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Kommentar.
Jacques Cheminades Kampagne unter dem Motto „Eine Welt ohne City of London und ohne Wall Street” hat den sonst eintönigen, weil nur aus Variationen von Sparpolitik bestehenden Präsidentschaftswahlkampf in Frankreich ziemlich aufgerüttelt. Cheminade hatte auch als erster der Präsidentschaftskandidaten auf den Versuch der deutsch-schweizerischen Terminbörse EUREX hingewiesen, einen spekulativen Angriff auf Frankreich zu lancieren und damit den nächsten Präsidenten auf Linie der „Märkte“ zu bringen. Und um Cheminades Warnung von 1995 vor einem Finanzkollaps in etwa zehn bis zwölf Jahren kommt man auch schwer herum, es sei denn man täte so, als gäbe es diese Vergangenheit gar nicht.
Wenn nun ein bedeutender Teil der deutschen Medienlandschaft lange Zeit nichts zum französischen Präsidentschaftswahlkampf zu sagen hatte, zeigte sie sich damit noch von ihrer besseren Seite. Die Artikel allerdings, die in der letzten Woche vor dem ersten Wahlgang zu lesen waren, kann man kaum als journalistische Arbeit bezeichnen. In Neues Deutschland1 mag das nicht überraschen, wenn man weiß, daß der Name des Autors, Ralf Klingsieck, 1991 auf einer von der Berliner Tageszeitung (taz) veröffentlichten Liste geheimer Stasi-”Offiziere im besonderen Einsatz” stand.2 Aber man ist dann doch überrascht, wenn man im Focus Cheminades Namen in einem Artikel unter dem Titel “Kandidaten-Clowns in Frankreich” wiederfindet;3 ein Artikel, der genau das bietet, was der Titel verspricht.
Natürlich ärgert man sich dann, aber an dieser Stelle sei einmal daran erinnert, daß in Frankreich ab und an sehr gute Dinge geschehen. Im April 1954 kam der Weltkongreß der Internationalen Vereinigung von Journalisten für drei Tage in Bordeaux zusammen. Nach dem Treffen wurde die „Erklärung über die Prinzipien journalistischer Arbeit” veröffentlicht, der sogenannte Code de Bordeaux. Dieser werde „als Grundvoraussetzung für die Arbeitsweise von Journalisten verkündet, die Nachrichten und Informationen sammeln, übermitteln, verbreiten oder kommentieren und über Ereignisse berichten”. Darin heißt es u.a.:
(1) Achtung von Wahrheit und der Anspruch der Öffentlichkeit auf Wahrheit ist die erste Pflicht eines Journalisten.
(3) Der Journalist berichtet nur in Übereinstimmung mit Tatsachen, deren Ursprung er kennt. Er wird keine wichtigen Informationen verschweigen oder Unterlagen fälschen.
(7) Er betrachtet die folgenden Punkte als grobe Verstöße: geistiger Diebstahl; Verleumdung, Beleidigung, Verunglimpfung und unberechtigte Anschuldigung.
(8) Jeder Journalist, der diese Berufsbezeichnung verdient, hält es für seine Pflicht, die vorgenannten Prinzipien gewissenhaft zu befolgen.
Für die Autoren o.g. Artikel gibt es dem Code de Bordeaux nach noch eine Möglichkeit der Ehrenrettung:
(5) Er wird sein Möglichstes unternehmen, um eine veröffentlichte Information zu berichtigen, die sich als unrichtig erwiesen hat.
Das gilt um so mehr für die verantwortlichen Redaktionen. Sie können sich natürlich auch überlegen, ob sie nicht einfach den falschen Beruf gewählt haben. Aber welches andere Berufsfeld braucht Menschen, die nicht willens oder nicht in der Lage sind, die Wahrheit zu sagen?
Ganz unabhängig davon lassen sich die Themen, die Cheminades Intervention im französischen Präsidentschaftswahlkampf auf die Tagesordnung gesetzt hat, nicht einfach wieder wegreden.
Stefan Tolksdorf
Anmerkungen
1. „Kämpfer für Kolonien auf dem Mars”, von Ralf Klingsieck, Neues Deutschland 19.04.2012
2. Laut Der Spiegel vom 08.04.1991 bestritt Klingsieck, für die StaSi gearbeitet zu haben, trennte sich jedoch in gegenseitigem Einvernehmen von der Berliner Zeitung.
3. „Kandidaten-Clowns in Frankreich”, von Manfred Weber-Lamderdière, Focus online, 19.04.2012