindestens zehn Jahren - und das trotz beispielloser Anstrengungen der Finanzvorstände, ihre Bilanzen zu frisieren, was inzwischen sogar die Aufsichtsbehörde SEC auf den Plan gerufen hat. Es wird aber noch schlimmer kommen. Gerade im Technologiesektor hat sich die Lage im Juni weiter dramatisch verschlechtert - insbesondere in den Bereichen Telekom, Halbleiter, Computer - und mußten sämtliche noch bestehenden Illusionen über eine Besserung im dritten Quartal aufgegeben werden. Auf Grundlage der vorliegenden Unternehmensberichte spricht man an der Wall Street jetzt von einem Kollaps der diesjährigen Unternehmensgewinne im Technologiesektor von 73%.

Da hilft auch kein Greenspan mehr. Schon seit einigen Monaten ist festzustellen, daß nach jedem öffentlichen Auftritt des einst als "Magier" gefeierten Fed-Vorsitzenden die Aktienmärkte durchaus allergische Reaktionen zeigen. So auch am 18. Juli, als Alan Greenspan im Finanzausschuß des Repräsentantenhauses einmal mehr aufgerufen wurde, der Wall Street mit verklausulierten Formulierungen die Zukunft zu weissagen. Alles hatte gehofft, Greenspan werde dabei irgendwie durchschimmern lassen, das Schlimmste sei nun überstanden und die Rettung nah. Aber mitnichten. Die "gute Nachricht", so Greenspan, sei "daß die Wirtschaft immer noch steht", also noch nicht zusammengebrochen ist. Ganz fern am Horizont gebe es zwar gewisse Anzeichen für "zumindest eine leichte Steigerung der realen Aktivität". Aber die Periode schwachen Wachstums sei "noch nicht vorbei" und es bestehe weiterhin "das Risiko, daß die wirtschaftliche Schwäche schwerwiegender ist als gegenwärtig vorherzusehen ist", was dann weitere Zinssenkungen erforderlich machte.

Was soll Greenspan auch anderes sagen. Etwa die volle Wahrheit? Dann müßte er zugeben,

Düstere Aussichten

Schon die bisherige Bilanz ist erschreckend, selbst in der traditionellen Industrie. Wie die Federal Reserve am 17. Juli in ihrem Monatsbericht einräumte, ist die Industrieproduktion in den USA im Juni im neunten Monat in Folge geschrumpft. Einen derart langanhaltenden Rückgang der industriellen Aktivität hat es seit 19 Jahren nicht mehr gegeben. Zugleich sank die Kapazitätsauslastung der amerikanischen Industrieunternehmen auf 77,0%, den niedrigsten Wert seit August 1983. Der Schrumpfungsprozess hat fast alle Branchen erfaßt. Besonders schlimm erwischt wurden die High-Tech-Unternehmen, deren Kapazitätsauslastung im Durchschnitt auf 67,5% abrutschte, sowie die Hersteller langlebiger Konsumgüter wie Elektrowaren, Autos oder Möbel. Betrachtet man das ganze zweite Quartal, so lag die Industrieproduktion um 5,6% unter dem Stand des Vorjahres. Dabei hat der Einbruch der Produktion im Falle der Hersteller von Investitionsgütern dramatische Ausmaße angenommen. Bei industriellen Maschinen und Ausrüstungen betrug der Produktionsrückgang im Vergleich zum Vorjahr 12,2%, im Teilbereich Elektromaschinen sogar 21,3%.

Entsprechend fallen die Quartalsergebnisse der Unternehmen aus. Quer durch alle Sektoren hagelte es da Hiobsbotschaften. Bei American Express ist der Gewinn, unter anderem wegen Verlusten mit hochriskanten Ramschanleihen, um 76% geschrumpft, was nun 5000 Beschäftigte den Arbeitsplatz kostet. Auch die Investmentbank J.P. Morgan meldet einen Gewinnrückgang um 61%. Bei dem Finanzbroker Knight Trading Group, der an der NASDAQ eine führende Rolle spielt, sind es gar 94%. Bei EMC, dem größten Hersteller von Datenspeichersystemen, beläuft sich der Gewinnrückgang auf 75%, bei Apple Computer auf 70%. Ford Motor meldet den ersten Quartalsverlust seit neun Jahren. Dagegen beklagt General Motors "lediglich" ein Abschmelzen der Gewinne um 74%. Ähnlich erging es den Automobilzulieferern Delphi Systems (-61%) und Timken Co. (-94%). International Paper, der weltgrößte Hersteller von Holzprodukten, muß sich mit einem Fünftel der Gewinne des Vorjahres begnügen, usw....

Diejenigen, welche sich weiterhin kurz vor dem Tiefpunkt eines gewöhnlichen Wirtschaftszyklus wähnen, starren wie gebannt auf den Chipsektor. Denn dieser gehörte zu den ersten, die im Spätsommer des vergangenen Jahres zusammenkrachten. Und folglich sollten die Hersteller von Chips für Computer, Telekomausrüstungen und sonstige Produkte die ersten sein, die das Licht am Ende des Tunnels erblicken. Aber gerade die Unternehmen des Chipsektors warten gegenwärtig mit den allerschlimmsten Nachrichten auf. Sie berichten übereinstimmend, der Tunnel sei jetzt dunkler als jemals zuvor:

Bei Intel, dem größten Hersteller von Computerchips, sind die Nettogewinne im zweiten Quartal um 94% eingebrochen, beim Konkurrenten AMD um immerhin 86%. Philips in Holland hat im zweiten Quartal überhaupt keinen Gewinn mehr gemacht, vielmehr 1,5 Mrd. DM Verlust. Statt 7000 werden daher 10000 Stellen abgebaut. Die Kapazitätsauslastung in den Chipfabriken von Philips ist auf 45% gefallen und wird im dritten Quartal sogar auf 35% sinken. In diesem Jahr, so das Philips-Management, werde es keinen Aufschwung mehr geben.

Hynix Semiconductor in Südkorea, neben der Siemens-Tochter Infineon einer der größten Hersteller von Speicherchips in der Welt, hat seit Mitte Juni zwei Drittel seines Aktienwertes verloren, machte im zweiten Quartal rund eine Mrd. Dollar Verlust und wird ab sofort seine Chipfabrik in den USA für den Rest des Jahres schließen. In Taiwan hat der Kollaps der weltweiten Nachfrage nach Chips und anderen Elektronikprodukten den Aktienmarkt auf den tiefsten Stand seit November 1993 abstürzen lassen. Die japanischen Chiphersteller Fujitsu, Toshiba, Hitachi und NEC haben ihre Produktion, zumindest für die Sommermonate, kräftig heruntergefahren.

Einer der weltweit führenden Hersteller von Ausrüstungen für die Chipproduktion, ASML Holding in Holland, verkündet öffentlich, man müsse sich nicht nur von Hoffnungen auf eine Erholung des Sektors im dritten und vierten Quartal verabschieden; auch im ersten und zweiten Quartal des nächsten Jahres werde es nicht besser werden. Der Präsident des Verbandes der Chipzulieferer SEMI, Stanley Myers, erwartet sogar weder für das nächste noch für das übernächste Jahr eine kräftige Erholung. In diesem Jahr, so Myers, werde die Produktion seiner Branche um 35% einknicken. Dies sei "der größte prozentuale Rückgang, den die Industrie je erlebt hat".

Lothar Komp

 

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