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Aus der Neuen Solidarität Nr. 36/2008 |
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Eine antike Tragödie: Euripides, Die Troerinnen, im berühmten Theater von Epidaurus, ein lauer Sommerabend. Fledermäuse fliegen; unten, hell erleuchtet, die Bühne: Troia, von den Griechen eingenommen, Burg und Stadt zerstört, Angst, Wehrufe und Klagen der Frauen vor der Sklaverei - die Warnung des Euripides vor der Hybris: vor Athens Untergang! „Als ob es Siege gäbe, wenn die Menschen sterben!“ (Hekabe)
Eine moderne Tragödie: Chicago Board of Trade, die älteste Termin-, die größte Nahrungsmittelbörse der Welt. An der Spitze des Gebäudes thront eine 9,5 m hohe Statue der Ceres, Göttin der Feldfrüchte. In einem riesigen Saal, der neoliberalen Bühne der Verkäufer und Händler, werden Lieferverträge, Kontrakte, abgehandelt über Weizen, Mais, Reis, Soja, Feldfrüchte in gigantischen Lagerhäusern oder noch gar nicht angebaut, Waren der Zukunft. Diese Verträge heißen Futures, es sind Wetten auf zukünftige Preise von Waren, hier Millionen-, Milliarden-Gewinne! Die Lebensmittelpreise explodieren! Warnung der UN vor weltweiter Hungersnot: 100 Millionen sind bedroht! -
Wer sind die Akteure dieses neoliberalen Theaters? Spekulanten - von lateinisch speculari, von erhöhtem Standpunkt in die Ferne spähend - nach dem schnellen Profit? Banker, Broker-Händler, gefräßige Heuschrecken, wohlhabende Anleger. Ohne 100.000 Dollar freies Kapital läuft nichts, dazu die großen Lebensmittelkonzerne: Nestlé, Kellogg, Unilever, Pepsi, Coca-Cola... Nach dem Zusammenbruch der Märkte in Amerika - Stichwort Hypothekenkrise, 200 000 verloren ihr Haus, Städte wurden ruiniert, eine weltweite Finanzkrise folgte - ziehen Händler ihre Einlagen ab, werfen Milliarden Dollar in Nahrungsmittel und Rohstoffe. Biokraftstoffe aus Mais, Zuckerrohr, Raps ... werden zu den stärksten Preistreibern, je nach Produkt zwischen 26-72 %.
Die Lebensmittelpreise explodieren: Seit Anfang 2006 steigen die Weltmarktpreise für Grundnahrungsmittel wie Getreideprodukte, Speiseöl und Milch drastisch: für Reis um 217%, Weizen 136%, Mais 125%, Sojabohnen 107%. Die Explosion der Preise wird für 2,8 Milliarden Menschen zum Überlebensproblem, fast die Hälfte der Weltbevölkerung, die mit 2 $ oder weniger am Tag auskommen muß. Dort die Gier der Wenigen, hier der Hunger der Völker!
Die trostloseste Prognose der globalen Lebensmittelkrise: Jean Ziegler, der Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen in Fragen des Rechts auf Nahrung: „Wir steuern auf eine sehr lange Periode von Aufständen, Konflikten (und) unkontrollierbarer Instabilität zu, die gekennzeichnet ist von der Verzweiflung der schwächsten Bevölkerungsgruppen. Schon vor der gegenwärtigen Krise ist alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren an Hunger gestorben und 854 Mio. Menschen leiden an schwerer Unterernährung. Was jetzt bevorsteht, ist ein drohendes Massaker.” Ulrich Maurer, ein Linkspolitiker, urteilt: Spekulanten sind Mörder!
Hungerrevolten in 23 Ländern: Haiti, das Menetekel für Revolutionen der Hungrigen? In Haiti, dem Armenhaus Amerikas, in der Hauptstadt Port-au-Prince, ziehen Demonstranten, Hunger, Wut und Gewalt in reiche Villengegenden, sie plündern Geschäfte, brennende Autos, Barrikaden, Schießereien: fünf Tote, auch ein UN-Soldat, die Regierung gestürzt, der Ministerpräsident abgesetzt. Es drohen Chaos, Anarchie. Hungerkrisen sind Krisen des Kapitalismus: sein Zerfall? Die IWF und die Weltbank fürchten die Geister, die sie riefen, die globale Lebensmittelkrise könne Regierungen in großen Teilen der Welt stürzen und Chaos, soziale Unruhen auslösen.
Maßnahmen gegen globale Lebensmittelkrise: Das Europäische Parlament fordert eine verstärkte Kontrolle der Hedgefonds und der Einzelhändler, Künast (die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag) fordert eine wirksame, internationale Regulierung der Warenterminbörsen und die Einführung einer Börsenumsatzsteuer.
Die Politik des „freien Marktes“, des Neoliberalismus: Wer glaubt noch seinen Lobrednern: Sozialabbau + Privatisierung + Globalisierung der Konzerne = Wohlstand der Völker? Seine heillose Rezeptur endet in Niedriglöhnen, Arbeitslosigkeit, Armut, Lebensmittelkrisen, Hunger, Verlust der politischen Freiheit, der Demokratie. G8: Bundeskanzlerin Merkel warnt vor Gefahren durch die Lebensmittelkrise, aber sie ist eine Folge der neoliberalen Politik des freien Marktes, die im EU-Reformvertrag Verfassungsrang erhält: Was für eine widerspruchsvolle Politik!
Eugen Ungerer, Stuttgart
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